Die Zahlen sind erstaunlich: Zwischen März 2016 und März 2017 sind 170 Hotelbetten hinzugekommen, zwischen 2009 und 2014 lag die Zahl bei einem Plus von 400 Betten, insgesamt gibt es in der Stadt fast 5200 Schlafgelegenheiten, eine Steigerung um 25 Prozent gegenüber dem Jahr 2010. Konstanz belegt mit einer an der Millionenmarke kratzenden Übernachtungszahl eine Topplatzierung unter den Touristenzielen am Bodensee. Hotel-Investoren wittern das Geschäft. Es ist ein Hotel nach dem anderen entstanden, ein Ende ist nicht in Sicht. Weitere Neubauten sind auf der Zielgeraden. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) schlägt Alarm.

Dieter Wäschle beobachtet den Trend mit großer Sorge. Er ist nicht nur Chef des Hotels Petershof in Petershausen, sondern auch stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands Baden-Württemberg. Auf die Situation in der Stadt angesprochen, auf immer neue Hotelprojekte, sprudelt es aus Wäschle geradezu heraus. Der Hotelier hat eine klare Position, worauf Konstanz ein Augenmerk legen sollte: "Qualität anstatt Masse", lautet sein Fazit. In den vergangenen Jahren seien vornehmlich Hotels im günstigen Preissegment errichtet worden.

In der untenstehenden Karte finden Sie die bereits bestehenden Hotels (in grün) und die Hotels in Planung (rot):

Beispiele sind die Häuser der Marke Ibis an der Reichenau- und Oberlohnstraße wie auch der Marke B&B gegenüber der Arbeitsagentur. "Diese Entwicklung fällt uns in zehn bis 20 Jahren auf die Füße", ist Wäschle überzeugt, insbesondere, wenn noch weitere Häuser im unteren Sternebereich hinzukämen. Der Markt wird wachsen, das steht fest. Neueste Pläne gibt es für Projekte an der Riedstraße 35 und der Ecke Weberinnen-/Turmstraße: ein etwa 50-Bettenhaus in Wollmatingen und 120 Apartments im Stromeyersdorf (siehe unten). 

"Diese Entwicklung fällt uns in zehn bis 20 Jahren auf die Füße." Dieter Wäschle, Hotelier und Dehoga-Vertreter.
"Diese Entwicklung fällt uns in zehn bis 20 Jahren auf die Füße." Dieter Wäschle, Hotelier und Dehoga-Vertreter. | Bild: Aurelia Scherrer

Was aber tun, wenn Konstanz aufgrund seiner Lage und der Renditemöglichkeiten bei Investoren so beliebt ist? Wenn der Frankenkurs vor allem auch Schweizer Touristen in die Stadt schwemmt, diese ihr Geld hier liegen lassen, das wiederum einen Teil zum Wohlstand der Stadt beiträgt? Eine Entwicklung in Maßen, fordert Dehoga-Vertreter Dieter Wäschle. Wie die aussehen könnte, soll eine Analyse aufzeigen, bei einem externen Büro in Auftrag gegeben von der Marketing und Tourismus GmbH (MTK), das ist ein Tochterunternehmen der Stadt. Ihr Geschäftsführer Eric Thiel erhofft sich durch das Papier eine "Bewertungsgrundlage, wie der Tourismusstandort Konstanz qualitativ weiterentwickelt werden kann". Darauf soll sich eine aktualisierte Strategie mit Handlungsempfehlungen aufbauen. Empfehlungen, auf die die Lokalpolitik bei Bedarf zurückgreifen kann. Erste Ergebnisse erwartet Thiel im Oktober. Ob Konstanz die derzeit zahlreich geplanten Hotels gut tun, ob der Markt diese verträgt, diese Frage ignoriert der MTK-Geschäftsführer.

Hotelier und Dehoga-Vertreter Dieter Wäschle muss nicht lange überlegen, welches Ergebnis die Analyse hervorbringen werde: jene, über die er bereits gesprochen hat: "Konstanz braucht neue Vier- und Fünf-Sterne-Hotels", nicht weitere im unteren Preissegment.

Warum? Starker Konkurrenzkampf in den schlechter ausgelasteten Wintermonaten, Zimmerpreise fallen immer weiter, Rendite für Investitionen in die Betriebe fehlen, aus Festangestellten werden Saisonkräfte, schlecht bezahlte Mitarbeiter benötigen günstigen Wohnraum, den es nicht gibt, es werde nicht mehr ausgebildet – ein düster gemaltes Szenario, Wäschle weiß das. Er habe dieses gemeinsam mit Hotelier-Kollegen bereits OB Uli Burchardt als Mahnung dargestellt und gebeten, diese Entwicklung zu stoppen. Immerhin: Ein hochklassiges Hotel der Marke Hilton entsteht demnächst zwischen Reichenau- und Line-Eid-Straße, auf dem Büdingen-Areal wird es wohl ebenfalls kein Billiganbieter von Übernachtungsmöglichkeiten werden.


Das sind die neuesten Projekte und wie viele Gästebetten es bereits gibt

  • Riedstraße 35: Mit einer Investition von rund 5 Millionen Euro rechnet Marino Semeraro beim Bau eines Hotels in Wollmatingen. Er will es auf seinem schmalen Grundstück errichten, auf dem er derzeit in einem Eisenbahnwaggon ein Hostel und Motel betreibt. Etwa 50 Zimmer plant Semeraro in dem mehrstöckigen Gebäude. Unter anderem will Semeraro in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung die derzeit gefährliche Radwegführung entschärfen. Die Parkplätze sollen attraktiver gestaltet werden, eine Fahrrad-Mietstation und eine Parkanlage sollen das Konzept abrunden. Mit dem Projekt war der Bauherr bereits im Gestaltungsbeirat, derzeit werden die Pläne überarbeitet
  • Stromeyersdorf: 120 Apartments sollen an der Ecke Weberinnen-/Turmstraße entstehen, in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Bürogebäude der Dr.-Lang-Group. Sie plant weitere Neubauten im Umfeld, ebenso ein Parkhaus, für das demnächst Spatenstich sein soll. Das Gesamtensemble wird sich Seepark-Campus nennen und soll mit mehr als 30 000 Quadratmetern Nutzfläche ein neues Herzzstück für Stromeyersdorf darstellen. Mitarbeiter nicht nur der dort ansässigen Firmen, die nur temporär in Konstanz sind, sollen im Apartment-Haus wohnen können. Die Wohnungen haben eine Größe von 20 bis 34 Quadratmeter, eine Gastronomie ist im Gebäude, Fitness- und Veranstaltungsräume, auf dem Dach ein Fußballfeld. Dieses Konzept stellten Kornelius Laukhuf, Geschäftsführender Gesellschaft der Dr.-Lang-Group, und Kai Bodamer, Geschäftsführer des auf kleine Wohnformen spezialisierten Unternehmens I-Live, dem Gestaltungsbeirat jüngst vor. Das Gremium hatte kaum Einwände gegen den Entwurf.
  • Tourismus: 866 123 Übernachtungen hatte die Marketing und Tourismus Konstanz GmbH für 2016 unter dem Strich stehen, weitere rund 150 000 Übernachtungen kommen aus Urlaubs-Apartments. 5186 Betten gab es in der Stadt in 60 Betrieben. Zuletzt weggefallen sind das Hotel Garni Balm an der Wollmatinger Straße, auf dem nun Wohnraum entsteht, gleiches passiert auf dem Gelände des ehemaligen Hotels Garni Sonnenhof an der Otto-Raggenbass-Straße.