Konstanz Teure Amok-Anlagen in den Konstanzer Schulen teilweise stillgelegt

Die Knöpfe in den Klassenzimmern wurden abgeklemmt. Stattdessen gibt es jetzt zentrale Meldestellen in den Schulhäusern. Betroffene Eltern vermissen eine öffentliche Debatte über die Sicherheit.

Note sechs für die Luxusvariante: Nur acht Jahre nach dem Einbau teurer Amokanlagen an allen Konstanzer Schulen wird dem System ein sehr schlechtes Zeugnis ausgestellt. Zwölf Fehlalarme zwischen Januar 2015 und Mai 2017 gab es laut Stadtverwaltung an unterschiedlichen Schulen, davon zwei mit Polizeigroßeinsätzen. Und teilweise mit traumatisierten Kindern. So kann es nicht weitergehen, da sind sich Schulleiter, Stadt und Eltern einig. Doch wie soll nun die Sicherheit der Kinder und Lehrer gewährleistet werden?

In den vergangenen Sommerferien legten Techniker an allen Schulen die Alarmknöpfe in den Klassen- und Fachräumen still. "Außer Betrieb" steht in vier Sprachen auf den gelben Kästen. Was still und leise im Hintergrund geschah, verwirrt Eltern und teilweise auch Lehrer. Im Mitschrieb einer Lehrerin aus einer Schulkonferenz steht: "Die Kolleginnen und Kollegen müssen einen Alarmfall an der Meldestelle im Schulhaus melden, das heißt im Fall eines Amoklaufs muss der Lehrer den Raum verlassen. Eigentlich sollte sich die Klasse aber einschließen." Alexandra Bek, Vorsitzende des Konstanzer Gesamtelternbeirats (GEB), wundert sich: "Was hat das für einen Sinn? Und welche Lösung haben die Verantwortlichen nun gefunden?" Ganz einfach: Das System, das 2009/10 an den Konstanzer Schulen installiert wurde, "entspricht nicht mehr dem heutigen Stand der Technik und konnte auch nicht aufgerüstet oder angepasst werden", schreibt Pressesprecher Walter Rügert auf Nachfrage.

Nach der Stilllegung der Knöpfe in den Klassenräumen bleiben nur noch an zentralen Stellen in den Schulen wie etwa im Lehrerzimmer, Rektorat oder in Bibliotheken Alarm-Auslösepunkte übrig. "Wir sind davon ausgegangen, dass heute jeder Lehrer ein Handy hat", erläutert Jürgen Kaz, Leiter des Humboldt-Gymnasiums, die gemeinsamen Überlegungen von Rektoren und Stadt. "Die Lehrer schließen sich im Ernstfall auch weiterhin mit ihrer Klasse ein und rufen zum Beispiel im Lehrerzimmer oder Sekretariat an, von wo aus ein Verantwortlicher eine Durchsage machen kann. Außerdem wird von dort aus die Polizei verständigt."
 

