Vor wenigen Tagen hing ein Banner aus einem Fenster in der Klingenbergstraße mit der Hausnummer 12. "Hilfe bei uns kalt. Frieren wir" stand dort geschrieben. Dahinter steckt ein Konflikt zwischen einem Mieter und seinem Vermieter, der auch sein ehemaliger Arbeitgeber ist. Weil die Firma Baucomplete ihm seine Überstunden nicht bezahlen wollte, verweigerte der Mieter, der anonym bleiben möchte, im Gegenzug die Zahlung der Miete. Eben deshalb kam die Kündigung mit der Aufforderung, bis zum 1. Dezember die Wohnung zu räumen. Als das nicht geschah, wurde ihm wenige Tage später die Heizung abgedreht.

Zu Beginn sah alles noch anders aus: Für einen Job kam der Familienvater im Juni dieses Jahres nach Konstanz. Zu diesem Zeitpunkt begann der 51-Jährige als Bauarbeiter mit einem befristeten Vertrag bis Mitte September bei der Firma Baucomplete zu arbeiten. "Mir wurde versprochen, dass er sich verlängert, sofern ich ihn nicht kündige", sagt er. Doch es kam anders: Im November bekam er eine fristlose Kündigung seines Jobs und auch aus der Wohnung sollte er heraus. Der Prokurist der Firma Baucomplete, Vitalij Zittel, ist auch Geschäftsführer der Firma Startcomplete.

Weil Startcomplete Gebäude in der Klingenbergstraße besitzt, durfte der Arbeitnehmer in die Wohnung einziehen. "Der Mieter hatte einen befristeten Arbeitsvertrag bei einer von uns beauftragten Firma", erklärt das Unternehmen schriftlich über seine Anwälte. Er sei nach der vereinbarten Mietzeit nicht ausgezogen. "Er wusste von Anfang an, dass er in eine Baustelle einzieht und, dass die Sanierungsmaßnahmen ab Anfang November beginnen sollen", erklärt der Anwalt. Im Mietvertrag vom 4. September, der dem SÜDKURIER vorliegt, hingegen steht: Das Mietverhältnis läuft auf unbestimmte Zeit.

Kein unbekannter Investor

Der seit der Kündigung arbeitslose Mieter will nur noch aus der Wohnung raus, bloß fehlt ihm dafür das Geld: "Sie können die Miete behalten, aber sie sollen mir das restliche Geld geben", sagt er. Laut eigenen Angaben wurde er nur vertragsgemäß für 32 Stunden pro Woche bezahlt, arbeitete aber 56 Stunden. Obwohl er die Stunden auf einem Stundenzettel, der dem SÜDKURIER vorlag, mit Unterschriften des jeweiligen Bauleiters dokumentierte, hat er das Geld bis heute nicht gesehen. Dazu erklärt die Firma Startcomplete: "Nach unserer Kenntnis werden Entlohnungen eingefordert, über die es keinen nachvollziehbaren Nachweis gibt."

Inhaber Vitalij Zittler ist dem Mieterbund Bodensee bereits aus diversen Beratungsfällen bekannt. "Wir wünschen keinem diesen Herrn oder seine Firmen als Geschäftspartner zu haben", sagt Winfried Kropp vom Mieterbund. Er sei unter anderem mit den Modernisierungen in der Eisenbahnstraße in Erscheinung getreten. Dort wurden die Mietshäuser von Investoren gekauft und teuer modernisiert – unter den Investoren war auch die Firma Startcomplete. "Am Ende war die Miete doppelt so hoch", sagt Kropp.

Teure Sanierung führt zu hohen Mieten

Zu Beginn des Jahres hat Startcomplete dann die Häuser in der Klingenbergstraße mit den Nummer 8, 10, 12 und 14 gekauft. "Da war schon klar, dass das nichts Gutes heißen kann", sagt Kropp. Mit der Nachricht des Verkaufs kam für die Mieter sogleich die Mitteilung, dass eine Modernisierung in den Häusern durchgeführt werden sollte, wie eine weitere Bewohnerin aus der Klingenbergstraße 12 bestätigt. Nach Mitteilung von Startcomplete soll dort rundum saniert werden: Fenster, Türen, Wasser, Heizung, Elektro und Böden sollen modernisiert werden. Hinzu kommen großzügige Balkone, Parkplätze, Fahrrad- und Müllhäuser. "Es werden sehr hohe Summen dafür investiert", erklärt der Anwalt des Unternehmens.

Im Stadtgebiet sind umfassende Modernisierungen dieser Art keine Neuigkeit: "Die Sanierungen sind auch in Konstanz ein Problem", sagt der Vorsitzende des Mieterschutzbundes, Herbert Weber. Das Vorgehen sieht folgendermaßen aus: Investoren kaufen Wohnungen günstig ein und sanieren sie. Die Folge sind erhebliche Mietsteigerungen, denn der Vermieter darf rechtlich gesehen elf Prozent der Sanierungskosten auf die Jahresmiete aufschlagen. Oft werden sie direkt als Eigentumswohnungen weiterverkauft. Das ist auch der Plan in der Klingenbergstraße: Die Firma Startcomplete wird die Wohnungen nach eigenen Angaben verkaufen. "Die bisherigen Mieter genießen Vorkaufsrecht", erklärt das Unternehmen. Nur können sich die meisten Bewohner die neuen Mieten nicht leisten, geschweige denn eine Eigentumswohnung.

