Sie unterschreibt mit Sandra. Ihr Nachname steht zwar auf der mitgeschickten Kopie ihres Ausweises. Doch Sandra ist zum freundschaftlichen Gruß übergegangen. Vertrauensvoll hatte sie ihre persönlichen Daten preisgegeben. So läuft das wohl, wenn Betrüger an das Geld von Immobiliensuchenden wollen.

Zu diesem Preis ist es ein Traumhaus in Traumlage: 209 Quadratmeter Wohnfläche für 235.000 Euro. Von den Fenstern aus hat der Bewohner eine wunderbare Aussicht über den Überlinger See, in der Ferne leuchtet die Birnau im Abendrot. Diese Anzeige im Internetportal Immonet klingt nach einem Glückstreffer. Ungesehen zugreifen, werden die einen sagen; Vorsicht Falle wohl die anderen. Nach der Kontaktaufnahme über das Portal antwortet Sandra rasch per E-Mail. Nein, ihr Deutsch sei nicht gut. Deshalb schreibe sie in Englisch. Sie wolle sich aber an einer Übersetzung versuchen und hänge diese an. Ja, ihr Deutsch ist wirklich miserabel, sie hat es nicht besser als ein Internet-Übersetzungs-Programm hinbekommen. Kaum vorstellbar, dass sie selbst das Dossier verfasst hat.

Der Immobilienmarkt insbesondere in Konstanz hat seine ganz eigenen Merkmale. Viele Menschen wollen in die größte Stadt am Bodensee ziehen, andere wollen bleiben. Hier bestimmen geringes Angebot und immense Nachfrage den Preis; seit Jahren nimmt Konstanz Spitzenplätze ein und darf sich gleich hinter Großstädten wie Hamburg und München einreihen. Wer sucht, scheint viel für seinen Traum zu tun. Das ruft Betrüger auf den Plan, die bei Mietobjekten angefangen haben. 90 Quadratmeter in der Innenstadt für 600 Euro bei hochwertiger Ausstattung, das klingt paradiesisch.

Betrüger fordern "Sicherheitsleistung"

Die Bedingung kommt per E-Mail: Vor Besichtigung eine Sicherheitsleistung von 1200 Euro. Ein Versuch, vor dem der Deutsche Mieterbund Bodensee aktuell warnt. Dahinter steckt die gleiche Masche, wie sie nun auch bei zum Verkauf stehenden Immobilien auftaucht. „Diese Fälle sind in letzter Zeit mehr geworden“, sagt Polizist Jürgen Knapp.

Sandra stellt ihre Anzeige mehrfach bei Immonet ein. Sie sei Ingenieurin und mit ihrer Familie nach Großbritannien gezogen, schreibt sie in einer E-Mail. Höchstwahrscheinlich komme sie nur noch im Urlaub nach Deutschland zurück und benötige deshalb die Immobilie, sie nennt sie Eigenschaft, nicht mehr. Sie will noch wissen, wie der Interessent das Haus bezahlen möchte, ob bar oder über Finanzierung.

Abschließend bittet sie um Zusendung einer Ausweiskopie, damit sie diese an eine internationale Immobilienagentur weiterleiten könne. Diese übernehme die weitere Abwicklung, weil sie ja nicht in Konstanz wohne. Der Ausweis sei wichtig für die Besichtigung des Traumhauses, zur Legitimation des Interessenten.

Um Vertrauen zu schaffen, hat sie eine Kopie ihres Ausweises angeheftet. Die Haare streng nach hinten genommen, blaue Augen, feines Gesicht. Das Dokument ist scheinbar von französischen Behörden ausgestellt, Wohnadresse in London. Insofern könnte das mit dem Umzug stimmen. Eine Anfrage an sie bezüglich ihrer offensichtlich fingierten Anzeigen läuft ins Leere.

"An Spottpreisen ist etwas faul"

Bevor es in der Kommunikation weitergeht, besteht Sandra auf eine Ausweiskopie. Bei Jürgen Knapp schrillen in solchen Fällen alle Alarmglocken. Er weiß warum, zum Sachgebiet des Polizisten zählen Betrugsfälle wie wohl dieser wohl einer ist. „Es gibt nichts Günstiges“, sagt der Beamte. Soll heißen: An Spottpreisen ist etwas faul, gerade auf dem angespannten Immobilienmarkt ist Vorsicht geboten. Zudem, wenn Verkäufer und Vermieter in einer fremden Sprache kommunizieren.

Jürgen Knapp nennt ein Beispiel aus der Praxis: 900 Euro hat ein Interessent an ein ausländisches Konto überweisen – damit sollten sich die Türen zum neuen Mietobjekt öffnen: eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit 60 Quadratmetern an der Schneckenburgstraße für 400 Euro warm. Auch einer zweiten Aufforderung über 800 Euro ist er nachgekommen, bei einer dritten ist er stutzig geworden und hat Anzeige erstattet – gegen unbekannt. Das Geld war weg.

