Frau Löwenstein, was sieht der Besucher in der Ausstellung in Buenos Aires?

Liliana Löwenstein: Die Ausstellung besteht aus 15 großen Wandtafeln und drei doppelseitigen Bannern; ein echter Stolperstein ist auch ausgestellt. Die ganze Ausstellung wird mit einer zweisprachigen Website www.undestino.net begleitet. Was wir vermitteln möchten ist, wie in Deutschland, zum Beispiel mit Stolpersteinen, Erinnerungsarbeit in bürgerschaftlicher Initiative durchgeführt wird. Stolpersteine sind etwas, glaube ich, was bei den Leuten in Argentinien sehr gut ankommt. Die deutsch-jüdische Gemeinde ist dort eher eine Minderheit. Die meisten jüdischen Familien entstammen eher dem osteuropäischen Raum. Sie sind sehr bewegt, wenn sie von dieser deutschen Erinnerungsarbeit erfahren.

Ausgangspunkt war die Initiative Stolpersteine in Konstanz. Wie kam es dazu, dass Sie die Ausstellung vollständig konzipiert und umgesetzt haben?

Katrin Brüggemann: Durch die Verlegung der Stolpersteine für die Familie Löwenstein hat sich ein persönlicher, freundschaftlicher Kontakt entwickelt. Frau Löwenstein hatte dann die Idee für die Ausstellung und uns angefragt, ob wir diese umsetzen möchten. Wir haben die Ausstellung in sechs Blöcke gegliedert. Erst einmal eine historische Einleitung zum Thema Nationalsozialismus, das für die Schüler in Argentinien eher unbekannt ist. Dann eine Überleitung, wie Gedenken in Deutschland heute aussieht. Als Drittes folgt ein thematischer Block zum Projekt Stolpersteine allgemein und zur Arbeit der Konstanzer Initiative.

Des Weiteren werden unsere Projekte mit Schulen vorgestellt. Und dann haben wir noch drei exemplarische Biografien ausgesucht von jüdischen Familien, die von Konstanz nach Argentinien ausgewandert sind. Auch das Thema der Bedeutung von Stolpersteinen für Angehörige haben wir aufgegriffen. Von der Pestalozzischule, in der die Wanderausstellung zunächst zu sehen ist, kamen noch zwei Biografien dazu von Personen, die nicht aus Konstanz kommen.

Sie haben gerade die Pestalozzischule erwähnt. Warum ist gerade dort die Ausstellung zu sehen?

Löwenstein: Die Pestalozzischule wurde zur Zeit der Gleichschaltung der deutschen Schulen im Ausland als Reaktion des schweizerisch-argentinischen Zeitungsverlegers Ernesto Alemann gegründet. Er rief über die eigene Zeitung „Argentinisches Tageblatt“ andere Eltern auf, eine freiheitliche demokratische Schule zu gründen. So entstand 1934 die Pestalozzischule, die mehrheitlich die Kinder von deutsch-jüdischen Familien, die nach Argentinien kamen, aufgenommen hat sowie Lehrer, die auf Grund ihrer Ideologie in Deutschland verfolgt wurden oder in Gefahr waren. Zur Schulgründung gab es Gratulationen unter anderem von Thomas Mann, von Albert Einstein und von Stefan Zweig.

Wie groß ist das Interesse in Argentinien an der Erinnerungskultur bezüglich der jüdischen Geschichte der NS-Zeit?

Löwenstein: Es ist wichtig, auch in Argentinien ein anderes Bild von Deutschland zu vermitteln. Ab und zu hört man immer noch die Meinung: nein, nach Deutschland reisen wir nicht, mit Deutschen möchten wir nichts zu tun haben. Insofern glaube ich, ist da auch noch in diesen Köpfen einiges zu bewegen und zu verändern. Aber die Erinnerungsarbeit soll auch über die jüdische Gemeinde hinausgehen. Die Resonanz auf die Ausstellung war sehr gut, auch am Tag der Eröffnung in den Medien. In der Pestalozzischule, Ankunftsort für aus Nazideutschland Geflüchtete, an dem sie Geborgenheit gefunden haben, wurde auch eine Stolperschwelle verlegt. Anna Warda, Mitarbeiterin von Gunter Demnig, reiste aus diesem Anlass nach Buenos Aires. In ihrem Grußwort sagte sie, Gunter Demnig habe sich für die erste Verlegung außerhalb Europas entschieden, um auch in dieser Zeit, in der es so viele Flüchtlinge gibt, ein Zeichen zu setzen, und darauf hinzuweisen wie wichtig es ist, auch in anderen Ländern Flüchtlinge aufzunehmen.

Die Geschichte der Juden in Nazideutschland ist die eine Seite. Wie geht Argentinien damit um, dass viele Nationalsozialisten Zuflucht in Argentinien gefunden haben? Adolf Eichmann etwa, der Organisator des Massenmords an den Juden.

