Byk Gulden, Altana, Nycomed, Takeda – und nun Gründer. Sie sind in ihrer Gesamtheit der größte Arbeitgeber der Stadt. Vor fünf Jahren ist das Pharmaunternehmen endgültig aus Konstanz fortgezogen, insgesamt fielen 3000 Arbeitsplätze weg. "Es ist erstaunlich, dass sich das für die Wirtschaftskraft der Stadt nur als kleine Delle ausgewirkt hat", sagt Moritz Meidert, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Gründerschiff. Obwohl der Konzern rund ein Drittel der Gewerbesteuer leistete – in Spitzenzeiten geschätzte 20 Millionen Euro. Dass aus der Delle kein tiefer Krater wurde, habe Konstanz laut Meidert jungen Gründern zu verdanken: "Mindestens 3000 Arbeitsplätze hängen an Unternehmen, die es vor zehn Jahren noch nicht gab." Langfristig könnten Gründer und Start-ups, wie die besonders innovativen und wachstumsstarken Neugründungen heißen, den Verlust der Arbeitsplätze bei großen Konzerne auffangen.
 

"Mindestens 3000 Arbeitsplätze hängen an Unternehmen, die es vor zehn Jahren noch nicht gab." - Moritz Meidert, Gründercoach
"Mindestens 3000 Arbeitsplätze hängen an Unternehmen, die es vor zehn Jahren noch nicht gab." - Moritz Meidert, Gründercoach

Nicht nur symbolisch ersetzen Gründer den einst größten Arbeitgeber der Stadt. Sie sollen sich exakt auf dessen Firmengelände niederlassen. Das sehen zumindest die Pläne der Investmentgesellschaft Union Investment und der Immobiliengruppe Investa vor. Sie haben den östlichen Teil des ehemaligen Takeda-Geländes erworben und planen, dorthin unter anderem Start-ups und Unternehmen aus dem Forschungsumfeld der Hochschulen zu locken. Neben den Standorten am Technologiezentrum (TZK) in der Altstadt, dem Unterlohn und dem Stromeyersdorf ist dieser sogenannte Technologie- und Pharmapark Campus die vierte größere Keimzelle für Gründer. "Wir begrüßen die Investitionen aus privater Seite, die Stadt allein kann das Wachstum gar nicht leisten", sagt Wirtschaftsförderer Friedhelm Schaal.

"Wichtig ist uns aber, dass sie mit Qualität und Kaufmannsehre arbeiten", ergänzt er. Mit Union Investment sei die Stadt im Gespräch. So soll ein Förderprogramm dafür sorgen, dass Gründer von Staffelmieten profitieren.

"So wie das bereits im TZK gehandhabt wird", sagt Friedhelm Schaal. Dort sind inzwischen – das TZK ist mehr als 30 Jahre alt – alle Räume vergeben, 42 Unternehmen sind dort angesiedelt. Wenn es irgendwie möglich ist, sollen die Gründer nach fünf Jahren an andere Orte weiterziehen – und sich nach Möglichkeit vergrößern. "Erfreulich ist, dass das den meisten auch gelingt, die wenigsten scheitern", ergänzt der Wirtschaftsförderer.

Konstanz wandelt sich derzeit, so rasant wie vielleicht nie zuvor. "Früher hat man uns immer vorgeworfen, wir würden allein auf die Pharmaindustrie setzen", sagt Friedhelm Schaal, der bereits seit 18 Jahren für die Wirtschaftsförderung arbeitet. Heute arbeite mehr als 80 Prozent der Beschäftigten in unterschiedlichen Dienstleistungsunternehmen. Laut Schaal gibt es in Konstanz aktuell 4400 Firmen, so viele wie nie zuvor. Gründer und Start-ups bezeichnet er als "immer wichtigeres Instrument im Orchester der Konstanzer Wirtschaft". Das längst nicht nur vom Einkaufstourismus bespielt werde, knapp 14 Prozent der Wirtschaftskraft entstammten demnach dem Handel.

Laut Moritz Meidert vom Gründerschiff müssen sich die Konstanzer verabschieden vom alten Traum, Großkonzerne anlocken zu können. "Warum sollten die auch kommen?", fragt er und schiebt nach: "Besser ist es doch, die Unternehmen hier wachsen zu lassen und zu halten." Das tun längst mehr, als die meisten Bürger wissen. Siemens und Altana sind vielen ein Begriff. Der Software-Entwickler Seitenbau oder das Ärzte-Netzwerk Coliquio – zwei Leuchttürme der Konstanzer Gründerszene – kennen dagegen wenige Einheimische. Obwohl sie jeweils mehr als 100 Arbeitsplätze geschaffen haben. Friedhelm Schaal spricht in diesem Zusammenhang von Hidden Champions, sinngemäß übersetzt: heimliche Helden. Er sagt auch: "Sicher haben sie in Sachen Öffentlichkeitsarbeit noch Nachholbedarf, obwohl es grundsätzlich erfreulich ist, dass ihr Erfolg keine größere Werbung nötig macht."

Um dem wirtschaftlichen Wandel der Stadt nicht vorzeitig abzuwürgen, müssten Politik und Bürger alte Ideologien über Bord werfen. "Nicht alle Investoren sind böse Heuschrecken", argumentiert Friedhelm Schaal. Und immer mehr Arbeitnehmer trennen nicht zwischen Beruf und Freizeit. Dass Konstanz in Sachen Gründer und Start-ups boomt, liegt wesentlich an der hohen Studierendenquote und der Konzentration an den Hochschulen. Damit der Abschluss der Prüfung nicht auch der Abschluss des Lebens in der Stadt werde, müsse man Anreize schaffen. So soll am Technologie- und Pharmapark Campus nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt werden. "Die Investoren haben dort ein Gesamtkonzept im Blick", sagt Schaal. Heutzutage reicht das von Orten zum Netzwerken über Gastronomie bis zur Kinderbetreuung. "Wir sind gerade erst am Anfang," sagt Friedhelm Schaal. Vor fünf Jahren hätte er das über das Takeda-Gelände noch in einem ganz anderen Zusammenhang sagen müssen.

Nicht jede Gründung ist ein Start-up

Häufig herrscht Verwirrung darüber, was eigentlich das englische Wort Start-up genau bedeutet. Eine Übersetzung ins Deutsche als Neugründung oder Jungunternehmen ist nicht ganz genau, denn nicht jeder Gründer schafft damit auch gleichzeitig ein Start-up:

  • Gründer: Unternehmensgründungen gibt es schon seit Jahrhunderten. Macht sich ein Anwalt oder ein Architekt selbstständig, ist er ebenso Gründer wie ein Schlosser oder Friseur. Bei ihnen steht jedoch nicht möglichst schnelles Wachstum im Vordergrund.
  • Start-up: Hier liegt der Unterschied zum modernen Start-up. Das englische Verb "to start-up" bedeutet nichts anderes als hochfahren oder in Gang setzen. Ein wirtschaftliches Start-up verfolgt das Ziel, möglichst schnell möglichst groß zu werden – häufig dank einer innovativen Idee, der Entdeckung einer Marktlücke bei Produkten oder einem Alleinstellungsmerkmal bei einer Dienstleistung. Bekannte Start-ups aus Deutschland ist das Internet-Versandhaus Zalando oder die Hotel-Suchmaschine Trivago.
  • Finanzierung: Weil Banken das Risiko bei Start-ups, anders als bei traditionellen Unternehmensgründungen, oft zu hoch ist, greifen Start-up-Unternehmer häufig zunächst auf eigene Ersparnisse zurück. Später helfen private Geldgeber oder die Schwarmfinanzierung im Internet.