In diesen heißen Augusttagen hat sich Ute Dolle wieder einmal ganz genau an den Sommer 2006 erinnert. Die Konstanzerin war mit ihrer Hündin Aylana im Lorettowald spazieren, als der Labrador unvermittelt stehen blieb. Im Laub lag ein winziges Tierchen, gerade einmal so groß wie ein Daumen. Nackt. Blind. Hilflos. „Aylana war ein sehr hilfsbereiter Hund. Sie konnte es nicht haben, wenn es einem anderen Tier schlecht geht. Ich habe erst gar nicht erkannt, was es war“, sagt Dolle.

So brachten Aylana und sie Paul mit nach Hause. Ihm sollten noch mehr als 200 weitere Eichhörnchen folgen. Heute, zwölf Jahre später, geht es der Tierfreundin selbst gesundheitlich sehr schlecht, sodass sie für die nahe Zukunft auf eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger hofft.

Die erste Ausrüstung bekam sie von einem Verein in Kiel

„Die großen Tiere schaffe ich nicht mehr. Sie einzufangen und dann wieder auszuwildern, ist inzwischen zu anstrengend für mich“, sagt Ute Dolle, die einige Entbehrungen auf sich genommen hat, um Sommer für Sommer die kleinen Nager aufzuziehen. Schon bald nach Pauls Rettung hatte sich herumgesprochen, dass die Konstanzerin ein Händchen hat für die verletzten oder von der Mutter verlassenen wenige Tage alten Jungtiere.

Manchmal haben die winzigen Tiere fast menschliche Züge.
Manchmal haben die winzigen Tiere fast menschliche Züge. | Bild: privat

Von einem Verein in Kiel bekam sie ihre erste Ausrüstung: eine Spritze zum Füttern, Milchpulver, Decken, ein kleines Nest. Langsam verwandelte sich ein Teil von Dolles Wohnung in der Altstadt in einen kleinen Urwald mit Ästen, Schaukeln, Baumstämmen, an denen sich die Jungtiere an ihre spätere Umgebung gewöhnen konnten, nachdem sie ihre ersten Tage in einem Korb mit Heizdecke verbracht haben.

Im Alter von zwölf Wochen werden Dolles Patienten ausgewildert.
Im Alter von zwölf Wochen werden Dolles Patienten ausgewildert. | Bild: privat

„Einzeltiere hänge ich mir um den Hals, dann bekommen sie von mir die nötige Körperwärme“, sagt Ute Dolle, die großen Wert darauf legt, dass die Rettung der putzigen Winzlinge „richtig harte Arbeit“ ist. „Die sind nicht nur süß und kuschelig.“ Und deshalb hat sie Angst davor, niemanden zu finden, der die Eichhörnchenrettung an ihrer Stelle verlässlich weiterführt.

Nächte ohne Schlaf und manchmal mehr als ein Dutzend Schützlinge

In den ersten Tagen müssen die Säuglinge mit einer kleinen Spritze gefüttert werden. „Ein paar Tropfen pro Stunde“, erklärt Ute Dolle. Rund um die Uhr. „Nach den ersten vier Wochen war ich völlig erledigt. Ich hatte keine Nacht geschlafen“, erinnert sie sich an die extremste Zeit des Jahres, die immer zwei bis vier Wochen dauert, und in der sie die meisten Tiere zuhause hat. Einmal waren es 16 zur selben Zeit. „Wenn ich nur eines oder zwei habe, nehme ich sie mit ins Bett. Wenn sie mich wecken, dann füttere ich sie zwei, drei Minuten und schlafe einfach weiter.“

Die ganz Kleinen werden warm eingepackt und mit der Spritze gefüttert.
Die ganz Kleinen werden warm eingepackt und mit der Spritze gefüttert. | Bild: privat

Von April bis September hat Ute Dolle die Tiere bei sich in der Wohnung, ehe sie im Alter von etwa zwölf Wochen ausgewildert werden. Aber auch danach darf sich die Retterin keinen Winterschlaf gönnen. In den kalten Monaten stapft sie mindestens einmal pro Woche durch den Schnee, um ihre Schützlinge in der freien Wildbahn zu füttern.

Nicht nur körperlich anstrengend, sondern auch teuer

„Neben dem Schlafentzug geht das ganz schön ins Geld“, sagt die Konstanzerin, die über die Tierrettung, Tierärzte oder die eigene Website an ihre Schützlinge kommt. „Bis auf Spenden kriege ich keine Unterstützung“, sagt die ehrenamtliche Tierfreundin, die neben spezieller Milch aus den USA, Äpfeln, Pilzen, Möhren und Zwieback vor allem Nüsse füttert – 400 bis 500 Kilo pro Jahr.

„Es weiß keiner, wie lange ich noch helfen kann“, sagt Ute Dolle, die sich Sorgen macht um die Zukunft der Tiere. „Es gibt kaum jemanden, der das macht – abgesehen vom Verein Bio-Top in Volkertshausen. Und die leben auch von Spenden und sind überfüllt.“ Mehrfach schon gab es Interessenten, „denen wurde es aber schnell zu viel, obwohl sie mich nur unterstützt haben“, sagt Ute Dolle.

"Man muss schon ein bisschen bescheuert sein"

Es ist ihr nach wie vor eine Freude, Leben zu retten. „Das sind so kleine Kobolde, sie haben fast menschliche Eigenschaften“, sagt sie, „aber man muss schon ein bisschen bescheuert sein, um das zu machen, denn es ist anstrengend und man ist extrem gebunden.“ Eins ist ihr aber ganz besonders wichtig: „Wenn es jemand machen will, dann wirklich ernsthaft.“