Frau Wagner, sind Sie eine gnadenlose Optimistin?

Ja, geworden. Das war aber nicht immer so. Zum Beispiel war ich Sozialhilfe-Empfängerin in der Schweiz, da ich nach meiner Scheidung mit zwei kleinen Kindern trotz fünf Ausbildungen keine Anstellung fand. Ich stand kurz vor der Ausweisung. Das war heftig.

Ich bin ein paarmal am Rand der Depression spazieren gegangen und hatte viele Zeiten der Frustration und des Selbstmitleids. Da ich jedoch meinen Kindern stets ein gutes Vorbild sein möchte, gehe ich mittlerweile positiv und gelassen an jegliche Herausforderungen heran. Unser Familienmotto ist, dass wir aus allem das Beste machen.

Die Ärzte hatten Sie schon ein paarmal aufgegeben. War es auch der Glaube ans Positive, der Sie am Leben hielt?

Ja, sicher auch das. Im Alter von vier Jahren wurde eine eigentlich tödliche Krankheit diagnostiziert, ich hatte viele schwere Operationen. Aber ich lebe noch und denke nicht mehr über die Vergangenheit nach. Natürlich prägt es, wenn einem immer wieder gesagt wird: Das kannst du nicht. Im Laufe der Jahre lernte ich glücklicherweise, mehr mir und vor allem meinem Körper zu vertrauen als auf Prognosen zu hören.

Wann haben Sie entschieden, Menschen in Trauersituationen und auch präventiv zu helfen?

Schon sehr früh. Als Kind war ich durch meine Erkrankung viel zu oft allein, ich fehlte viel in der Schule und lebte monatelang auf der Intensivstation. Meine Mutter durfte mich nur selten besuchen. Als sie kam, habe ich gefremdelt. Als meine Mutter später starb, wuchs der Wunsch, anderen zu helfen, da ich erneut mit einem Verlust allein auf mich gestellt war und das sehr gerne anderen Menschen ersparen wollte.

Viele Menschen, zum Beispiel meine Zimmermitbewohner im Krankenhaus, sagten, dass ich gut zuhören und Mut machen könne – vor allem, weil ich so viel selbst erlebt habe. Das sagen heute auch meine Klienten.

Sie bieten für Firmen passgenaue Seminare für den Umgang mit belastenden Situationen an. Wie gehen Sie dabei vor?

Ich biete viel präventiv an, zum Beispiel zum Umgang mit den eigenen Kräften. Es sollte nicht erst etwas passiert sein, bevor man aktiv wird. Viele von uns schleppen etwas im Rucksack mit sich, das ihnen noch gar nicht bewusst ist. Alle Firmen wissen zwar genau, was zu tun ist, wenn eine Mitarbeiterin schwanger ist. Aber wie reagiert man, wenn ein Angehöriger eines Kollegen gestorben ist?

Meine Vision ist es, dass jedes Unternehmen Leitlinien für den wertschätzenden Umgang miteinander aufstellt. Zum Beispiel für den Fall, dass ein Mitarbeiter nach langer Krankheit wieder an den Arbeitsplatz zurückkehrt. Da braucht es meiner Meinung nach mehr als ein Wiedereinstiegsgespräch. Ich frage, ob die Firma einen Vortrag, einen Workshop oder ein Seminar wünscht, und ich marschiere nicht mit einem Köfferchen voller Patentrezepte hinein. Wir besprechen miteinander individuelle Wünsche und Möglichkeiten. Danach begleite ich das Unternehmen bei der Umsetzung der einzelnen Schritte.

Können Sie ein konkretes Beispiel für falsches Verhalten geben?

Stellen Sie sich vor, in einem Großraumbüro kippt Herr Maier plötzlich weinend vom Stuhl. Kollege A geht auf die Toilette, Kollege B arbeitet weiter, Kollege C guckt herum, ob sonst jemand hilft, und Kollege D reicht ein Taschentuch. Letzteres ist zwar nett gemeint, aber man könnte es missverstehen als ‚Hör endlich auf zu weinen!‘

Man sollte schon vorher ins Gespräch gehen und überlegen, wie in solchen und ähnlichen Situationen miteinander umgegangen werden soll. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen gemeinsam klare Vereinbarungen treffen und diese frühzeitig in der Unternehmenskultur verankern, damit im Ernstfall klar ist, wer was wann und vor allem wie macht.

