Konstanz Therapie-Liege aus Beton erinnert an bedeutende Heilanstalt

Der Künstler Markus Brenner erinnert ab Herbst mit seiner Installation "Die Couch" an das frühere Kreuzlinger Sanatorium Bellevue. Dort wurden einst bekannte Patienten behandelt.

Es waren berühmte Leute, die sich hier therapieren ließen. Der Maler Ernst Ludwig Kirchner zum Beispiel oder der Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens. Vor allem aber kam auch Bertha Pappenheim, die später Sigmund Freud zu seiner Psychoanalyse inspirierte, zur Behandlung nach Kreuzlingen. 1882 war das, als das 60 000 Quadratmeter große Bellevue-Areal an der Grenze zu Konstanz noch eine private Psychiatrieklinik war. Das Areal mit zahlreichen Gebäuden, Wirtschaftsflächen und Tennisplätzen war von hohen Hecken umgrenzt. Sichtbar für die Stadtbewohner waren nur die Villa Roberta und die Villa Bellevue, die als einzige Gebäude erhalten sind.

"Das Sanatorium Bellevue ist Teil der europäischen Geschichte", sagt Bernard Roth, Juryvorsitzender der Kunstkommission der Stadt Kreuzlingen. Daran möchte die Stadt Kreuzlingen mit einer Kunstinstallation erinnern.
 

Das Areal: Von 1857 bis 1980 befand sich in Kreuzlingen das Sanatorium Bellevue, eine private psychiatrische Heilanstalt. Sie wurde über vier Generationen von der Familie Binswanger geleitet. Als die Klinik 1980 geschlossen wurde, wollte die Stadt das Areal erwerben. In einer Volksabstimmung 1985 wurde dies abgelehnt. Heute befinden sich in den Villen Roberta und Bellevue Büros und Geschäftsräume, auf dem Gelände Wohnanlagen und die Venenklinik Bellevue.


Der Konstanzer Künstler Markus Brenner, international bekannt für seine Fischportraits, Video- und Lichtinstallationen, wird hier sein Projekt "Die Couch" verwirklichen. Er ist Sieger unter den 28 Teilnehmern des zweijährlich stattfindenden Wettbewerbs "Entdeckung des Stadtraums", der dieses Jahr den historisch geprägten Ort zwischen der Hauptstraße in Kreuzlingen und der Bahnlinie im Visier hatte.

Am Tag ist Markus Brenners Installation "Die Couch" für das Bellevue-Areal in unauffälliges Liegemöbel aus Beton. Nachts wird sie zur Projektionsfläche.
Am Tag ist Markus Brenners Installation "Die Couch" für das Bellevue-Areal in unauffälliges Liegemöbel aus Beton. Nachts wird sie zur Projektionsfläche. | Bild: Markus Brenner

In Anlehnung an das bekannte Liegesofa Sigmund Freuds, auf dem seine Patienten ihrer Behandlung unterzogen wurden, hat Brenner eine Sitzbank aus Beton mit integriertem Kissen entworfen. Am Tag soll sie sich in einem nüchternen grau-weißen Farbton präsentieren, bei Nacht soll eine Lichtquelle das Bild eines Orientteppichs darauf projizieren. Mit der symbolischen Couch möchte Brenner vor allem an die 45-jährige Leitung der Klinik durch Ludwig Binswanger erinnern, der mit Freud in engem Kontakt stand. "Es gibt einen 35-jährigen Briefwechsel und mindestens einmal ist Freud auch hier gewesen", sagt Brenner.
 

Die Installation: Markus Brenners Installation "Die Couch" soll voraussichtlich im Herbst fertig sein. Sie soll aus einer Betoncouch, einem vier bis acht Meter hohen Lichtmast mit Profil-Strahler und einer Plakette bestehen. 20 000 Schweizer Franken hat die Stadt Kreuzlingen zur Verfügung gestellt. Eine Aufstellung am ursprünglich von der Kunstkommission der Stadt vorgesehenen Platz am Grenzbach haben Bewohner benachbarter Wohnhäuser abgelehnt. Im Gespräch ist laut Bernard Roth von der Kunstkommission nun der Bereich rund um den öffentlichen Fußweg zwischen Bahnhof und Zoll.


Brenners Idee hat die Wettbewerbsjury überzeugt, weil sie so einfach und gleichzeitig originell ist. "Wir möchten auf unkomplizierte Weise Stadtgeschichte vermitteln", sagt Roth. Brenner ist sich sicher, dass die Aussage seiner Installation für Betrachter leicht verständlich ist: "Die Couch ist eine Ikone für Behandlungen am psychisch Kranken", sagt Brenner. "Zum Beispiel ist sie das Markenzeichen von Woody Allen in der Rolle des Neurotikers. Es ist sprichwörtlich, zu sagen: 'Der muss auf die Couch', um auszudrücken, das mit jemandem etwas nicht stimmt."

Damit der Bezug klar wird, möchte Brenner in der Nähe seiner Installation eine Plakette mit einem Foto der Originalcouch von Freud anbringen, die im Londoner Freud-Museum steht. Sie verschwindet fast zwischen Orientteppichen und Kissen. "Freud wollte es seinen Patienten gemütlich machen", sagt Brenner. Das exotische Umfeld sollte sie zu offenem Sprechen anregen."

Brenners Betoncouch hingegen dürfte weitaus weniger kuschelig sein, auch wenn das Kissen einen Kopfabdruck aufweisen soll, als habe gerade jemand darauf gelegen. Dieser Widerspruch ist beabsichtigt. Mit dem Gegensatz von Härte und Weichheit möchte der Künstler eine gedankliche Verknüpfung zur Therapieform zulassen. Ein weiteres Thema ist für ihn die Symbolik von Tag und Nacht. "Tagsüber ist die Couch ein Liegemöbel und wird erst nachts durch die Projektion von Freuds originalem Orientteppich zur Therapiecouch", sagt Brenner. Wer sich dann darauflegt, so Brenners Idee, "wird Teil des Kunstwerks."

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