Der Priester steht am Altar, um ihn die Ministranten, einer reicht ihm den Kelch. Er fordert die Gläubigen zum Gebet auf. Nach dem Gottesdienst stehen die Gläubigen vor der Kirche zusammen, ein Pfarrgemeinderat tritt auf den Geistlichen zu, um etwas für den Bibelkreis abzuklären.

Im Pfarrhaus feiert eine Gemeindereferentin Abschied. Am Sonntagabend sitzt der Pfarrer an seinem Schreibtisch, um Abrechnungen zu kontrollieren. Er ist nicht nur Seelsorger, sondern auch Finanzverantwortlicher für die Gemeinde.

In zwei Pfarreien ist die Stelle des Priesters momentan vakant

So oder ähnlich verläuft ein normaler Sonntag in jeder katholischen Gemeinde. In zwei Konstanzer Pfarreien ist es im Moment anders: Die Pfarreien Konstanz-Petershausen und Wollmatingen-Allensbach haben aktuell kein geistliches Oberhaupt.

Das hat unterschiedliche Gründe: In Petershausen hatte Pfarrer Andreas Rudiger im November der Gemeinde eröffnet, dass er Vater wird, und beendete daraufhin seine seelsorgerische Tätigkeit vor Ort.

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Im Moment übt Dekan Matthias Trennert-Helwig das Amt des Moderators aus, wie Pfarrgemeinderatsvorsitzende Rita Rotzinger-Magin erläutert, Diakon Jens Sowa versieht die seelsorgerischen Dienste. Im Herbst soll die Stelle neu besetzt werden.

Was in der Pfarrei Wollmatingen-Allensbach geschah

In Wollmatingen-Allensbach war Pfarrer Michael Hipp ein Jahr lang tätig, bis der Pfarrgemeinderat und die Erzdiözese Freiburg eine Versetzung Hipps nach dem diesjährigen Osterfest vereinbarten.

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Die Gründe sind komplex, vor allem in Allensbach hatte es Spannungen zwischen Pfarrgemeinderat und Priester gegeben, Hipp wurden mangelnde Führungsqualitäten vorgeworfen. Hintergrund der Konflikte aber ist ein bislang ungeklärter Vorfall in der Gemeinde Bonndorf, in der Hipp zuvor tätig war. Dort waren Unstimmigkeiten in der Kassenführung aufgetreten, der Fall liegt bei der Staatsanwaltschaft.

Ein Pfarrer ohne Chance – so sieht es eine Ehrenamtliche

Tamara Hummel engagiert sich in der Gemeinde St. Martin Wollmatingen bei der Kommunions- und Firmvorbereitung. Ihr Weg ist ungewöhnlich: sie war evangelisch, engagierte sich bereits als Jugendliche in der katholischen Jugendarbeit und empfand seit jeher die Pfarrgemeinde Wollmatingen-Allensbach als Heimat.

Tamara Hummel.
Tamara Hummel. | Bild: Wagner, Claudia

Später, inzwischen Mutter geworden, konvertierte sie aus Anlass der Taufe ihres Sohnes zum katholischen Glauben. Sie ist eine Frau, die sich einbringt – ihre Gemeinde aber kritisch begleitet.

Dass Pfarrer Hipp die Gemeinde verlassen muss, hält sie für problematisch. Sie räumt ein, dass der Seelsorger durch die Vorgeschichte in Bonndorf stark belastet gewesen sei, findet aber: "Er hat kaum die Chance bekommen, sein Ding zu machen.“

Wenn das Heimatgefühl abhanden kommt

Tamara Hummel bringt damit ein Thema auf, das viele Katholiken umtreibt: die Größe der Pfarreien, die bis vor kurzem Seelsorgeeinheiten hießen. Aus ihrer Sicht ist eine Pfarrei wie Wollmatingen-Allensbach zu groß, das habe auch Pfarrer Gaßmann, Hipps Vorgänger, so gesehen.

Immer wieder komme es zu Spannungen, sagt Hummel, zudem hätten Allensbach und Wollmatingen eine große Distanz zueinander – nicht nur räumlich. Eine Einheit bilden sie nicht. Durch die Größe geht auch das Heimatgefühl verloren, das Hummel seit langem mit Kirche verbindet.

