Was viele als zeitraubendes Ärgernis empfinden, ist für Feuerwehr und Rettungsdienst ein gefährliches Problem: Tausende Autos, die Woche für Woche die Aufnahme-Grenzen der Konstanzer Straßen sprengen. "So schlimm wie nach Weihnachten habe ich es noch nicht erlebt. Aber das ganze Jahr war extrem", resümiert Klaus-Dieter Quintus, Kommandant der Feuerwehr Konstanz. "Der 27. und 28. Dezember waren katastrophal", sagt José Da Silva, Leiter des Rettungsdiensts im Landkreis Konstanz. Zu spät gekommen sind die Retter deshalb noch nicht. Zwischen den Jahren war es lediglich ein brennender Mülleimer, zu dem die Feuerwehr nicht durchkam, weil Falschparker am Fischmarkt die Zufahrt zur Marktstätte blockierten. "Man hat bisher viel Glück gehabt, viel Glück. Und ich bin der Meinung, man sollte das Glück nicht für sich beanspruchen, bis es schiefgeht", sagt der Feuerwehrkommandant und fügt hinzu: "So kann es nicht weitergehen."
 

Falschparker versperren am Konstanzer Fischmarkt einem Rettungsfahrzeug die Durchfahrt.
Falschparker versperren am Konstanzer Fischmarkt einem Rettungsfahrzeug die Durchfahrt. | Bild: Feuerwehr Konstanz

Wenn die Rettungskräfte ausrücken, geht es nicht selten um Menschenleben – und da zählt jede Minute. Nicht nur die überfüllten Straßen behindern die Einsatzfahrzeuge. "Je mehr Verkehr wir in der Stadt haben, und wenn die Parkhäuser übervoll sind, gibt es Menschen, die stellen das Auto ab, wo es ihnen gerade passt", erklärt Klaus-Dieter Quintus. Wie die Feuerwehr, die mit ihren überbreiten Einsatzwagen auf freie Durchfahrten und breite Rettungsgassen angewiesen ist, damit umgeht? Sie quälten sich schon durch den Verkehr, wenn das erforderlich sei. "Aber wir können in der derzeitigen Situation nicht gewährleisten, dass die vorgeschriebenen Hilfsfristen von uns eingehalten werden und wir können das hier intern durch keine Maßnahmen kompensieren.

"Nach dem Eingang eines Alarms muss die Feuerwehr innerhalb von zehn Minuten mit zehn Mann vor Ort sein. So steht es schwarz auf weiß in der Brandhilfe "Hinweise zur Leistungsfähigkeit der Feuerwehr", erstellt vom Landesfeuerwehrverband und dem Landesinnenministerium.

Zweifel am C-Konzept

Ob das C-Konzept eine Lösung sein kann, die Straßen zu entlasten und der Feuerwehr freie Fahrt zu ermöglichen? "Da sind wir gespalten, denn alles, was jetzt noch über den Bahnhofplatz abfährt, steht dann in der Bodanstraße, die schon längst an ihrer Kapazitätsgrenze ist", sagt der Feuerwehr-Kommandant. Er halte das Konzept für überprüfenswert und schlägt vor: "Man sollte auf den Prüfstand stellen, dass wir ab einer gewissen Zeit die Altstadt schlicht und ergreifend dichtmachen. Die Einkäufer müssen gezwungen werden, das Park- und Ride-Angebot rechtsrheinisch wahrzunehmen. Aber das ist natürlich extrem schwierig umzusetzen." Er wünsche sich erst einmal, dass zumindest gegen die Falschparker stringenter vorgegangen wird.

Für den Rettungsdienst stellen die Falschparker weniger ein Problem dar – der dichte Stau schon eher. Der Rettungswagen kommt zwar leichter durch die Blechlawinen als der Kraftfahrzeuge der Feuerwehr, dennoch zählt bei der Notfallrettung die Minute noch öfter, wenn es zum Beispiel um die Wiederbelebung eines Menschen geht. José Da Silva, Leiter des Rettungsdiensts im Landkreis Konstanz wirft einen Blick zurück auf die Tage 27. und 28. Dezember. "Es war wahnsinnig viel Verkehr. Aber wir haben alle Orte erreicht. Für die Notfallrettung war es schwierig, aber mit dem Signal machbar, der Krankentransport ohne Signal stand im Stau – und die Wartezeiten waren echt lang", sagt er und ergänzt: "Es ist für jeden Autofahrer schlimm, wenn er einen Rettungswagen mit Signal hinter sich hat und nicht weg kann." Die Hilfsfristen konnte die Notfallrettung zwischen den Jahren alle einhalten.

