Von Null auf Eins. Die Südtiroler Band Frei.Wild stand kürzlich an der Spitze der deutschen Musikcharts, bereits mit ihrem vierten Album. Nicht nur Fans von Deutschrock ist die Band bekannt. Plakativ – im buchstäblichen Sinn – wirbt sie für ihr jüngstes Werk "Rivalen und Rebellen" mit auffälligen Postern. Auch in Konstanz, und das schmeckt nicht jedem. Mehrere der 2,80 Mal 3,80 Meter großen beim Unternehmen Schwarz Außenwerbung angemieteten Flächen sind mit antifaschistischen Äußerungen übermalt worden.

"NZS BXN" gegen Totenschädel und Mittelfinger

Schon für sich sorgt das Poster-Motiv für Aufmerksamkeit bis Befremden: ein Totenschädel auf gelbem Hintergrund, darunter gekreuzte Arme mit ausgestreckten Mittelfingern. Dass sie darüber hinaus von Gegnern beschmiert wurden, hängt mit Frei.Wilds zweifelhaftem Ruf zusammen. "NZS BXN" haben Unbekannte auf ein Plakat am Petershauser Bahnhof gesprüht – eine in antifaschistischen Kreisen geläufige Abkürzung für "Nazis boxen".

Polizei wird tätig – aber nur, wenn der Besitzer Anzeige erstattet

Dabei handelt es sich laut Polizei Konstanz um Sachbeschädigung. Weil sich diese allerdings gegen Privateigentum richte, teilt Sprecher Bernd Schmidt mit, würde nur ermittelt, wenn der Besitzer der Flächen Anzeige erstattet. Schwarz Außenwerbung lässt mündliche und schriftliche Anfragen dieser Zeitung zu Frei.Wild-Plakaten unbeantwortet.

Band distanziert sich von "Extremismus jeder Richtung"

Frei.Wild wird wegen der Vergangenheit von Sänger Philipp Burger in einer Rechtsrock-Band oder stark patriotisch eingefärbter Zeilen wie "Ich dulde keine Kritik an diesem heiligen Land, das unsere Heimat ist" wiederholt nationalistisch-völkisches Gedankengut unterstellt. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete Frei.Wild jüngst als eine "Südtiroler Dampfstrahl-Punkrock-Band, die gerne mit allerlei völkisch-chauvinistisch-nationalistischem herumzündelt, aber dann noch nicht rechts sein will, sondern einfach dagegen". Die Band selbst verwehrt sich "Extremismus jeder Richtung". Die oben zitierte Zeile aus dem Lied "Südtirol" beziehe sich demnach eben genau auf die autonome Region in Norditalien. Sänger Philipp Burger hat sich laut eigener Aussage von der rechtsextremen Szene distanziert.

Konservativ oder klar nationalistisch? Experten streiten über Deutung von Frei.Wild

Klaus Farin kennt Frei.Wild. Er hat die Band und ihre Fans zwei Jahre begleitet und ein Buch über die Zeit geschrieben und sagt: "Frei.Wild ist sicher keine Rechtsrock- und schon gar keine Neonazi-Band, es findet sich keine einzige rassistische Textzeile in ihren Liedern." Sein Buch trägt den Untertitel: Südtirols konservative Antifaschisten.

"Dass Frei.Wild unpolitisch oder gar antifaschistisch wäre, ist Quatsch. Schon ihre Selbstinszenierung als Opfer eines vermeintlich stark linken Mainstreams oder die fehlende Distanz zu klar nationalistischen Texten weisen in eine andere Richtung", sagt dagegen Rechtsextremismus-Forscherin Birgit Mair. Frei.Wild, sagt Mair auch, ist "natürlich keine klassische Nazi-Band, aber das macht sie nicht minder gefährlich für Jugendliche". Neonazis waren und sind in Deutschland verpönt. "Die Neue Rechte zeigt allerdings, dass Rückbesinnung auf völkisches Gedankengut wieder anschlussfähig ist", so Mair.

Über die Plakat-Schmierereien in Konstanz sagt Mair: Die Beschädigungen hätten wohl kaum den erhofften Effekt der Frei.Wild-Gegner. "Er befeuert wohl eher ihren Opfermythos."

Frei.Wild und der Echo

Mehrfach sorgten Nominierungen von Frei.Wild für den Musikpreis Echo für Diskussionen. Zu einem Eklat war es 2013 gekommen. Nachdem mehrere mitnominierte Musiker mit einem Boykott gedroht hatten, zog die Deutsche Phono-Akademie die Frei.Wild-Nominierung kurzfristig zurück. Im Folgejahr berief sie als Veranstalter einen Ethikrat ein, Frei.Wild wurde erneut nominiert. Die Band sagte diesmal selbst ab, weil sie nicht wie gefordert eine Entschuldigung der Jury erhielt. 2016 erhielt sie schließlich den Echo als beste nationale Rockband. Die Vergabe ergibt sich aus der Addition der Wochenplatzierungen der Verkaufscharts.