Sandra wird 7000 Euro fordern, und sie soll diese SÜDKURIER-Informationen zufolge in mindestens einem Fall erhalten haben. Der Interessent soll sogar mit angeblichen Papieren der internationalen Immobilienfirma am Haus auf die Agenten gewartet haben. Doch es sei niemand gekommen. Die in dem Haus wohnenden Mieter haben ihn darüber aufgeklärt, dass das Gebäude zu keinem Zeitpunkt zum Verkauf gestanden habe. Die gleiche Auskunft an eine ganze Schar weiterer Kaufwilliger, die einfach mal geklingelt haben. Sie zogen enttäuscht wieder ab, zurück blieben entnervte Bewohner und ein entgeisterter Eigentümer.

Ihm geht es wie so einigen Besitzern, deren Häuser für Betrügereien missbraucht werden – vielmehr die Dossiers. Denn sie sind gestohlen. Auch in diesem Fall aus der Bodanrückgemeinde. Ende 2015 hatte der Eigentümer das Haus zur Vermietung inseriert. Rechte an Bildern und Text interessieren Bösewichte nicht. Sie kopierten Dossiers, nutzten es für ihre dreisten Methoden, erklärt Polizist Jürgen Knapp, und: „Mit einem gestohlenen Ausweis wird Seriosität vorgetäuscht.“

Wer in Gutgläubigkeit Sandra eine Pass-Kopie zusendet, muss damit rechnen, dass Ganoven damit ihr nächstes Unwesen treiben; bei Bedarf mit Computerprogrammen verändert. Sandras Foto bleibt, mal heißt sie Anne Selma, mal Beatrice, mal Elena, die Adressen sind stets andere. Inzwischen füllt sie auf einer Internetseite (wohnungsbetrug.blogspot.de) eine lange Warn-Liste zum Thema Betrug mit Immobilienanzeigen. Auf den Partnerportalen Immonet und Immowelt würden täglich mehrere Tausend Objekte inseriert. „Darauf bezogen verzeichnen wir im Monat eine konstant geringe Anzahl von Betrugsfällen“, heißt es aus der Pressabteilung der Portale. Ein eigenes Sicherheitsteam überprüfe regelmäßig die Datenbanken nach Auffälligkeiten „und löscht zweifelhafte Angebote sofort“.

Zweifelhaft, das sei, wenn Größe und Preis einer Immobilie nicht zusammenpassten. Auch nach Hinweisen würden Anzeigen offline genommen. Nach einer manuellen Prüfung gingen diese wieder online, sofern das Angebot unbedenklich sei. Da Ganoven ihre Masche immer wieder ändern, „kann es gelegentlich vorkommen, dass betrügerische Angebote für kurze Zeit auf unserem Immobilienportal zu finden sind“, erklärt die Pressabteilung weiter.

Was passiert, wenn sich Interessenten bereits auf die Anzeigen gemeldet haben und sie drohen, in die Falle zu tappen? „In gewissen Härtefällen informieren wir Nutzer“, antwortet das Partnerportal auf Anfrage. Bei dem Objekt in der Bodanrückgemeinde scheint das nicht passiert zu sein. Die Presseabteilung gibt zu: „Die Anzeige war recht gut gemacht.“

Um Betrug vorzubeugen, betreiben Immonet und Immowelt Aufklärungsseiten. Zudem kooperiere das Unternehmen mit Behörden. Doch die Strafverfolger tun sich schwer. „Betrüger täuschen echte Namen vor“, sagt Polizist Knapp. Sie „agieren oft aus dem Ausland heraus und mit rasch wechselnden E-Mail-Accounts, was eine Rückverfolgung der Absender massiv erschwert“, betonen die Portale. Größte Falle: Die Betrüger zielen auf den Geldtransfer über unsichere Dienste oder Bank-Überweisungen ab, die sich nicht stornieren lassen. An die zumeist ausländischen Konten unter oft fingierten Namen kommen die Ermittler, wenn überhaupt, nur schwer heran.

Betroffene erstatten häufig keine Anzeige

1200 Euro hat auch eine Frau in einem ähnlich gelagerten Fall bezahlt, in der Hoffnung auf einen Besichtigungstermin. Das angeblich holländische Ehepaar wollte eine Sicherheitsleistung über ein anonymes Bezahlsystem; schließlich sei es sehr aufwendig und teuer, extra nach Konstanz zu fahren. Das Geld ist weg. Nähere Angaben für ein polizeiliches Protokoll wollte die Geschädigte nicht machen. Denn, wie Polizist Jürgen Knapp sagt: Vielen sei es peinlich, auf eine Betrugsmasche hereingefallen zu sein. Also erstatten sie keine Anzeige. Im Fall Sandra hat sich bis heute kein Betrogener bei der Polizei gemeldet.

Noch mehr Fälle

Objekte: Kriminelle versuchen Betrügereien mit weiteren Gegenständen. So hat der SÜDKURIER Ende 2015 darüber berichtet, dass für die Überführung eines zum zweifelhaft günstigen Preis angebotenen Wohnmobils 600 Euro fällig werden – zu überweisen auf das Konto eines schwedischen Treuhandunternehmens.Doch dessen Internetauftritt war gefälscht. Die gleiche Masche gibt es mit Design-Möbeln.

Geldtransfer: Wie die Polizei schildert, haben sich Betrüger eine neue Masche einfallen lassen. Sie lassen sich von Interessenten Einzahlungsbelege bei Finanzdienstleistern wie Western Union mit Transaktionsnummern und sogar Ausweiskopien zusenden. Mit diesen Daten schaffen sie es, Geld abzufischen.