Auch die Polizei trifft das Verkehrschaos – wenn auch nicht ganz so schlimm. "Es war schon sehr viel stehender Verkehr, das haben auch wir gespürt", sagt Dirk Hoffmann, Leiter des Polizeireviers Konstanz. Frappierend sei besonders die Länge gewesen. "Bei entsprechenden Anfahrtswegen ist das schwierig. Der Vorteil bei uns ist, wir haben keine Hilfsfristen." Deshalb gelte es trotzdem, so schnell wie möglich vor Ort zu sein. "Das Problem ist nicht, dass es vor Silvester besonders schlimm war. Ab wann ist es am schlimmsten? Das Problem ist, dass es regelmäßig so ist, jede Woche im ganzen Jahr." Eine zeitnahe Lösung sei wünschenswert. "Das müssen wir auf jeden Fall angehen. Im schlimmsten Fall geht es um Menschenleben. Aber, ich glaube, das ist erkannt", sagt Dirk Hoffmann.

Das Bürgeramt stimmt sich regelmäßig mit der Blaulichtfraktion und den Konstanzer Verkehrskadetten ab, teilt die Stadtverwaltung mit, sieht die Ursache des Verkehrschaos aber woanders. "Die Stautage haben wieder deutlich gezeigt, dass die Zollabfertigung der Flaschenhals ist", erklärt Walter Rügert. Hauptursache der Staus sei zwischen den Jahren die mangelnde Kapazität der Grenzübergänge gewesen und die Tatsache, dass die Gemeinschaftszollanlage nur eine Fahrbahn freigebe. Die Stadtverwaltung will die Verkehrssituation an den Adventswochenenden und zwischen den Jahren zum Anlass nehmen, erneut auf die Schweizer Zollbehörden zuzugehen, um Gespräche zur Lösung der Probleme zu erreichen.

Die Grenzwacht Schaffhausen erklärte bereits vor Silvester, dass die zweite Spur am Autobahnzoll als Standstreifen für die Zollabfertigung benötigt wird. Würden die Grenzbeamten diesen Streifen für Passanten ohne grüne Zettel öffnen, würde das weitere Probleme mit sich bringen, da sich so der Durchflussverkehr und die Zollabfertigung vermischten. Weiterhin, erklärt die Grenzwacht, bringe es nichts, eine weitere Spur zu öffnen: Das Problem der Staubildung würde sich nur verschieben, da die Verkehrswege vor und nach dem Zoll für so ein hohes Aufkommen nicht ausgelegt seien.

Das C-Konzept stellt die Stadtverwaltung nicht in Frage. Parallel zu seiner Umsetzung arbeite die Verkehrsplanung intensiv daran, wie mit technischen Möglichkeiten die Staus reduziert werden können. "Grundsätzlich ist aber darauf hinzuweisen, dass Spitzentage für jedes Verkehrskonzept eine Herausforderung darstellen", erklärt Stadtsprecher Walter Rügert. Und: "Jede Stadt hat nur begrenzte Aufnahmekapazitäten für den Verkehr. Werden diese Kapazitäten überschritten, müssen flankierende verkehrslenkende Maßnahmen ergriffen werden."

Das unternimmt die Stadt

Gegen die Falschparker: Konstanz habe nach Angaben der Stadtverwaltung mit 836 abgeschleppten Fahrzeugen 2016 eine der höchsten Abschleppquoten in Baden-Württemberg, viermal höher als zum Beispiel in Reutlingen. Außerdem sei noch nie so viel sanktioniert worden wie im Jahr 2016. Es wurden 100.000 Verwarnungen ausgesprochen, das ist gegenüber 2012 ein Plus von 50 Prozent.

Gegen den Stau: Bürgeramt und Blaulichtfraktion stimmen sich wegen der Situation regelmäßig ab. Weitere Maßnahmen sind die Arbeitsgruppe Sicherheit Innenstadt und ein vom Baubürgermeister organisierter Workshop mit Experten und Blaulichtfraktion. Hinzu kommt der vom OB beim Bürgerempfang angekündigte Verkehrsaktionstag an Ostern.