Probleme bei den Bauarbeiten

Startcomplete erklärte, die Mieten müssten nach der Sanierung vom neuen Eigentümer festgelegt werden. Es sei im Interesse des Unternehmens, wenn sich die neuen Eigentümer und die bisherigen Mieter einigen würden. Eine Bewohnerin hat schon jetzt ein Schreiben mit ihrer neuen Miethöhe erhalten: Aus der bisherigen Kaltmiete von 500 Euro sollen künftig 830 Euro werden, so die Mieterin. "Für mich ist die Miete kein Problem, nur deshalb bin ich nicht umgezogen", sagt sie. Für die Dauer der Sanierung, die auf sechs bis acht Wochen beziffert wurde, sollte sie in eine Ferienwohnung umziehen. An der Zeitangabe hat die Mieterin Zweifel: "Das habe ich nicht geglaubt. Ich habe ja gesehen, wie das im Nachbarhaus gelaufen ist." Dort verzögerten sich die Bauarbeiten nach Angaben der Bewohnerin immer wieder.

"Man hat den Eindruck, dass sie bewusst langsam und belastend arbeiten, um die Mieter rauszuekeln", sagt Kropp. Während der Bauarbeiten in der Eisenbahnstraße seien Firmen von heute auf morgen verschwunden, weil bisherige Rechnungen offen geblieben seien. Diesen Eindruck bestätigt auch Rechtsanwalt Robert Schwarz, der für den Mieterbund Bodensee mit den Sanierungen in der Eisenbahnstraße zu tun hatte: "Das war von Anfang an eine Katastrophe", sagt Schwarz. Es seien morgens türkische Elektriker gekommen, die am Nachmittag von italienischen abgelöst worden seien. "Die haben sich nicht verständigen können und wussten auch gegenseitig nicht, was der andere macht", sagt Schwarz. Zurzeit vertritt seine Kanzlei einen ehemaligen Mitarbeiter, der sein Gehalt nie gesehen hat. Der Anwalt der Firma Startcomplete hingegen erklärt: "Es gibt und hat in Bezug auf die Firma Startcomplete keine einzige offene Rechnung gegeben."

Eigentumswohnungen sind lukrativ

In der Klingenbergstraße haben die Bewohner nach eigenen Angaben seit vier Wochen keine Bauarbeiter mehr gesehen. Startcomplete hingegen erklärt, die Unterstellungen eines Baustopps seien faktisch falsch. Es habe in den vergangenen Wochen mit mehr als zehn Wohnungsübergaben lediglich viel zu tun gegeben. Für Schwarz ist das Fehlen der Bauarbeiter vor Ort keine Überraschung: "Die Planung der Projekte ist unzureichend und es gibt keine professionellen Leute", sagt er. Als problematisch erweist sich auch die Rückzahlung der Kaution, auf die einige ehemalige Mieter in der Eisenbahnstraße nach Angaben des Anwalts immer noch warten. Für Schwarz ist deshalb klar: "Er hat kein oder zu wenig Geld und spekuliert", sagt der Anwalt. "So richtig durchschauen kann man das nicht, was Herr Zittel macht." Startcomplete hingegen erklärt, dass Kautionen ohne Diskussion vollständig zurückgezahlt würden.

Auch wenn die Bewohnerin der Klingenbergstraße 12 seit zwölf Jahren in der Wohnung wohnt, hat sie Angst vor einem Rauswurf. "Es bleibt die Angst: Was machst du morgen?", sagt sie. Sie weiß, dass die Umwandlung in Eigentumswohnungen für die Vermieter lukrativ ist: "5000 Euro pro Quadratmeter sollen die neuen Wohnungen kosten." Das bestätigt Startcomplete nicht. Die Kosten pro Quadratmeter würden sich aus dem Hauserwerb und den Mitteln zur Sanierung ergeben. "Beides ist bekannterweise in Konstanz deutlich teurer", heißt es in der Erklärung des Anwalts. Laut Startcomplete soll mit der Modernisierung der "Sanierungsstau der letzten 40 Jahre behoben werden". könnten. Eine Investition in die Zukunft. Unklar bleibt, welche Eigentümer und welche Mieter davon profitieren werden.

Modernisierungen in Konstanz

Die Sanierung von Wohnungen ist mittlerweile zur Waffe gegen langjährige Mieter geworden: Die Klingenbergstraße und die Eisenbahnstraße sind nur zwei Beispiele, bei denen zahlreiche Mieter die neu sanierten Wohnungen nicht finanzieren konnten. Einen ähnlichen Fall hat es in der Jakob-Burkhardt-Straße gegeben – dort wurden Wohnhäuser weiterverkauft und systematisch modernisiert. Rechtlich gesehen ist weder gegen die Sanierungen, noch gegen die Umlagerung auf die Mieten etwas einzuwenden.

Grundsätzlich gilt: Einem vertragstreuen Mieter kann nicht einfach so gekündigt werden, wenn er die Miete bezahlt und sich nichts zu Schulden kommen lässt. Im Gegenzug muss der Mieter die Sanierungsmaßnahmen dulden. Drei Monate vorher muss der Mieter alles Wichtige rund um die Sanierungen erfahren: welche Arbeiten geplant sind, wann sie durchgeführt werden, wie lange sie dauern und welche Mieterhöhung zu erwarten ist.

Ein Entwurf der Grünen, gegen solche Luxussanierungen vorzugehen, scheiterte erst vor kurzem im Gemeinderat. Die sogenannte Milieuschutzsatzung hätte bewirkt, dass die Eigentümer sich große Sanierungen zunächst von der Stadt genehmigen lassen müssten. Zudem hätte die Stadt in den geschützten Gebieten ein Vorverkaufsrecht gehabt. Doch der Gemeinderat entschied sich dafür auf die Situation eher mit der Schaffung von neuem Wohnraum zu reagieren. Die Begründung: Sanierungen auf einen zeitgemäßen Stand müsse die Stadt ohnehin genehmigen, außerdem sei die Kontrolle der Vermieter extrem aufwendig.