Ausgerechnet die Worte eines zu einer Gefängnisstrafe verurteilten Kommunisten haben es ins Einmaleins der kapitalistischen Marketingwelt geschafft: Tue Gutes und rede darüber. Der Satz wird Walter Fisch zugeschrieben. Der gebürtige Heidelberger flüchtete erst vor den Nationalsozialisten ins Ausland und wurde später Funktionär der verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).

Über Gutes reden kann dem Ruf nicht schaden

Heute ist das Reden über die gute Tat ein Instrument zur Vermarktung: Stars und Sternchen erzählen gerne, wenn sie nach einer Naturkatastrophe fleißig spenden; Politiker wiederholen spätestens vor Wahlen endlos, was sie alles vorzuweisen, welches Gesetz sie gestaltet haben. Beides kann dem guten Ruf nicht schaden.

Ebenso wenig, wie sich derzeit für Klima-, Umwelt- und Artenschutz zu engagieren. Die Stadt Konstanz und ihre Lokalpolitiker haben, so wird mitunter kritisiert, viel Gewese um dieses Thema gemacht und lauthals einen Notstand ausgerufen.

Nahezu jeder Anlass, jede Neuigkeit scheint zu taugen, um sich darüber zu belustigen. Darf das Seenachtfest wegen des vielen Feinstaubs jetzt noch stattfinden? Sorgten die Verkehrszählungen zuletzt nicht für staubedingte CO2-Wolken? Zeigt das aktuelle Wetter nicht, dass wir jedes Grad mehr gut vertragen können?

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Der Konstanzer Klimanotstand hat es bis in die New York Times geschafft

Richtig, Notstand klingt nach Drama, nach großer Katastrophe und dringendem Handlungsbedarf. Diesen als ersten deutschlandweit auszurufen ist was genau? Werbung um Stimmen für die Wahl des Gemeinderats in knapp zwei Wochen und des künftigen Oberbürgermeisters nächstes Jahr? Ja, auch.

Die Schlagzahl, mit der nach der Entscheidung berichtet wurde, zeigt das eindrücklich: Bis in die New York Times hat es der „climate emergency“ von „Konstanz, near the border with Switzerland„ geschafft. Das als belanglosen Marketing-Witz abzutun – jüngst geschehen im Singener Gemeinderat – wird der Sache jedoch nicht gerecht und wäre nicht fair gegenüber den Entscheidungsträgern.

Das richtige Zeichen zur Motivation der Bürger

Wer Politik nicht gerade per Twitter aus Washington, D.C. betreibt, muss endlich eingestehen: Das Klima ändert sich zum Negativen und wir Menschen sind Schuld daran. Das öffentlichkeitswirksame Konstanzer Eingeständnis wird den vermaledeiten Anstieg der Temperaturen nicht stoppen und schon gar nicht im Alleingang die Welt retten. Aber es ist das richtige Zeichen, das knapp 90 000 Einwohner motivieren kann.

Vorausgesetzt die Stadt leistet das ihre – zum Beispiel die energetische Sanierung aller städtischen Gebäude –, hat sie Argumente, um ihren Bürgern zuzurufen: Macht ihr auch mit, dort wo ihr könnt. Es ist die größer gedachte Variante des Vaters, der in Sichtweite von Kindern auch dann nicht bei Rot über die Ampel geht, wenn das letzte Auto vor fünf Minuten gesehen wurde.

Menschen brauchen Vorbilder, um sich zu ändern

Das kann der angehimmelte Star sein, der uns am Ende jeden Jahres dazu bewegt, den ein oder anderen übrigen Euro für die gute Sache aufzutun. Oder die eigene Heimatstadt, die uns zum Ändern der über viele Jahrzehnte gepflegten umweltbelastenden bis zu -zerstörenden Lebensweise anregt. Warum sollte eine Stadt dann über dieses Gute nicht reden sollen?