Ausgerechnet Großbritannien hatte sich Louisa Wagner damals für das Auslandsstudium ausgesucht. Der Brexit war zwar noch weit entfernt, "aber Europa ist nie wirklich angekommen auf der Insel", sagt Louisa Wagner beim Gespräch in einem Konstanzer Café.

Wagner studiert im siebten Semester Politik und Verwaltung an der Uni Konstanz und ist seit Juli Kreis-Vorsitzende der Jungen Europäer, einem länderübergreifenden Jugendverband mit über 30.000 Mitgliedern.

„Meine Erfahrung in Großbritannien war, dass wenige wussten, was die EU und Europa bewirken. Stattdessen wurde über viele Jahre vieles Schlechte auf die EU geschoben, was ein einfacher Ausweg für nationale Politiker ist.“

Kontakt zu ihren Studienkollegen von damals habe sie bis heute. Die Meinungen zum Brexit seien gespalten. "Die einen haben resigniert, die anderen gehen fast jede Woche auf Demonstrationen gegen den Brexit."

Zu spät also?

"Um den Ausgang des Referendums zu drehen – ja", antwortet Louisa Wagner.

"Ich fühle mich in Europa zuhause" – aber sie versteht auch den Europa-Frust

Dabei geht es doch gerade um die Zukunft der Jungen – und die meisten von ihnen sind, trotz harter Zeiten wie diesen, von Europa und der europäischen Idee überzeugt. Das zeigt zum Beispiel eine 2017 veröffentlichte Studie der Bertelsmann Stiftung.

Auch Louisa Wagner gehört dazu. 22 Jahre alt ist sie, ist mit einer pro-europäischen Kanzlerin Merkel und offenen Grenzen groß geworden. Schon immer hat sie mit Euro bezahlt, und der Schüleraustausch oder das das Erasmus-Auslandsjahr während des Studiums waren für sie selbstverständlich. "Gerade diese Auslandsaufenthalte prägen einen doch auch", sagt Louisa Wagner und ergänzt: "Ich fühle mich in Europa zuhause, egal ob das in Deutschland, Griechenland oder Portugal ist".

Trotzdem sagt sie, "wir sind keine Jubeleuropäer, die alles toll finden, was in der EU gemacht wird". Den Frust vieler Bürger über die EU könne sie verstehen – teilweise. "Auf jeden Fall kann man kritisieren, dass die Stimme der Bürger noch nicht so hörbar ist, wie es sein könnte", sagt Wagner und verweist auf den Rat der Europäischen Union, der im Gegensatz zum Parlament nicht direkt gewählt wird. "Und somit nur indirekt legitimiert ist. Das sehen wir als problematisch an".

"Es ist wichtig, sich mit den Vorteilen der EU auseinanderzusetzen"

Die EU und ihre Institutionen zu verstehen, ist nicht gerade einfach – vielleicht ist es auch das, was viele Bürger frustriert. "Ich verstehe auch manches nicht und lerne ständig dazu", sagt Wagner. Aber es sei wichtig, sich mit Europa und den Vorteilen der EU auseinanderzusetzen – damit nicht das passiert, was in Großbritannien passiert ist.

„Darin sehen wir auch unsere Aufgabe im Verband: Europa den Leuten näher zu bringen, uns auszutauschen, zu diskutieren. Es gibt die Möglichkeit, etwas zu bewegen. Europa ist noch kein sehr altes Projekt, aber eines, das sich mit 500 Millionen Bürgern im ständigen Wandel befindet.“

Und eines, das sich auf viele Aspekte im Leben auswirke – mal abgesehen von normierten Gurken und der Datenschutzgrundverordnung. "Unser Wohlstand muss natürlich irgendwie finanziert werden. Wirtschaft und Konjunktur hängen stark an Absatzmärkten. Offene Grenzen und eine Wirtschaftspolitik, die besser koordiniert ist in Zoll- und Währungsunion wirkt sich darauf natürlich aus", sagt Wagner.

"Wir haben nie Krieg am eigenen Leib erfahren" – auch das lässt Wagner für die europäische Idee kämpfen

Sie erzählt von einer Runde, in der sie mit anderen Jungen Europäern über die Bedeutung von Europa diskutiert. "Einer meiner Kollegen meinte, dass er jetzt im wehrfähigen Alter wäre. Wir wären die Generation, die von einem Krieg oder Konflikt stark betroffen wären", so Wagner.

Gerade in diesen Tagen rückte diese Vorstellung wieder in die Köpfe vieler Bürger – vor fast genau 100 Jahren, am 11. November 1918, endete der Erste Weltkrieg. "Gerade Europa hat uns aber eine sehr, sehr lange Friedensperiode garantiert, wir haben nie Krieg am eigenen Leib erfahren und werden es hoffentlich auch nicht müssen", sagt Wagner und ergänzt: "Es ist ein unfassbares Privileg für meine Generation, in dieser Zeit zu leben".

Die jungen Europäer

  • Bürgerdialog:Am Mittwoch, 21. November findet ab 18 Uhr im Konstanzer Ratssaal unter dem Titel „Völlig losgelöst? – Europawahl 2019“ ein Bürgerdialog statt, organisiert von den JEF Konstanz. Der Tübinger Politikprofessors Thomas Diez hält einen kurzen Vortsrag zur Relevanz Europas für den Einzelnen, danach gibt es Workshops. Interessierte seien herzlich eingeladen und sollten sich im Vorfeld kurz unter info@jef-bw.de anmelden. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos.
  • Die Jungen Europäer (JEF) Baden-Württemberg sind mit rund 1000 Mitgliedern in 25 Kreisverbänden die drittgrößte politische Jugendorganisation im Land. Der Konstanzer Kreisverband ist darunter mit knapp 100 Mitgliedern einer der größten. Die Jungen Europäer engagieren sich überparteilich mit dem Ziel, jungen Menschen Europa näher zu bringen. "Insbesondere machen wir uns für ein transparentes, demokratisches und vereintes Europa stark und glauben, dass insbesondere die Arbeit im lokalen Kontext unverzichtbar ist", so die Vorsitzende Louisa Wagner. Die JEF Konstanz veranstaltet deshalb wöchentliche Stammtische zum gemeinsamen Austausch, Bildungsfahrten zu europäischen Institutionen in Brüssel, Straßburg und Luxemburg sowie Diskussionsveranstaltungen.