Löwenstein: Ich glaube, in Argentinien beschäftigt man sich heute viel mehr mit der Aufarbeitung der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 und den verschwundenen Personen. Man wusste, dass es Nazis gab, die nach Argentinien geflüchtet sind und auch, wo diese sich vielleicht niedergelassen haben. Ich glaube, Juden und Nazi-Deutsche gingen sich einfach aus dem Weg. Man wusste genau, wo man hingeht und wo man nicht hingeht. Der argentinische Journalist Uki Goñi beschreibt in seinem Buch „Odessa: Die wahre Geschichte: Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher“, wie Juan Perón die Flucht von Nazis nach Argentinien sowie ihr Untertauchen ermöglichte. Selbstverständlich ist der Fall Eichmann in Argentinien immer wieder im Holocaustkontext präsent. Hierzu erschien ja auch das weltbekannte Buch des damaligen Mossad-Direktors Isser Harel „La casa de la calle Garibaldi“ („Das Haus in der Garibaldi Straße“). Ebenso gibt es zu dem Fall Priebke, für den Argentinien ein sicherer und langjähriger Zufluchtsort gewesen ist, den Dokumentarfilm des deutsch-argentinischen Dokumentaristen Carlos Echeverría „Pakt des Schweigens. Das zweite Leben des SS-Offiziers Priebke“.

Ist das Schicksal Ihrer Familie auch Teil der Ausstellung?

Löwenstein: Ja. Wie Frau Brüggemann schon sagte, gibt es drei Biografien von Familien aus Konstanz, deren Kinder in Argentinien zur Welt kamen und auch Schüler der Pestalozzischule waren. Das sind die Familien von Isi Guggenheim, Kurt Thanhauser und Kurt Löwenstein.

Sie sind eines der Kinder?

Ja. Die Töchter beziehungsweise Enkeltöchter aus diesen Familien hatten sich aus den Augen verloren. Im Zuge der Ausstellung in Buenos Aires haben wir uns wieder getroffen.

Wie ist Ihre Familie mit diesem Schicksal, der unfreiwilligen Flucht aus Deutschland, umgegangen?

Für meine Mutter ist das alles heute noch sehr schmerzlich und sie spricht nicht gerne darüber, sodass ich mit Fragen immer sehr vorsichtig war. Die Spurensuche begann für mich eigentlich 2014, als ich einen Brief des Rosgartenmuseums anlässlich einer Ausstellung zum 75. Jahrestag der Deportation der badischen Juden erhielt. Frage war, ob es noch Bilder, Dokumente und Objekte aus dieser Zeit gab. Da habe ich wieder vieles rausgesucht; das war für mich eine neue Entdeckung. Im Alter zwischen 13 und 20 habe ich mir öfter solche Dokumente und Bilder angeschaut. Etwas hatte mir meine Mutter über meine Familie väterlicherseits erzählt. Dass sie hier in Konstanz gelebt haben, und dass sie am Wochenende nach Kreuzlingen einen Spaziergang machten. Ich war auch in Laupheim und Rexingen, den Geburtsorten meiner Großeltern, und bin auf zahlreiche Informationen über die Geschichte meiner Familie gestoßen – sogar auf das seit 1814 in Rexingen noch stehende Familienhaus und auf weitläufige Verwandte.

Mussten Sie bei der Konzipierung der Ausstellung Rücksicht nehmen auf Interessen oder Befindlichkeiten?

Brüggemann: Wir waren vollständig frei. Wir haben uns Gedanken gemacht, wie so eine Ausstellung didaktisch und konzeptionell gestaltet sein könnte und haben unsere Überlegungen und Umsetzungen jeweils mit Frau Löwenstein und der Botschaft abgestimmt.

Wie offen war die deutsche Botschaft für die Ausstellung?

Löwenstein: Erinnerungsarbeit, Holocaust, Antisemitismus und neues jüdisches Leben in Deutschland sind sehr wichtige Themen der deutschen auswärtigen Politik. Das Auswärtige Amt verfügt hierfür auch über ein spezielles Referat. Es werden die Mittel zur Verfügung gestellt, damit weltweit solche Projekte gefördert werden können.

Zu den Personen

Liliana Löwenstein ist 56 Jahre alt und Tochter jüdischer Auswanderer nach Argentinien. Sie arbeitet in der Deutschen Botschaft in Buenos Aires im Sprachendienst und in Projekten mit jüdischem Inhalt. Ihre Großeltern organisierten die Flucht ihres Vaters Kurt und dessen Bruders Walter nach Argentinien (1936). Kurt Löwenstein heiratete 1954, die über Bolivien geflohene und aus Breslau stammende Jüdin, Renate Grünberg. Aus der Ehe gingen Liliana und Miguel Enrique hervor.

Katrin Brüggemann (46) ist Mitglied der Konstanzer Stolpersteine-Initiative. Diese organisiert und arrangiert die Verlegung der Gedenkquader, gemäß dem Konzept des Künstlers Gunter Demnig. Vor ehemaligen Wohnstätten Konstanzer Bürger werden Stolpersteine mit den Namen und dem Schicksal in den Asphalt eingelassen. Das soll an diejenigen erinnern, die im Dritten Reich aufgrund ihrer Religion, Nationalität, sexuellen Orientierung, politischen Aktivität oder aus rassistischen Motiven verfolgt und ermordet wurden.