Konstanz Starker Gegenwind für Felchenzüchter: Konstanzer Politiker lehnen Netzgehege im Bodensee ab

Die Pläne einer Genossenschaft für Fischzucht in Aquakulturen im Überlinger See treffen auf immer größeren Widerstand. Auch in der Konstanzer Kommunalpolitik gibt es schwere Bedenken.

Die Chancen für einen Probebetrieb für Fischzucht in Netzgehegen im See sinken weiter. Am 8. Mai hatte die Internationale Gewässerschutzkommission Bodensee (IGKB) bekräftigt, dass das in den Bodensee-Richtlinien festgehaltene Verbot solcher Netzgehege-Aufzucht – sogenannte Aquakultur – bestehen bleibt. Der auf einem Staatsvertrag beruhende Text sei für die Verwaltungen verbindlich – aber nicht für Gerichte, erläuterte Ortsvorsteher Roger Tscheulin (CDU) dem Ortschaftsrat von Dettingen-Wallhausen. Da jedoch das Gremium mit Gewässerschutzexperten besetzt sei, erhalte die Richtlinie „eine normative Qualität“, sei also richtungsweisend. Die von einigen Fischern gegründete Genossenschaft Regiobodenseefisch plant eine Netzgehege-Anlage im Überlinger See.

Aquakultur? Kommunalpolitiker winken ab

Diese Woche hatten zudem der Technische und Umweltausschuss (TUA) des Kontanzer Gemeinderats sowie die Ortschaftsräte von Dingelsdorf und Dettingen-Wallhausen jeweils einstimmig eine Resolution verabschiedet, wonach Aquakulturen nicht zugelassen und das in der Bodensee-Richtlinie enthaltene Verbot nicht geändert werden sollen. Der Konstanzer Gemeinderat schloss sich am Donnerstag dieser Haltung an und fordert die Landesregierung auf, dass Netzgehege-Anlagen im Bodensee und in seinen Zuflüssen auch künftig nicht zugelassen werden.

Der Litzelstetter Ortschaftsrat beriet die Resolution nicht, da Litzelstetten weit weg von der geplanten Fischzuchtanlage und die rechtliche Situation eindeutig sei, wie Ortsvorsteher Wolfgang Gensle (CDU) erläuterte. Jürgen Morgen, Verwaltungsleiter von Dettingen-Wallhausen, führte vor dem Ortschaftsrat aus, dass bei einem Genehmigungsverfahren zahlreiche Natur- und Umweltschutzrichtlinien betroffen seien.

"Die Gewässerverunreinigung wäre massiv"

„Es sind Risiken vorhanden. Die Gewässerverunreinigung wäre massiv. Das ist nicht akzeptabel“, sagte Alfred Reichle (SPD) entschieden. „Ich sehe nur Gefahren für den Bodensee“, bekräftigte Kurt Demmler (CDU). Laut Roger Tscheulin gibt es entgegen anderslautender Angaben der Aquakultur-Befürworter keine politische Unterstützung durch den Landwirtschaftsminister. „Es wird das gemacht, was am See entschieden wird“, fasste Tscheulin seine Erkenntnisse zusammen.

Dingelsdorf wundert sich über Standort

Verwundert zeigten sich die Dingelsdorfer Bürgervertreter darüber, dass die Anlage sich im Überlinger See „direkt vor der Haustüre von Wallhausen und Dingelsdorf“ befinden solle, zumal es im Obersee viel mehr Platz gebe, erklärte Ortsvorsteher Heinrich Fuchs (CDU). Er gab zu bedenken, dass Strandbäder in der Nähe seien. „Keine Massentierhaltung an der engsten Stelle“, forderte Roland Romer (FWG). 

Martin Wichmann, der stellvertretende Leiter des Amts für Umwelt und Stadtplanung, gab vor dem TUA dem Projekt der Genossenschaft keine Chance. Es bestehe „keine Sorge, dass ein Netzgehege durch die Hintertür kommt“, wenn es wegen des Umweltschutzes schon sehr schwierig sei, auch nur einen Probebetrieb für einen Wasserbus auf dem Seerhein zu organisieren.

Felchenzucht als Forschungsprojekt?

Jürgen Ruff (SPD) mahnte dennoch zur Wachsamkeit und verwies auf widersprüchliche Signale aus Stuttgart. Über den Umweg eines Forschungsprojekts könne die Aquakultur immer noch kommen, „da müssen wir wachsam sein“, mahnte Heinrich Fuchs. CDU-Stadtrat Matthias Heider, selbst Rechtsanwalt, war sich zwar sicher, es gebe „rechtlich keine Möglichkeit, auch nicht für einen Modellversuch“. Dennoch sei eine klare Aussage aus Konstanz wichtig: „Gewässerschutz muss oberste Priorität haben.“

Auch die Behörde scheint skeptisch zu sein

Wichmann bestätigte, dass der Landkreis Konstanz für das Ufer vor dem Bodanrück zuständige Genehmigungsbehörde ist. Das Landratsamt habe ihm erklärt, einen entsprechenden Antrag würde dieses auf jeden Fall ablehnen. Das erwartet auch Baubürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn: Die IGKB habe gerade erst ihr eindeutiges Nein wegen nicht abschätzbarer Risiken bekräftigt. Für Langensteiner-Schönborn herrscht deshalb „Entwarnung“.

Genossenschaft gibt sich unbeeindruckt

Davon unbeeindruckt hält Berufsfischer Martin Meichle, Vorsitzender der Genossenschaft Regiobodenseefisch, an den Plänen fest. Ein norwegisches Fachunternehmen sei mit der Planung beauftragt, die unter anderem die Größen der Gehege sowie den möglichen Schadstoffeintrag beinhalte. Meichle hofft, dass die Unterlagen noch dieses Jahr kommen. „Dann werden wir die wasserrechtliche Genehmigung beantragen“, erklärte er. Er erwarte, dass das Verfahren sachlich und fachlich korrekt abläuft. Meichle sagte aber auch: „Wenn es wasserrechtlich nicht geht, dann ist das gegessen.“ 

Initiatoren einer Genossenschaft zur Felchenaufzucht im Bodensee (v.l.n.r.): Joachim Böhler, Berufsfischer von der Insel Reichenau; Alexander Keßler, Vertriebsleiter Erich Geiger-Gruppe, Meersburg; Martin Meichle, Berufsfischer aus Hagnau und Sprecher der Gruppe; Urs Riebel, Berufsfischer und Fischhändler von der Insel Reichenau; Stephan Hofer, Fischzüchter aus Oberndorf. Archivbild: Picasa
Initiatoren einer Genossenschaft zur Felchenaufzucht im Bodensee (v.l.n.r.): Joachim Böhler, Berufsfischer von der Insel Reichenau; Alexander Keßler, Vertriebsleiter Erich Geiger-Gruppe, Meersburg; Martin Meichle, Berufsfischer aus Hagnau und Sprecher der Gruppe; Urs Riebel, Berufsfischer und Fischhändler von der Insel Reichenau; Stephan Hofer, Fischzüchter aus Oberndorf.

Die Fischzucht-Pläne

Die Genossenschaft Regiobodenseefisch plant zwölf Gehege von jeweils 20 Meter Durchmesser und 40 Meter Tiefe vor Wallhausen und Dingelsdorf. Darin sollen jährlich 500 bis 600 Tonnen Felchen gezüchtet werden. Die Europäische Union verlangt bereits jetzt hohe Standards für Aquakulturanlagen. Aquakultur sei auf sauberes und gesundes Meer- und Süßwasser angewiesen. (nea)

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