Ein Pfarrer ist kaum in der Lage, Bindeglied und Manager zu sein. Hummel appelliert deshalb an die Verantwortlichen: "Verheizt eure Pfarrer nicht!"

Das Zölibat ist nicht zeitgemäß

Mit dem Zölibat hat Hummel große Probleme, es scheint ihr nicht mehr zeitgemäß. Junge Familien hielten auch deshalb Distanz zur Kirche. Warum sollten Frauen nicht Priesterinnen werden dürfen?

"Veränderung ist dringend nötig, wenn es in fünf Jahren noch Kirche geben soll", sagt Hummel, "es muss wirklich etwas passieren."

Ein Pfarrer sollte das Gefühl von Heimat vermitteln können

Für Antje Albicker und Yvonne Pfeiffer, die sich in der Pfarrei Konstanz-Petershausen für Kindergottesdienste engagieren, ist die Vakanz Grund genug, sich Gedanken zu machen.

Dass Pfarrer Rudiger die Pfarrei verlassen musste, ist für Albicker nicht selbstverständlich: „Es gibt viele Priester, die Kinder haben. Ich denke schon lang, dass man das öffentlich machen sollte.“

Andreas Rudiger fehle ihnen in der Gemeinde vor allem als Mensch, als "unser Pfarrer", als jemand, der die Gemeinschaft zusammen hielt und ein Stück Heimatgefühl vermittelte. Geht das Gefühl des Beheimatetseins in der Kirche inzwischen verloren?

Priester ohne Zölibat? Und Priesterinnen?

Die Frauenordination, die Abschaffung des Zölibats. Das sind große Themen, die gerne auf Synoden diskutiert werden, radikale Änderungen bleiben dann aber aus. Oft wird das damit begründet, dass die katholische Kirche eine Weltkirche sei und nicht überall auf dem Globus die Bereitschaft für die Öffnung des Priesteramts für Frauen bestehe.

Das reicht vielen Gläubigen und ehrenamtlich Engagierten in Deutschland längst nicht mehr. Sie fordern schnellere Veränderungen wie drei Frauen aus Lauchringen, die andere Ehrenamtliche zu einem zweiwöchigen Kirchenstreik im Mai aufrufen. Sie fordern unter anderem das Priesteramt für Frauen.

An der Basis ist Bewegung entstanden, die engagierten Christen wissen, dass es ohne sie nicht mehr geht, dass die Hauptamtlichen die Last der Aufgaben alleine nicht tragen können – und sie spüren ihren Einfluss. Außerdem liegt ihnen ihre Kirche am Herzen.

Ministranten knien vor dem Altar im Gottesdienst. Sie sind nach wie vor ein Aushängeschild unter den vielen Ehrenamtlichen in der Kirche.
Ministranten knien vor dem Altar im Gottesdienst. Sie sind nach wie vor ein Aushängeschild unter den vielen Ehrenamtlichen in der Kirche. | Bild: Reinhardt, Lukas

Wie lange bleiben die Ehrenamtlichen ihrer Kirche kritisch treu?

Christina Leib trägt als Pfarrgemeinderatsvorsitzende der Altstadtpfarrei in Konstanz Verantwortung im Ehrenamt. Auch sie verweist auf die Notwendigkeit von Reformen, möchte, dass Frauen Weiheämter bekleiden können und das Zölibat nur noch auf freiwilliger Basis eingehalten wird.

Immer mehr Ehren- und Hauptamtliche forderten diese Reformen. "Verantwortung zu übernehmen, heißt für mich Partizipation von Anfang an und nicht erst bei der Umsetzung der Beschlüsse", formuliert sie ihr Anliegen.

Die treuesten Gläubigen der katholischen Kirche setzen sich eben mit Kopf und Herz für ihre Kirche ein und dafür, dass sie wieder zur Heimat wird. Antje Albicker und Yvonne Pfeiffer wollen vor ihren Freunden nicht verbergen müssen, kirchlich engagiert zu sein. An kritischen Gläubigen wird in Zukunft kein Weg mehr vorbei führen.