Konstanz Tauschring Konstanz lebt die Nachbarschaftshilfe

Jede Stunde Arbeit ist beim Tauschring Konstanz gleich viel wert. Vor 20 Jahren startete das Netzwerk, welches völlig ohne Geld auskommt.

In diesem Netzwerk stehen Hand- und Kopfarbeit völlig gleichwertig nebeneinander. Egal, ob einer Blumen gießt, den Wasserhahn repariert oder bei einem Computerproblem hilft, jede Arbeitsstunde hat im Tauschring Konstanz den selben Wert. Es gilt: Zeit gegen Zeit. Die Mitglieder tauschen also nicht Geld, sondern den Zeitaufwand für eine Dienstleistung. Wenn einer eine Stunde lang für einen anderen Rasen mäht, bekommt er von der Hilfswährung Talente zehn gutgeschrieben. Diese zehn Talente kann er dann wieder im Netzwerk ausgeben und sich zum Beispiel eine Stunde lang massieren lassen. Vor 20 Jahren startete das Projekt der gelebten Nachbarschaftshilfe, welches das langjährige Mitglied Kaj Granacher als "revolutionär" bezeichnet und das sich bis heute behauptet.

Beim Tauschring geht es darum, Dienste und Dinge ohne den Einsatz von Geld zu ermöglichen. Vor 20 Jahren sei das Projekt aus der Idee entstanden, eine Alternative zum zinsgetragenen Geldsystem zu schaffen, und Solidarität zu stiften, unter anderem auch unter Arbeitslosen und sozial Gebeutelten, sagt Granacher, der selbst seit etwa 16 Jahren im Tauschring aktiv ist. Allerdings habe es noch gut zehn Jahre gedauert, bis im Netzwerk die Gleichbewertung aller Arbeiten tatsächlich umgesetzt wurde. "Es gab ernste Diskussionen, bis wir uns darauf geeinigt haben." Für ihn sei das Prinzip sehr wichtig, schließlich sei der Aufwand an Lebenszeit für alle gleich. Wer bei einer Dienstleistung Unkosten hat, etwa den Verbrauch von Benzin, bekommt einen gesonderten Ausgleich.

Das Gleichheitsprinzip war für Rita Felder eines der wichtigsten Punkte, warum sie sich dem Tauschring angeschlossen hat. "Wir wollen uns gegenseitig helfen, und da soll es keine Abstufungen geben." Ihr wurde im Ring schon beim Zusammenschrauben von Möbeln geholfen, sie hat im Gegenzug Flickarbeiten und das Gießen von Blumen übernommen. Wie viele andere im Netzwerk fühlt sie sich mit dem Tauschring im Rücken besser gerüstet für die kleinen Hürden im Alltag. Ruth Dressler war nach vielen Jahren Einsatz im Ehrenamt auf den Tauschring gestoßen. "Ich habe gemerkt, dass ich auch mal was brauche." Sie freut sich, dass sich in diesem Kreis das Geben und Nehmen in Wage halten, und dass sie nun das Gefühl hat bei Dingen, die sie selbst nicht kann, nicht mehr allein dazustehen.

"Wir sind eine Art große Wohngemeinschaft", sagt Elke Bohnet. Sie hat in der Gemeinschaft Menschen gefunden, denen sie auch mal ihren Wohnungsschlüssel anvertraut, wenn sie auf Reisen ist. Die staatlich anerkannte Kosmetikerin hat im Netzwerk schon Fußpflege, Schminken bei Amateuraufführungen, Reden in Versform und Bauch-Beine-Po-Übungen angeboten. Was sie auf Tauschbasis leisten könne, komme immer ein bisschen darauf an, wie viel Zeit ihr gerade zur Verfügung stehe. Das Aufgeben und Ändern der Angebote und Gesuche sei schnell erledigt: Jedes Mitglied könne dies selbstständig übers Internet.

Wer in den Ring neu einsteigen möchte, kann sich über einen Vertrauensvorschuss freuen. Jeder Neuling im Ring bekommt 100 Talente, den Wert für zehn Stunden, die er einsetzen kann, um das Tausch-Prinzip auszuprobieren. Von einzelnen Personen sei dies schon ausgenutzt worden, berichten Mitglieder. Aber solche Fälle seien selten. Es werde dann die Monatsgebühr von 1,5 Talente als Ausgleich eingesetzt. Der Ring zahlt auch seine Miete für den Raum der Monatstreffen bei der Arbeiterwohlfahrt in Talente. Die AWO ist Mitglied im Tauschring. Im Gegenzug holt sie sich im Ring mit seinen 75 Mitgliedern Hilfe, wenn der große Flohmarkt im Quartier ansteht.

 

Die Tausch-Treffen

Die Mitglieder treffen sich in der Regel am ersten Mittwoch im Monat um 20 Uhr im AWO-Treffpunkt (Chérisystraße 15). Die Wurzeln des Tauschrings liegen im Netzwerk Engagierter Alternative, die in den Räumen der früheren Arbeitslosen-Initiative in der Konradigasse wirkte. Es fanden sich 18 Interessierte, die am 30. Oktober 1996 im Gewerkschaftshaus den Kröten-Markt gründeten. Die Hilfswährung zur Verrechnung der geleisteten Stunden hieß in diesen Anfangszeiten Kröten, später wurde sie wie in anderen Städten in Talente umbenannt.

Weitere Informationen im Internet: www.tauschring-konstanz.de

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