Es ist kurz vor 20 Uhr, der Festsaal im Zentrum für Psychiatrie Reichenau (ZfP) ist hell beleuchtet. Während andere längst im Feierabend sind, stehen acht Männer und Frauen, alle im Anzug und Blazer, für eine letzte Besprechung im Kreis. Es fallen Worte wie "Evaluation", "Job-Portfolio", "Humankapital". Schnell wird klar: Hier geht es um große Geschäfte. Um wichtige Manager, um Erfolg, Geld und Macht. Zumindest dieses Wochenende. Denn die acht Männer und Frauen sind Laienschauspieler, Mitarbeiter des ZfP und an diesem Abend doch etwas nervös, sagen sie. Es ist die letzte Besprechung vor der Hauptprobe, bevor sie das Theaterstück "Top Dogs" am morgigen Freitag, am Samstag und Sonntag vor großem Publikum aufführen.

Rollentausch für Psychologen

Im realen Leben verbindet die Männer und Frauen ihre Arbeit als Psychologen und Sozialarbeiter, und auch im Stück von Urs Widmer haben sie etwas gemeinsam: Sie sind hochqualifizierte Manager, Top Dogs eben, und nach ihrer Entlassung allesamt hochkarätig arbeitslos. Ein unzumutbarer Zustand für Menschen, die sich ausschließlich über ihren Job definieren. So finden sie sich wieder in einem Schnellkurs in einem sogenannten Outplacement-Unternehmen, bei dem sie für neue Aufgaben fit gemacht werden sollen. Praktischerweise werden ihre verlorenen Seelen gleich mitaufgemöbelt, die verdrängten Probleme thematisiert und der wankende Glaube an den Kapitalismus wieder gefestigt. "Jede Entlassung ist auch eine Chance", sagt einer der Top Dogs, der früher selbst entlassen hat. Die Top Dogs, das sind: Caroline Renz, Kristina Sättler, Wolfgang Brückner, Gabriel Henkes, Ines Pöllmann, Bärbel Fritz, Anja Tietschert und Elmar Endele. Sie alle schlüpfen in die Rollen der Ex-Manager und deren psychologischer Trainer und Berater.

Ganz neue Seite am Arbeitskollegen

"Normalerweise arbeiten wir in einer ganz anderen Riege, da ist es schon interessant, mal als Top-Manager aufzutreten", sagt Ines Pöllmann kurz vor der Hauptprobe, zupft an ihrem Blazer und lacht. Ganz so weit weg sind ihre Gefühlswelten dagegen nicht: "Die Probleme sind letztlich zutiefst menschlich und können jeden treffen." Wolfgang Brückner, der vor zwei Jahren als Pensionär zu der Mitarbeiter-Theatergruppe dazustieß, kennt die Führungsetage noch besser: Er war zwölf Jahre Leiter der Regenbogenschule in Konstanz und "musste zum Glück nie jemanden entlassen", versichert er. Jetzt findet er sich wieder in der Rolle einer Führungskraft, nur eben "ex negativo", sagt Brückner und lächelt. 2011 gründete sich die Theatergruppe mit einer Kerngruppe von fünf Mitarbeitern. Geprobt wird in der Freizeit. Die Arbeit, sagt Caroline Renz, ist dann kein Thema, "außer, es ist gerade etwas Akutes vorgefallen." Stattdessen könne man in neue Rollen schlüpfen, sich reflektieren. "Und in der Mittagspause mal über bestimmte Szenen sprechen", sagt Elmar Endele. "Man lernt sich auf jeden Fall anders und besser kennen, das ist das Schöne", ergänzt Kristina Sättler, die im Bereich Therapie und Kultur arbeitet.

Nach Jahren in Eigenregie durch Caroline Renz hat die Gruppe für die diesjährige Produktion zum ersten Mal einen professionellen Regisseur mit ins Boot geholt: Denis Ponomarenko ist bekannt für seine außergewöhnlichen Produktionen an ungewöhnlichen Orten – zuletzt hatte er mit Insassen der Justizvollzugsanstalt Konstanz Theater gemacht.

"Eine sehr engagierte Gruppe" sagt Denis Ponomarenko über sein aktuelles Projekt. Zudem habe es seinen Reiz, den Festsaal zu bespielen: Mit den meterhohen Decken und der Zusatzbühne, die wie ein Laufsteg durch den großen Raum führt. Auf diesen Laufsteg schickt er also seine acht Ex-Manager, und seine persönliche Erkenntnis aus dem Stück: Der Reichtum, sagt Denis Ponomarenko, sei nur Dekoration. Menschen leiden immer gleich – egal ob sie Porsche oder Bus fahren.

Ende Oktober vergangenen Jahres hat die Gruppe begonnen, die Rollen zu verteilen. Jetzt finden die letzten Proben statt. "Ihr Lieben, wir machen jetzt die Abschiedsszene", ruft Denis Ponomarenko in den Festsaal. "Kristina, ein bisschen näher zu Gabriel. Schaut, dass ihr nah aneinander steht. Die Gruppe ist jetzt zusammengeschweißt".

Termine und Tickets

  • Aufführungen sind am Freitag, 10. März, 20 Uhr sowie Samstag, 11. März, 20 Uhr und Sonntag, 12. März, 19 Uhr im Festsaal des ZfP Reichenau, Feuersteinstraße 55
  • Karten gibt es für 10 Euro im Vorverkauf per Mail an treffpunkt@zfp-reichenau.de, telefonisch unter (0 75 31) 97 75 79 und an der Abendkasse.
  • Das Stück "Top Dogs" des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer wurde 1996 in Zürich uraufgeführt und ist mehrfach ausgezeichnet worden. Es basiert auf Interviews mit entlassenen Topmanagern. Deren Probleme hat Widmer als Grundlage der Charakterkonflikte der einzelnen „Top Dogs“ übernommen. (sap)