Konstanz – Die Dreifaltigkeitskirche ist nach ihrer Renovierung ein einzigartiger Ort für Pause vom Alltag, für pastorale Einkehr, für Muße, Muse und Musik geworden. Ein besonderer Reiz geht von ihrem romanischen Raum in der Nacht aus. Dem spürte jetzt das Streichorchester "Concerto Constanz" in einem Nachtkonzert nach, dessen Motto "nacht – denk – musik" vielerlei Gedanken, Bilder und Höreindrücke zuließ, sicher aber nicht "Eine kleine Nachtmusik": Das Orchester hatte sich Großes ausgesucht: Werke des lettischen, 1946 geborenen Komponisten Peteris Vasks, dem die Nähe zum estnischen Komponisten Arvo Pärt anzumerken ist. Eine übervolle Kirche gab sich dieser Musik hin, deren Ausdrucksmacht allein dem Streicherklang entsprang. Wie der Klangkörper die innewohnenden, eher abstrakten Verläufe von Lebenssituationen musikalische Gestalt werden ließ, Traumbilder, Lebenslast, Zielsehnsucht, Depression und Zuversicht umsetzte, war berückend perfekt.

Wolfgang Mettlers präsentes, alle musikalischen Nuancen bis in die Fingerspitzen auskostendes Dirigat übertrug sich in jedem Moment 1:1 kammermusikalisch bis orchestral auf das Ensemble, exzellente Intonation und exaktes Zusammenspiel eingeswchlossen. Vasks Musik erzählt in einer modernen Sprache, die historisch weit zurückblickt. Das lässt Versenkung zu, erschüttert in grellen Klängen, führt in Traumwelten, lässt den Atem stocken, führt himmelwärts oder in Tiefen, baut Stille als spannendes Moment ein.

Hineinhörend erkennt man den Baustil der Werke: Viel Dur- und Molltonalität, Ausscheren in freitonale Bezüge; Motivköpfe, die sich immer breiter weiterentwickeln; durch-führungsartige Themenkonflikte; Bruch-stücke, die letztlich ein Ganzes ergeben; reichste Dynamik vom gegen null gehenden pianissimo bis zur geballten Fortissimomacht. Erscheinung, Gegenwart und Vergänglichkeit sind Inhalt der drei Werke: "Epifania" kommt aus dem Nichts, wächst nach melodischem Wellenverlauf an, spielt sein abwärtsgerichtetes Moll-Tonleitermotiv weit aus, endet mit Gegenrich-tungs-Glissando (Saitenrutschen).

Im 45-minütigen Hauptwerk "Klätbütne" entstand ein großartiger Dialog zwischen Orchester und dem Solocellisten Christopher Herrmann, der den schwierigen Part in Solokadenzen und eng verzahntem Zusammenspiel mit Bravour hinlegte: Das war inniger Melos; das fegte virtuos übers Griffbrett und gipfelte in weiten dreistimmigen Passagen. Nach dramatischem Ablauf in vielen Satzteilen sang Janine Firges völlig überraschend mit heller Sopranstimme ein ganz kurzes Volksliedchen: Ein Werk von symphonischer Aussagegewalt. Das Nachtkonzert hatte viele Momente aufgewühlter Musik, aber auch musizierte Stille. Im Schlussapplaus zeigte sich Ergriffenheit und vor allem Bewunderung der Musizierkunst.