Langsam, sagen viele Autofahrer, macht Konstanz einfach keinen Spaß mehr. Wer nicht ständig auf den Tacho schaut, läuft immer häufiger Gefahr, einen Strafzettel zu riskieren. Handstreichartig richtet die Stadtverwaltung neue Tempo-30-Bereiche ein und stellt dann auch noch Blitzer auf. Und die nächsten Zumutungen sind in Form der Lärmaktionspläne mit ihren neuen Tempolimits schon am Horizont. Viele andere, und unter ihnen auch viele Autofahrer, sagen: Endlich schafft die Stadt mehr Sicherheit, mehr Ruhe, mehr Luftqualität. Endlich gibt es auf weiteren Strecken Tempo 30 – und endlich wird das auch durchgesetzt. Und über allem schwebt die Frage: Bringt Tempo 30 innerorts überhaupt etwas?

Für die Antwort ist es wichtig, Dinge auseinanderzuhalten. Denn ein Tempolimit kann aus ganz verschiedenen Gründen eingerichtet werden. Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer ist einer, die Verringerung von Emissionen (also Lärm, Abgas, Feinstaub, Reifenabrieb) ein zweiter. Eine generelle Entschleunigung ist ein dritter – oft verbunden mit dem Wunsch, einen spezifischen Vorteil des Autofahrens zu verringern; das ist dann Ideologie.

Wenn nur Sicherheit zählt, müsste wohl hinter jedem Ortsschild generell Tempo 30 gelten. Weil der Bremsweg nur halb so lang ist wie bei Tempo 50 und Unfälle weniger folgenschwer sind. Das hilft vor allem den Schwächeren: Fußgänger und Radfahrer und unter ihnen ganz besonders den Kindern. Wohl niemand wird deshalb die neuen 30er-Zonen vor Kitas und Schulen in Frage stellen.

Kniffliger wird es beim Thema Lärm. Während das Abrollgeräusch der Reifen von der Geschwindigkeit abhängt und bei Tempo 30 unbestritten geringer ist als bei Tempo 50, sieht es beim Motorengeräusch nicht so eindeutig aus. Tempo 30 wird mit heutigen Auto-Getrieben meist im zweiten Gang bei relativ hoher Drehzahl gefahren. Dass Tempo 40 im dritten Gang leiser sei, ist aber nicht nachgewiesen. Nicht umsonst setzen europaweit Gemeinden für Lärmschutz auf Tempo 30 und nicht 40.

Und dann ist da noch der eigentliche Sinn von Straßen und Autos – die Mobilität. Tempo 50 ist auf Durchgangsstraßen innerorts nicht zufällig die Regelgeschwindigkeit. Denn sie sorgt, insbesondere bei wenig Verkehr, für einen zügigen Verkehrsfluss und eine hohe Aufnahmefähigkeit einer Straße. Tempo 30 bremst dagegen nicht nur den einzelnen Fahrer, sondern auch den Verkehr insgesamt aus, wie der ADAC errechnet hat. Das mag, je nach persönlicher Verortung, wünschenswert sein. Wer diese Bremse will, sollte sie allerdings auch als Grund nennen und nicht andere Argumente vorschieben.

Die jetzt in Konstanz erlassenen Tempo-30-Strecken sind nicht die ersten, und es werden nicht die letzten sein. Die Auseinandersetzung darum spiegelt wieder, worum es in einem Gemeinwesen letztlich immer geht: den Ausgleich zwischen widerstrebenden Interessen von Akteursgruppen. Nicht ablenken sollte die Debatte aber vom eigentlichen Problem: Auf viel zu vielen Straßen wäre schon viel gewonnen, wenn man 30 fahren könnte – wenigstens.