Die Anlagen und das Verhalten im Ernstfall

  • Der Auslöser
    Nach den Amokläufen von Erfurt 2002 und Emsdetten 2006 verpflichtete das Kultusministerium Baden-Württemberg die Schulen, Krisenpläne aufzustellen. Den Schulträgern wurde außerdem empfohlen, Amok-Alarmsysteme in Schulgebäude einzubauen. Konstanz kam dieser Empfehlung ab dem Schuljahr 2009/10 an allen Schulen nach. Laut Stadt-Pressestelle kosteten die Konstanzer Anlagen insgesamt eine halbe Million Euro, die die Stadt bezahlte. Es gibt keine rechtliche Verpflichtung, diese Technik zu installieren. Im Vorfeld beriet die Polizei Schulträger und Rektoren unverbindlich. „Ob und welche Systeme zur Anwendung kommen, liegt aber nicht in unserer Hand“, sagt Polizeisprecher Bernd Schmidt. Die Polizei half auch beim Erstellen der Krisenpläne, die den Schulen das richtige Verhalten im Ernstfall vorgeben. In regelmäßigen Besprechungen und Übungen wird dies in den Schulen thematisiert.
  • Der Ernstfall
    Bemerkt ein Lehrer eine Gefahr, schließt er sich mit seiner Klasse ein und ruft per Handy bei einer der zentralen Meldestellen im Schulhaus an. Von dort wird die Polizei informiert. Fehlalarme gab es zuletzt unter anderem an der Theodor-Heuss-/Gebhardschule, der Buchenbergschule, der Wallgut- und Haidelmoosschule und der Grundschule Dettingen. Die Polizei stellte wegen eines Fehlalarms in den vergangenen fünf Jahren keine Rechnung, da technische Defekte die Ursache waren. Löst jemand den Amokalarm missbräuchlich aus, fallen für den Polizeieinsatz 52 Euro pro angefangener Stunde und Beamte an.
  • Die mittelfristige Planung
    Die abgeklemmten Knöpfe sollen laut Stadt nur eine Übergangslösung sein. Im Neubau der Gemeinschaftsschule Gebhard kam bereits neue Technik zum Einsatz, bei der nur Lehrer so genannte Batches haben, mit denen sie den Alarm auslösen können. Die Stadt denkt darüber nach, auch die anderen Schulen mit der neuen Technik auszustatten. Darüber müsse zu gegebener Zeit der Gemeinderat beraten.
(kis)


Für Jürgen Kaz, der als Geschäftsführender Schulleiter der Konstanzer Gymnasien auch für seine Kollegen spricht, war die Entscheidung eindeutig: "In der technischen Aufrüstung, etwa durch eine neue Anlage, sahen wir keine Vorteile, sondern nur sehr hohe Kosten. Wir haben aus unserer Sicht die beste Lösung gefunden, um weitere Fehlalarme zu verhindern." Doch eines ist dem Schulleiter bewusst: "Absolute Sicherheit wird es nie geben." Er ergänzt: "Wir setzen daher hauptsächlich auf Prävention, zum Beispiel durch Schulsozialarbeit oder dadurch, dass wir alle Schüler gut kennen und wissen, wer mehr Zuwendung braucht als andere."


In diese Anlage im Rektorat kann Jürgen Kaz, Leiter des Humboldt-Gymnasiums, im Amokfall sprechen und die gesamte Schule informieren. Bild: Kirsten Schlüter
In diese Anlage im Rektorat kann Jürgen Kaz, Leiter des Humboldt-Gymnasiums, im Amokfall sprechen und die gesamte Schule informieren. Bild: Kirsten Schlüter


Doch wenn die Debatte so einvernehmlich verlief und die Lösung so klar scheint: Warum wissen die Eltern nicht Bescheid? "Wir als Gesamtelternbeirat waren zwar bei der ersten nicht-öffentlichen Sitzung eingeladen. Doch danach wurden wir nicht mehr eingebunden", sagt Alexandra Bek. Eine Umfrage unter allen Eltern habe aber auch wenig Sinn, so die Elternvertreterin, denn schon der GEB sei gespaltener Meinung: Manche Eltern haben Kinder, die bei einem Fehlalarm traumatisiert wurden. Sie beurteilen die Anlagen anders als Eltern, deren Kindern dies erspart wurde, die aber Angst vor dem Ernstfall haben und sich optimalen Schutz wünschen – auch wenn die Anlage mal eine Störung hat.

"Eine breitere Debatte vor der Entscheidung wäre wünschenswert gewesen", so Bek. Doch weder Schulleiter noch Stadt hielten dies für nötig. "Wir haben das Thema nicht so hoch angesiedelt", sagt Jürgen Kaz. "Die Traumatisierung durch technische Defekte ist wahrscheinlicher als ein tatsächliches Gefahrenpotenzial, deshalb haben wir eine stabilere Lösung gesucht und gefunden."

 

 

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