Michael Koch kennt den Schmerzpunkt ganz genau. Der Inhaber eines Stuttgarter Planungsbüros weiß, wo es in den Städten und Gemeinden jedes Mal heiß wird: Wenn Autofahrer langsamer fahren sollen, damit die Anwohner an der Straße vor gesundheitsgefährdendem Lärm geschützt sind. Als im Technischen und Umweltausschuss das passiert, was Koch kurz zuvor angekündigt hatte, sitzt er still neben Baubürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn auf seinem Stuhl. Denn von der Diskussion darüber, ob in Allmannsdorf, Wollmatingen und auf der Laube Tempo 30 herrschen soll, hat die Freie Grüne Liste die Debatte auf die Frage gelenkt, ob ein solches Limit auf der Reichenau- und Spanierstraße nicht auch ganztägig gelten könne. Und dann noch weiter – ob nicht Autofahrer auf allen Straßen der Stadt künftig auf 30 Stundenkilometer gedrosselt werden.

Er sagt, Tempo 30 flächendeckend kann die Stadt Konstanz gar nicht einführen: Martin Wichmann, stellvertretender Leiter des Amts für Stadtplanung und Umwelt der Stadt Konstanz.
Er sagt, Tempo 30 flächendeckend kann die Stadt Konstanz gar nicht einführen: Martin Wichmann, stellvertretender Leiter des Amts für Stadtplanung und Umwelt der Stadt Konstanz. | Bild: Jörg-Peter Rau

So passiert in der Konstanzer Kommunalpolitik das, worauf Koch die Stadträte schon vorbereitet hatte: „Da geht es irgendwann um Ideologie“, hatte er gesagt. Und tatsächlich: Gisela Kusche (FGL) fragt, warum Konstanz nicht überall Tempo 30 erlassen könne, denn: „Autofahrer werden abgeschreckt.“ Alfred Reichle (SPD) entgegnet, irgendwo müsse der Verkehr immerhin auch noch fließen. Matthias Heider (CDU) findet, dass Tempo 30 in Wollmatingen, wo er der Bürgergemeinschaft vorsteht und an der Hauptstraße sein Büro hat, überfällig ist. Bis der Lärmaktionsplan und mit ihm die 30er-Limits an vier Stellen im Stadtgebiet beschlossen sind, werden wohl noch weitere Kontroversen dieser Art folgen.

Für Martin Wichmann, den stellvertretenden Chef des Amts für Stadtplanung und Umwelt, ist dabei klar: Gerade in Verbindung mit Blitzern ist eine Tempo-30-Strecke für Autofahrer eher unattraktiv – das sagte er mit Blick auf Wollmatingen, wo noch immer 14 000 Autos pro Tag durchfahren. Manche von ihnen werden durch das Hemmnis auf der Ortsdurchfahrt wohl auf die Westtangente verdrängt, sagt er. Wichmann macht aber auch klar: Für Tempo 30 auf allen Stadt-Straßen gibt es keine Rechtsgrundlage. Und: Am Ende könnte die Schleich-Pflicht auf Hauptstraßen den Verkehr in die seit langem beruhigten Wohnquartiere verdrängen.

Noch etwas zeigt die Debatte: Die Stadt muss nach EU-Recht zwar einen Lärmaktionsplan aufstellen – die stärkste Lärmquelle, unter der die meisten Menschen am massivsten leiden, kann sie aber nicht abstellen. Das Gutachten auf dem Büro von Michael Koch macht deutlich, dass der Bahn-Lärm in Konstanz sehr viel schlimmer ist als der Straßen-Lärm. Vor allem in Petershausen, wo die Züge quietschend in die Kurve fahren, sind viele Anwohner mit besonders hohen Schallpegeln betroffen. Man werde mit der Bahn sprechen, sagt Baubürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn. Über automatische Schmier-Anlage – und über eine Abschirmung direkt am Schienenstrang, die man sich nicht als kleine Lärmschutzwand, sondern als Anbauteil am Gleis vorstellen muss.

Dass Konstanz etwas tun muss, ist in der Politik unumstritten. Und während die Stadtverwaltung erklärt, der ­Lärmaktionsplan habe so lange ­gedauert, weil Konstanz die erste Stufe übersprungen habe und gleich in die zweite und wichtigere eingestiegen sei, erinnern Klaus-Peter Koßmehl (Freie Wähler) und andere Stadträte durchaus an die lange Vorgeschichte. Doch nun haben erst einmal die Bürger das Wort: Am Donnerstag, 5. Oktober, diskutiert die Stadtverwaltung den Lärmaktionsplan mit ihnen im Treffpunkt Petershausen. Im Januar soll der Gemeinderat dann entscheiden, ab März könnten die neuen Tempolimits gelten – als erste und fühlbare Maßnahme.
 

Lärm und wie man Menschen schützt

  • Der Plan: Eine EU-Vorschrift zwingt die Kommunen, einen Plan zum Schutz der Bürger vor Lärm zu erlassen. Als gesundheitsschädlich gelten dabei Werte ab 60 Dezibel Schalldruckpegel, ausgedrückt in der Einheit dBA (Dezibel A-bewertet). In Konstanz sind mehrere tausend Menschen nachts oder ganztags einem bedenklichen Schalldruck ausgesetzt. Der Plan fußt auf Rechenwerten der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) und des Eisenbahn-Bundesamtes EBA. Die Verzögerung in Konstanz ist laut Stadtverwaltung entstanden, weil die LUBW zunächst unbrauchbare Werte geliefert habe.
  • Die Maßnahmen: Schallschutz kann an der Quelle oder in der Ausbreitung bekämpft werden. So dienen leisere Motoren zum Lärmschutz. Auch besonderer Asphalt kann helfen. Allerdings sei offenporiger Flüster-Asphalt bei Innenstadt-Geschwindigkeiten wenig effektiv und überdies für Stadt-Straßen nicht stabil genug – sagt Wolfgang Seez, der Chef des Tiefbauamts. Die Ausbreitung von Lärm verhindern Lärmschutzwände, aber auch besonders gut dämmende Fenster. Der Lärmaktionsplan der Stadt sieht auch ein Programm vor, das die Nachrüstung solcher Fenster an besonders lauten Strecken bezuschusst. (rau)