Am Samstag, ab 5.30 Uhr weckte ein Hubschrauber Anwohner von Staad und Allmannsdorf. An der Ecke Hoheneggstraße/Schiffstraße wurde eine Straftat begangen, bei der drei Männer in ein Haus eindrangen, später den nach Hause kommenden Besitzer überwältigten, zusammenschlugen und drei Stunden in ihrer Gewalt hatten. Das Opfer ist Bordellbetreiber Roger Simon, der dem SÜDKURIER die Vorkommnisse der Nacht schildert. Er möchte aber nicht im Bild gezeigt werden.

  • 1.40 Uhr: Roger Simon kommt kurz nach Hause, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Danach will er zurück zur Arbeit. Das macht er seit ein paar Wochen so. Als er sein Haus betritt, wird er von drei maskierten Männern mit Fäusten und Tritten malträtiert. „Das waren Moldawier, die mein Geschäft kaufen wollen. Ich musste damit rechnen“, behauptet Roger Simon. „Die denken, dass ich Millionen verdiene und das Geld in meinem Haus versteckt halte.“ Es kam laut Aussage des Franzosen zu einer Schlägerei, an deren Ende er gefesselt im Keller lag.
Unter anderem auf dieser Bank im Keller wurde Roger Simon mit Klebebändern festgebunden und immer wieder mit Fäusten und Tritten traktiert. „Das waren echte Profis aus Osteuropa“, sagt er.
Unter anderem auf dieser Bank im Keller wurde Roger Simon mit Klebebändern festgebunden und immer wieder mit Fäusten und Tritten traktiert. „Das waren echte Profis aus Osteuropa“, sagt er. | Bild: Schuler, Andreas
  • Roger Simon hat einen gestählten Körper, kaum ein Gramm Fett versteckt sich darin, dafür aber imposante Muskelberge. Er betreibt ein Bordell im Industriegebiet. Der 71-Jährige ist in Konstanz bekannter als ein bunter Hund. Er kam in den 70er-Jahren nach Konstanz und verliebte sich in die Stadt. Im berüchtigten Arabella-Haus am Bahnhofsplatz arbeitete er als Türsteher. In der Schweiz war das Haus als „Bumms-Bonanza“ berühmt. Schon damals gaben Eidgenossen gerne Geld jenseits der Grenze aus. Heute kaufen Kunden hier Burger, Pommes und Milchshakes, damals körperliche Liebe. Irgendwann übernahm er das Klein Paris und verabreichte dem Etablissement Kult-Status. Später gründete er das Relax-Center, das heute Imperia heißt. Roger Simon genießt in Konstanz einen guten Ruf als seriöser Geschäftsmann.

Vorgeschichte als Grund für den Überfall?

  • 2.10 Uhr: Die Täter durchsuchen das Haus nach einem Safe, in dem sie das Vermögen vermuten. „Sie wollten nicht glauben, dass ich legal mein Geld verdiene und es auf der Bank liegt“, berichtet Roger Simon. „Sie kamen immer wieder zu mir und haben mich getreten, da sie dachten, ich würde sie anlügen.“ Er ist überzeugt, die Gründe für das verbrecherische Vorgehen zu kennen. Vor einigen Wochen nahm ein Schweizer Bordell-Besitzer Kontakt mit ihm auf. „Er sagte mir, dass ein Moldawier mein Geschäft kaufen wollte“, erinnert er sich. „Die waren sogar beide bei mir. Doch das geht gar nicht, ich darf meine Konzession gar nicht verkaufen. Das habe ich ihnen gesagt.“

„Sie werden wiederkommen“

  • Also wurden, so seine Version, Landsleute auf ihn angesetzt. „Sie werden wiederkommen“, ist Roger Simon überzeugt. Seine Familie ist längst in Sicherheit irgendwo weit weg – und wird auch noch länger wegbleiben. „Ich habe keine Angst“, sagt der Franzose. „Ich bin in meiner Karriere mit ganz anderen Typen fertig geworden.“
  • 4.30 Uhr: Ein Mitarbeiter Roger Simons wundert sich, warum der Chef immer noch nicht zurück ist und fährt vom Industriegebiet nach Staad. Er hat einen Schlüssel und geht ins Haus. „Ich lag festgebunden auf einer Bank im Keller, als ich oben Schritte hörte.“ Die Täter flüchteten sofort über den Garten, mit sich tragen sie Diebesgut und Bargeld in Höhe von 3000 Euro, das sie Roger Simon weggenommen haben.
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Vor diesen Platten wurde Roger Simon mit Klebeband an Händen und Füßen festgehalten.
Vor diesen Platten wurde Roger Simon mit Klebeband an Händen und Füßen festgehalten. | Bild: Schuler, Andreas
  • Der Mitarbeiter ruft die Polizei, die nach drei Minuten vor Ort war. „Das war perfekt, einfach sensationell“, sagt der Franzose zum sofortigen Erscheinen der Beamten. Kurze Zeit später fassen die Polizisten zwei der mutmaßlichen Täter. Der dritte kann flüchten. Sofort wird eine Großfahndung eingeleitet.
  • 5.30 Uhr: Ein Polizeihubschrauber kreist stundenlang über Staad und Allmannsdorf, sucht nach dem flüchtigen Täter. Später ist er über Litzelstetten und anderen Stadtteilen zu sehen.
  • 8.30 Uhr: Beamte der Polizei und der Kriminalpolizei suchen verstärkt im Bereich Staad und Lorettowald. „Für die Bevölkerung besteht keine Gefahr“, beschwichtigt die Polizei. Wer an diesem Morgen nach Konstanz oder wieder hinaus möchte, muss mit Verzögerungen rechnen: Jeder Zufahrtsweg wird kontrolliert, jedes Auto, das Konstanz verlassen möchte, muss anhalten, Kofferräume werden geöffnet und Lieferwagen durchsucht.
Wer aus Konstanz raus wollte, wurde kontrolliert. Hier die Straße vor dem Litzelstetter Kreisel.
Wer aus Konstanz raus wollte, wurde kontrolliert. Hier die Straße vor dem Litzelstetter Kreisel. | Bild: Schuler, Andreas
  • Im Gebiet zwischen Mainaustraße, Staader Straße und Schiffstraße sind Beamte der Kriminalpolizei auch in zivil im Einsatz. Die Kriminalpolizei widerspricht auf SÜDKURIER-Nachfrage dem in der Stadt kursierenden Gerücht, dass es ein Todesopfer gegeben haben soll.
  • 13.52 Uhr: Polizeisprecher Markus Sauter und Einsatzleiter Schröder von der Kriminalpolizei Friedrichshafen vermelden nach einer langen Einsatzbesprechung auf SÜDKURIER-Nachfrage: Nähere Einzelheiten würden bald zur Verfügung stehen, nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Die Polizei geht bei der Veröffentlichung von Details stets auf Nummer sicher, vor allem, wenn Täter auf der Flucht sind – die sollen keine Tipps erhalten.
Gesicherter Spuren im Keller des Hauses.
Gesicherter Spuren im Keller des Hauses. | Bild: Schuler, Andreas
  • 15.42 Uhr: Polizei und Kriminalpolizei vermelden einen Teilerfolg, der schon viele Stunden zurück liegt: Beamte haben zwei aus Moldawien stammende Männer im Alter von 36 und 39 Jahren vorläufig festnehmen können. Sie wurden gestern dem Haftrichter vorgeführt, der dem Antrag zustimmt, sie in Untersuchungshaft zu nehmen. Der dritte Täter ist noch auf der Flucht.