Am Ende steht der Unternehmer vor einem Haufen Schrott. Nichts anderes ist die alte Kiesverladeanlage, die in der vergangenen Woche auf dem Grundstück der Firma Meichle und Mohr abgerissen wurde – und mit der gleichzeitig ein weiteres Stück Industriegeschichte Konstanz‘ verschwindet.

Lohnt es, sich darüber aufzuregen?

Darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Das Betonsilo ist kein schöner Bau und aus fachlicher Einschätzung vermutlich nicht sonderlich wertvoll – für den Denkmalschutz besteht deshalb auch kein zwingender Grund, zu handeln.

Trotzdem reagieren bei jedem Abriss viele Bürger mit Ärger, Zorn und Enttäuschung auf die Zerstörung. Warum?

Die Antwort liegt in der Geschichte. Dass Konstanz eine Stadt mit bedeutender mittelalterlicher Geschichte ist, erkennt jeder Tourist sogar ohne Stadtführung: an den sichtbaren Namen der Häuser, an der mittelalterlichen Architektur der Innenstadt, an der Stadtmauer.

Das industrielle Erbe ist nicht so klar erkennbar.

Dabei ist es bedeutend: Die Textilfirma Herose, die seit 1812 in Konstanz ansässig war. Chemiewerke wie Degussa und Great Lakes, die sich ab Konstanz entlang des Hochrheins bis Basel ansiedelten und den Wohlstand dieser Region über ein Jahrhundert prägten. Die Firma Stromeyer, ebenfalls Textilbranche und einer der größten Zeltfabrikanten Europas. Letzteres Unternehmen prägte das Gesicht eines ganzen Areals am Seerhein.

Heute sind nur wenige Gebäude aus dieser Zeit übrig, die Bleiche und der Wasserturm sind wohl die prägnantesten. Die beeindruckenden Fabrikationshallen sind verschwunden.

Dass Bürger, gerade jene, die in Konstanz aufwuchsen, an den Gebäuden hängen, ist verständlich. Wie ein alter, verratzter Teddy, den man nicht wegwerfen mag, ist auch die Architektur Erinnerung an die Kindheit.

Sie bildet eine vertraute Baulandschaft, an der man sich orientiert, auch wenn sie ihren Nutzen längst verloren hat. Konstanz ist nicht mehr Industriestadt, verdient seinen Wohlstand über Tourismus, Dienstleistung, Handel und smarte Start-ups. Produktion und Fabrikschlote haben ausgedient und sind an diesem Zipfel der Republik nicht zukunftsfähig.

Dennoch bildet die Industrie die Wurzel des Wohlstands und der Ideen, aus denen die Konstanzer Bevölkerung heute ihr Einkommen bezieht. Dies sind Argumente, die für den Erhalt von Industrie-Architektur sprechen.

Dass sich Unternehmer schwer tun, ihre alten Produktionsanlagen für die Nachwelt zu erhalten, ist allerdings ebenso begründbar.

In aller Regel scheitern Pläne des Erhalts an zwei Faktoren: der Wirtschaftlichkeit und einer sinnvollen Nachnutzung. Im Fall des kleinen Areals am Seerhein wäre Geld wohl nicht das Problem gewesen. Es hat in der Vergangenheit sogar Interessenten für Erwerb und Erhalt des Grundstücks gegeben.

Meist scheitern solche Projekte aber am Fehlen einer Idee, in was man eine Kiesverladeanlage und einen historischen Gasthof auf demselben Gelände verwandeln könnte. Ein weiteres gastronomisches Angebot? Eine Kultur- oder Begegnungsstätte? Davon gibt es in Konstanz einige. Und braucht die Stadt nicht dringend Wohnraum?

Es gibt Beispiele für gelungene Nachnutzungen – etwa im Milchwerk Radolfzell, das heute als Tagungs- und Veranstaltungshaus genutzt wird, oder bei der Konstanzer Bleiche, heute Restaurant und Biergarten.

Es gibt Städte wie Singen, deren industrielles Erbe erkennbarer ist. Rheinfelden wiederum hat Europas ältestes Wasserkraftwerk abreißen lassen.

Bei jedem Abbruch geht ein Stück Identität verloren. Das schafft Raum für Neues, das ist das Gute daran. Ob funktionale Bürotürme, die nun geplant sind, das Gesicht der Stadt ebenso prägen werden wie die Industrie, darf man bezweifeln, auch ohne dabei als hoffnungsloser Nostalgiker zu gelten.