Auf Ihrer Homepage steht: „Veränderungen gehören zum Leben wie das Salz in der Suppe.“ Klingt das für Trauernde nicht etwas sarkastisch?

Ich habe mit Veränderungen nicht schwere Krisen gemeint. Täglich durchlaufen wir Veränderungsprozesse, die wir nicht immer wahrhaben (wollen) wie zum Bespiel dass wir älter werden. Viele von uns wollen sich auch gar nicht verändern. Wir halten aus Sicherheitsgründen oft zu lange an Jobs oder Partnerschaften fest, die uns nicht mehr bereichern. Es braucht mehr Mut, Tatkraft und vor allem mehr Selbstverantwortung.

Ich erarbeite mit den Firmen, wie Veränderungsprozesse und eben auch Krisen wertschätzender erlebt und unterstützt werden können. Es ist ebenso mein Bestreben, nicht nur mit Firmen, sondern auch mit Schülern und Studenten an diesen Themen zu arbeiten. Ihnen möchte ich vermitteln, wie sie den Herausforderungen des Lebens vielfältig begegnen, ohne daran zu zerbrechen.

Ich entwickele derzeit ein entsprechendes Konzept, das ich Universitäten vorstellen werde. Wir lernen alle in der Schule und im Studium Fachwissen. Doch wie können wir frühzeitig den Umgang mit emotionalen Belastungen erlernen? Ist das überhaupt möglich? Ich denke schon, dass wir mehr Sicherheit erlangen können, wenn wir uns vorab mit möglichen Krisenmomenten auseinandersetzen.

Was machen Sie, um all die Trauer, der Sie tagsüber begegnen, nicht mit nach Hause zu nehmen?

Ich arbeite nicht jeden Tag mit belasteten Menschen, und finde meinen Ausgleich nicht nur in meinem Mutter-Dasein. Auch kann ich mich gut abgrenzen. Beruflich möchte ich außerdem noch mehr präventive Maßnahmen anbieten. Es wird mir leider immer wieder berichtet, dass Betroffene sich schon viel früher eine nette Geste statt Isolation von ihren Kollegen gewünscht hätten. Ich will davon wegkommen, dass die Leute zu spät reagieren.

Die Gesellschaft lässt uns leider zu wenig Zeit, mit schweren Ereignissen umzugehen, wir sollen immer leistungsfähig sein. Meiner Meinung nach kann man einen schweren Schicksalsschlag auch nicht verarbeiten. Es gibt ein Leben davor und eines danach, und wir sollten versuchen, den Schicksalsschlag in das neue Leben zu integrieren. Das braucht Zeit und viel Geduld mit sich selbst und von anderen.

Ich möchte dazu beitragen zu vermeiden, dass wir immer mehr zu einer „Ich-guck-nur-hin-um-dein-Unglück-zu-filmen-Gesellschaft“ werden. Deshalb: Wenn jemand weinend im Zug sitzt, gehen Sie ruhig hin! Ohne Ihre Handykamera! Auch wenn es ein Fremder ist. Im schlimmsten Fall sagt der Mensch, dass er in Ruhe gelassen werden möchte. Aber vielleicht ist er auch froh über einen Moment der Zuwendung. Wir sollten alle viel aufmerksamer anderen und auch uns selbst gegenüber sein.

 

Zur Person

Petra Wagner, 46 Jahre, kommt aus Düsseldorf. Sie lernte erst Fremdsprachenkorrespondentin, studierte dann Sozialpädagogik und machte unter anderem eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Petra Wagner wechselte ins Personalwesen und machte sich anschließend als Coach/Trainer selbstständig. Zunächst fing sie im Auftrag der Agentur für Arbeit Arbeitssuchende auf und begleitet bis heute Menschen und deren Umfeld in Veränderungssituationen. Zudem berät sie auch Firmen im Umgang mit emotionalen Belastungen am Arbeitsplatz. Nach längerem Schweiz-Aufenthalt lebt sie nun als alleinerziehende Mutter mit ihren beiden Kindern in Konstanz. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Biografien unbekannter und bekannter Persönlichkeiten.