Morgens um 10 Uhr in der Redaktion. Das Telefon klingelt, ein kurzfristiger Termin in der Innenstadt wird abgemacht. Da in Konstanz um diese Zeit Parkplätze schwerer zu finden sind als Straßen ohne Drogeriekettenfiliale und der Journalist in Zeiten des Klimanotstands ein Vorbild sein muss, schwinge ich mich auf das redaktionseigene E-Bike und pedaliere beschwingt den Radweg an der Bahnlinie entlang in Richtung Zentrum.

Nach wenigen Metern kommt mir ein älterer Radfahrer mit grimmigem Blick entgegen. Er brüllt mich an und zeigt mit dem Finger auf mich: „Ohne Helm fährt der Tod mit!“ Oha. Ich schrecke zusammen, gerate ins Trudeln und finde geradeso zurück auf den rechten Weg. Meine Gedanken fahren aber weiter Schlangenlinien.

Im ersten Moment ärgere ich mich. Schließlich radle ich so gut wie nie oben ohne. Die heutige Ausnahme ist der Eile geschuldet. Und außerdem: Was geht denn den das an? Soll sich der Kerl doch um seinen eigenen Kram kümmern.

Andererseits: Vielleicht ist er ja auch nur um mein Wohlergehen besorgt. Der nette ältere Herr hat ja nicht ganz Unrecht. Wie oft habe ich selbst schon kopfschüttelnd beobachtet, wie Eltern ohne Kopfschutz ihren behelmten Nachwuchs begleiten. Bin ich etwa auch ein schlechtes Vorbild? Gar ein rücksichtsloser Hasardeur der Fahrradstraße, der gerade noch so mit dem Leben davon gekommen ist?

Oder, Moment, mir geht ein Licht auf. War das schlicht eine Warnung, die ich wörtlich nehmen sollte? Panisch drehe ich mich um – und kann doch schnell beruhigt durchschnaufen. Auf dem Gepäckträger meines Drahtesels fährt niemand mit. Weder ein Tod mit Helm, noch einer ohne.