Juden waren einst hochwillkommen in den Städten im Bodensee-Gebiet. In der Zeit um 1200 bis etwa 1450 erhielten sie Bürgerrechte und nahmen Teil am täglichen Leben ihrer Stadt. Trotz längerer Phasen friedlichen Miteinanders kam es dennoch zu schrecklichen Verbrechen an Juden. Die Ausstellung "Zu Gast bei Juden – Leben in der mittelalterlichen Stadt" im Archäologischen Landesmuseum (ALM) vermittelt schlaglichtartig das Leben von Juden im "medinat bodase", dem "Bezirk Bodensee". Dieser reichte damals von Zürich und Schaffhausen über Ravensburg und Wangen bis nach Feldkirch und Sankt Gallen. Diese Ausstellung ist die erste, die die Universität Konstanz gemeinsam mit dem ALM ausrichtet.

Wichtig ist den Ausstellungsmachern, dass die Schau nicht wie meist üblich die christlich geprägte Außensicht einnimmt, sondern eine sogenannte Innensicht, also die aus der Sicht von Juden. Damit ist die Aufgabe aber ungleich schwieriger geworden, denn überlieferte Zeitzeugnisse sind vergleichsweise rar. Die teils tödlichen Ausschreitungen gegen und Vertreibungen von Juden gingen meist einher mit der Vernichtung von Dokumenten.

Trotzdem gelang es den Teams um Professor Ralph Röber (ALM) und Professorin Dorothea Weltecke (Universität Konstanz, seit dem Sommersemester Goethe-Universität Frankfurt) kostbare Bücher, Dokumente und Gegenstände des Alltagslebens aus Beständen von Archiven, Bibliotheken und Hochschulen aus Süddeutschland, der Schweiz; Budapest und Oxford zusammenzutragen. Das noch weitgehend unerforschte Gebiet benötigte eine ausgesprochen lange Vorbereitungszeit. "Eine gute Recherche ist in der Vermittlungsarbeit wichtig", betonte ALM-Direktor Jörg Heiligmann. Damit nicht aus (scheinbar) historischen Fakten Propaganda werde, ergänzte Heiligmann.

"Das mittelalterliche Leben in Konstanz war multireligiös", benannte Weltecke eine wichtige Erkenntnis. Die bisherige Vorstellung eines monoreligiösen – soll heißen rein christlichen – Miteinanders stimme so nicht. Christen und Juden hätten kulturelle Dinge geteilt, möglicherweise – aber nicht immer – anders interpretiert. "Es war eine gotische Kultur", fasst die Historikerin zusammen.

"Die falsche Vorstellung, Juden hätten in Ghettos gelebt und gelbe Hüte tragen müssen, hält sich hartnäckig", berichtete Weltecke. Vielmehr sei es so, dass Juden über die ganze Stadt verteilt Häuser besessen hätten. In der Münzgasse bewohnten Juden zwei Häuserzeilen, ohne dass dieses ein Ghetto gewesen sei. Dort gab es auch eine Synagoge. Die Städte hätten sich stattdessen um die Ansiedlung hochqualifizierter Juden bemüht, berichtete die wissenschaftliche Mitarbeiterin Mareike Hartmann. Sie waren überwiegend Bankiers und Kaufleute. Quellen weisen in der Region aber auch einen Arzt, Maler, Metzger, Gastwirt und Schreiber von heiligen Schriften nach.

Um die schulische Qualifikation ihrer Kinder kümmerten sich jüdische Hauslehrer und Schulmeister. Trotzdem kam es immer wieder zu schweren Übergriffen gegen Juden. Belege hierfür gibt es. Aber warum diese so unvermittelt auftraten, ist daraus nicht zu entnehmen.

Zur Ausstellung

Die Sonderausstellung "Zu Gast bei Juden – Leben in der mittelalterlichen Stadt" ist bis zum 29. Oktober im Archäologischen Landesmuseum zu sehen. Das ALM hat dienstags bis sonntags und feiertags von 10 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 7 Euro, ermäßigt 5 Euro, Kinder von 6 Jahren bis 18 Jahren 1 Euro Eintritt. Es gibt wieder ein umfangreiches museumspädagogisches Begleitprogramm sowohl für Kinder als auch Erwachsene. Zur Ausstellung ist ein 200 Seiten starker Begleitband erschienen. Er ist für 19,80 Euro an der Museumskasse erhältlich. (nea)