Das waren eher selten zu hörende Gott bittende und lobende Werke, die der Konstanzer Kammerchor im "Konzert am Sonntagabend" in der gefüllten Bruder-Klaus-Kirche mit Bläser- und Orchesterbegleitung unter Michael Auer in einer Weise sang, die großen Respekt und Ergriffenheit auslösen konnte. Die Werkauswahl war nicht "Mainstream" zur Adventszeit: Ließen zwei Strawinsky-Werke einen Zusammenhang erwarten und das Respighi-Werk den Kontrast dazu zu bilden, war die Innensicht anders: Strawinskys "Messe" war der Solitär des Abends, während seine "Psalmensinfonie" und Respighis "Lauda per la natività" trotz ihrer Stilverschiedenheit (bei fast gleichzeitigem Geburtsjahr der beiden Komponisten) verbunden schienen durch Gotteslob in Psalm und Weihnachtsgeschichte.

Dabei ließ der Kammerchor seine Zuhörer nicht alleine: Äußerst hilfreich war das Programmheft gestaltet von der Stilbetrachtung über die kompletten lateinischen und italienischen Texte und deren Übersetzung bis zu den Vitae von Chor, Orchester, Solisten und Dirigent. Igor Strawinskys "Messe" von 1948 will laut seiner eigenen Aussage Ausdrucksmusik der Romantik hinter sich lassen.

Der 45 Sänger/innen starke Kammerchor stellte das auch herb, dürr und spröde klingende, fast mittelalterlich distanzierte, dabei Zwölftönigkeit streifende Klangbild mit oft staccatierend zu singenden Phrasen beispielhaft stiltreu dar, ließ in Solopartien auffallend schön singende Solisten aus eigenen Reihen hören: Sabine Hohnberg (Sopran), Bettina Bathelt (Alt) und Maximilian Vogler (Tenor). Mit dem hart dissonant komponierten begleitenden Bläsersatz, gespielt von Mitgliedern der St.Petersburger Kammerphilharmonie, hatte der Chor kein Problem: Chor und Bläser "harmonierten" exakt.

Ottorino Respighis Weihnachtskantate vom Lob der Geburt des Herrn lässt alle Arten schöner Klänge zu, ist Musik, bei der das Herz aufgeht. Das wurde mit dem Kammerchor, den in gleicher Weise blühenden und innigen Sopranstimmen von Johanna Vargas (Engel) und Mechthild Bach (Maria) zusammen mit dem kurzfristig eingesprungenen lyrisch strahlenden Tenor (Hirte) von Moritz Kallenberg zum Ohrenschmaus: Mittelalterlicher, engelumschwebter Krippenmalerei vergleichbar, zeichneten die Ausführenden vergoldet glänzende Dialoge von Anbetung, Lob und Dank. Das kleine Holzbläserensemble mit vierhändigem Klavier (Kristin Kristjáns und Andreas Bung) malte leuchtende Farben, auf die der Chor im Tutti und auch im Hirten-Männer-Segment mit Beweglichkeit, schönster Stimmbalance und gestaltender Leichtigkeit der melismatischen, aber auch polyfonen Satzteile einging.

Strawinskys "Psalmensinfonie" mit großer orchestraler Besetzung bis hinunter zu Kontrafagott, Basstuba, Klavier und Pauken (aber ohne die hohen Streicher) setzte in gewissem Sinn genießerische Aspekte fort: Zwar fordert das dreisätzige Werk auch in Fortissimi, pochenden Rhythmen, Doppelfuge und heftiger Bewegung heraus, aber über allem wirken die Psalmtexte von Bitte um Erhörung, flehende Erwartung des Herrn und inniges Lob wie ein ausmusizierter, harmonischer Schirm. "Laudate"-Rufe des Chors waren gnadenlos schrill gesungen, insistierend gehämmert (Lau-da-te-do-mi-num) und wieder wunderbar weich und melodisch nachgezeichnet.

Michael Auer hatte außergewöhnliche Musik gewählt und sie umsichtig gestaltet und dirigiert. Mit der St. Petersburger Kammerphilharmonie hielt der Chor alle drei Werke ausgezeichnet stimmgeschult, perfekt einstudiert und interessant gestaltend auf Spannung: ein in der Menge der Konstanzer Adventskonzerte sich würdig, stil- und qualitätsvoll auszeichnendes Konzert.

 

Der Chor

Der Konstanzer Kammerchor kann auf eine Geschichte von über 50 Jahren zurückblicken. Der Chor pflegt bewusst ein breites musikalisches Spektrum, das sich insbesondere an der gehobenen A-cappella-Literatur und an Aufführungen oratorischer Werke orientiert. Dabei hat sich der Chor häufig auch Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts angenommen.