Es ist ein wenig wie bei einer Klassenfahrt. Grüppchen stecken verschwörerisch die Köpfe zusammen, tuscheln, nesteln an ihren Jacken, Schals und Rucksäcken herum. Gespannte Erwartung liegt in der Luft. Henry Gerlach, Historiker und Philosoph mit grau meliertem Haar und Bart, lässt seinen Blick durch die Menschentraube schweifen. Seine Augen blitzen schelmisch und verraten- heute Abend ist etwas anders. "Etwa 30 Leute waren angemeldet. Jetzt sind wir aber bestimmt schon 40", schätzt Gerlach und streicht sich durch den Bart. Dann ein Blick auf die Uhr. 19.30 Uhr. Es kann losgehen. Mit der sonoren und gassenfüllenden Stimme des Stadtführers mit jahrelanger Erfahrung begrüßt Henry Gerlach die Menschenmenge, die sich um ihn versammelt hat und gespannt auf das Schnetztor hinter ihm blickt.

Henry Gerlach führt im Rahmen von 'Illuminationen' mit viel Charme durch das abendliche Konstanz.
Henry Gerlach führt im Rahmen von 'Illuminationen' mit viel Charme durch das abendliche Konstanz. | Bild: Heinsch

Über die Fassade des mittelalterlichen Stadttores huschen überlebensgroße Silhouetten von Vögeln. Aus einem nahen Haus werden sie auf die historische Fassade projiziert. Die herbstabendliche Stadtführung steht ganz im Zeichen des Lichtkunstprojektes Illuminationen des Konstanzer Künstlertrios Teresa Renn, Jan Behnstedt-Renn und Patrick Pfeiffer. Ihre Videoprojektionen auf historischen Konstanzer Stätten wie dem Schnetztor gehen an diesem Abend mit Henry Gerlachs Geschichten aus den Tagen des Konzils eine unwiderstehliche Liaison ein. Nach wenigen Worten hängt sein Publikum bereits an Gerlachs Lippen. Ein paar ältere Damen flüstern sich zu: "Der hat so eine tolle Stimme und immer ein paar Anekdoten auf Lager. – Kann man ihn persönlich buchen? – Ja, man kann. Wenn man seine Handynummer hat.

" Auch Teresa Renn ist da und ergänzt das Wissen des Stadtführers mit Geschichten rund um die Entstehung der Illuminationen. "Die Vögel, die Sie hier sehen, sind Säntisdolen. Anfangs haben wir versucht sie mit Brot zu füttern. Das hat nicht so gut geklappt. Erst als wir dann mit Pommes kamen, haben wir das gewünschte Ergebnis erzielt und konnten unsere Filmaufnahmen machen", erzählt sie.

Gut eineinhalb Stunden später ist die Führung an ihrem Endpunkt in den engen Gässchen der Niederburg angelangt. Auf dem Weg dorthin haben sich Geldstücke über die Marktstätte ergossen, leuchtende Lettern "Habemus Papam" aus dem Konzilgebäude gestrahlt, ist an der Fassade des Hohen Hauses ein Baum aus Namen erwachsen und wurde der Münsterplatz vom flackernden Schein eines Scheiterhaufens erleuchtet. Nur wer kein Konstanzer ist, wird nicht sofort an Jan Hus gedacht haben. Annick Zobel ist ihre französische Herkunft noch deutlich anzuhören, obwohl sie bereits seit 40 Jahren in Konstanz lebt. "Mir hat die Führung sehr gut gefallen. Ich liebe l'Histoire – die Geschichte – wenn man so bei Nacht durch die Gassen geht und die Lichtkunst sieht, kann man sich vorstellen, wie es früher wohl einmal war." Entsprechend laut klingt auch der abschließende Applaus in der Enge der Niederburg, als Henry Gerlach und Teresa Renn sich bedanken und ihre Gäste in die Nacht verabschieden. Korina Schulze und Edwin Zemic sind extra aus Markdorf angereist. Auch sie sind sichtlich beeindruckt: "Wir haben im Internet über die Aktion gelesen und wollten es uns unbedingt ansehen. Gerade der technische Aspekt der Lichtkunst in Verbindung mit historischen Anekdoten war spannend."

Historische Schauplätze

Nur noch bis zum Mittwoch, 12. Oktober, kann die Konzilstadt in ihrer erleuchteten Gestalt erlebt werden. Vom Schnetztor bis in die Niederburg, wo Stadtgeschichte lebendig wird. Hintergrund der Aktion ist das Konziljubiläum. Die Macher gehen in ihren Illuminationen auf die spätmittelalterlichen Machtspiele ein und weisen ihnen entsprechende Leitwörter zu. Die Projektionsorte stehen in Zusammenhang mit ihrer Rolle während des Konzils.