Zehn Prozent Wachstum, und ein Ende ist vorerst nicht in Sicht: Es gibt nicht viele Wirtschaftszweige in Konstanz, die solche Werte für sich reklamieren können. Im Tourismus zeigt die Kurve seit vielen Jahren nur noch nach oben, und die vielen neuen oder geplanten Hotels deuten auf eine Art Goldgräberstimmung am Bodensee hin. Überraschend kommt das nicht. Die Weltpolitik, der Frankenkurs, der Trend zu Städtereisen, das Interesse an Geschichte: Fast alle großen Entwicklungen in der Branche kann Konstanz gut abbilden. Die Grenze von einer Million Übernachtungen pro Jahr ist aber auch Anlass, über Fragen zu diskutieren, die der Tourismus in dieser Stadt aufwirft.

Wirtschaftlich betrachtet, bringen die Gäste viel Kaufkraft in die Stadt. Sie tragen dazu bei, dass es Arbeitsplätze fast aller Qualifikationsniveaus gibt, sie tragen ihr Geld in die Restaurants und Geschäfte, sie sorgen bei öffentlichen Dienstleistungen wie Bädern und Schiffen für eine gute Auslastung. All das ist erfreulich, aber eine große Aufgabe bleibt. Wenn der Tourismus ganzjährig für Arbeit sorgen soll, wenn die zunehmende Zahl von Betrieben auch stabil über den Winter kommen sollen, wenn der Preiswettbewerb in der Schwachlastzeit nicht ruinös sein soll, muss es das Ziel sein, die Saison zu verlängern. Dazu braucht es attraktive Angebote und eine clevere Kommunikation.

Sozial betrachtet, stellt der anhaltende Boom die Stadt Konstanz vor die unbequeme Frage, was sie eigentlich sein will. Es ist keineswegs unumstritten bei den Einheimischen, dass die Stadt, in der sie geboren wurden oder für die sie sich einst bewusst entschieden haben, künftig das Wohlergehen der Gäste so über alles stellt, wie die echten Touristenorte in aller Welt es längst tun. Es gibt auch Konstanzer, die nicht mit Leib und Seele Dienstleister an Feriengästen sein wollen, und es gibt auch Konstanzer, die die Vorzüge ihrer Stadt nicht gerne teilen. Man sollte den Menschen sagen, worauf sie sich einrichten sollen. Und wenn es der Tourismus ist, dann müssen Lasten und Erlöse fair verteilt werden. Gastfreundschaft strahlt am Ende doch eher der aus, der daraus auch einen Vorteil zieht.

Ökologisch betrachtet, heißt das Handlungsfeld ganz klar: weg von Tages- und hin zum Übernachtungstourismus. Wer für einige Tage in der Stadt ist, verursacht weniger Stau und weniger Luftverschmutzung, nutzt vor Ort vielleicht auch einmal ein Leihfahrrad (vielleicht schafft es Konstanz irgendwann ja doch noch zu einem öffentlichen System) und setzt sich intensiver auch mit dem Naturraum Bodensee auseinander. Gleichwohl brauchen auch Hotels Platz, tragen zur Versiegelung von Flächen bei, binden schon beim Bau und erst recht im Betrieb eine Menge Energie. Nicht auf alle, aber auf manche dieser Faktoren kann eine Stadt aktiv Einfluss nehmen. Konstanz kann es sich leisten, hohe Standards zu setzen – selbst wenn es den einen oder anderen Goldgräber abschrecken sollte.

Ökonomie, Ökologie und Soziales: Das sind die drei Säulen der Nachhaltigkeit, dieses in Konstanz zeitweise so überstrapazierten Begriffs. Wie ein Brennglas bündelt der Tourismus diese Dimensionen und wirft Fragen auf – von der, ob nun auch noch die Fasnacht zum Touristenevent werden muss; über die, welche Infrastruktur die Stadt absehbar zusätzlich braucht; bis zu der, ob dem Ansturm der Tagesbesucher Einhalt zu gebieten ist. Dass diese Debatten offen und breit geführt werden, ist im Moment schwerlich zu erkennen. Es mag daran liegen, dass sie mit unbequemen Festlegungen enden könnten.

Die Diskussion aber lieber gar nicht zu führen, ist fahrlässig. Der Tourismus verändert Konstanz seit Jahrzehnten, zuletzt aber mit steigender Geschwindigkeit. Wer nicht bald Konsens darüber anstrebt, was diese Stadt denn nun sein soll, wird nur eines befördern: den gefährlich stummen Prozess zunehmender Distanzierung von der eigenen Heimat. Ist es erst soweit, haben alle verloren. Denn eine Stadt, in der sich die Bewohner selbst fremd fühlen, wird den Besuchern von auswärts nicht dauerhaft ein gastlicher Ort sein.

joerg-peter.rau@suedkurier.de