Konstanz Staatsanwaltschaft Konstanz prüft Anzeigen vor der Aufführung von „Mein Kampf“ am Theater

Das Theater Konstanz hält fest an dem Angebot, Freikarten an Personen auszugeben, die während der Aufführung ein Hakenkreuz tragen sollen. Rund 50 Interessierte hätten sich bereits gemeldet, so das Theater. Das sei das wahrlich Erschreckende, sagte Regisseur Serdar Somuncu auf einer Pressekonferenz am Dienstag.

Es kommt selten vor, dass Konstanz deutschlandweit Aufmerksamkeit erregt. Das Theater um Intendant Christoph Nix hat es wieder einmal geschafft. "Das Theater Konstanz – wo Symbole des Völkermords wie Bonbons verteilt werden", heißt es beispielsweise auf der Berliner Plattform "Salonkolumnisten"

Die Premiere von "Mein Kampf" von George Tabori am 20. April und das Angebot, als Zuschauer ein Hakenkreuz oder einen Davidstern zu tragen, entfachten dieser Tage eine intensive Debatte über – ja, worüber eigentlich? Darüber, was sich das Theater nach eigener Verlautbarung gewünscht hätte, nämlich die Auseinandersetzung mit der Frage „Wie rechts sind wir heute?“ Nein, stattdessen wurde bislang in den Medien, in den sozialen Netzwerken und auf der Straße überwiegend über die Frage debattiert, was das alles soll, was Kunst darf und was nicht – und ob der Zweck jedes Mittel heiligt. Die Verantwortlichen jedenfalls fühlen sich missverstanden.

Die Aufführung am 20. April sei ganz im Sinne George Taboris

"Nicht wir, sondern die Gesellschaft begeht einen Tabubruch", sagte Intendant Christoph Nix am Dienstag bei einer teils sehr emotional geführten Pressekonferenz.

Nix verwies auf den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland. Er sei stolz, dass das Theater Risiken eingeht und ganz im Sinne George Taboris dieses Stück auf die Bühne bringe.

In Berlin, erzählt Nix, habe er ihn im Jahr 2001 getroffen. Damals habe Tabori ihm gesagt: "Wenn du irgendwann "Mein Kampf" inszenierst, dann mach es an Hitlers Geburtstag. Und sie, die Faschisten, werden kotzen", zitiert Nix den inzwischen verstorbenen Tabori. Damit erweitert das Theater seine Argumentationslinie, den 20. April nicht den Rechtsextremen zu überlassen. 

Peter Posniak (vorne), Thomas Fritz Jung (oben), Tomasz Robak (links), Andreas Haase (rechts), Statisterie
Eine Szene aus den Proben zu "Mein Kampf" am Theater Konstanz mit Peter Posniak (vorne), Thomas Fritz Jung (oben), Tomasz Robak (links), Andreas Haase (rechts). Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz | Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz

Auch den Vorwurf, dass das Ganze ein misslungener PR-Gag sei, weist Christoph Nix zurück: "Marketing haben wir nicht nötig." Er sehe in der Inszenierung vielmehr eine Auseinandersetzung mit Rassismus und Antisemitismus. „Und das Theater ist der einzige Ort, an dem unmittelbar solche Auseinandersetzungen stattfinden“, behauptet er.

"Die Opfer der Shoah benötigen keine Solidarität von jemanden, der sich zwischen zwei Karten entscheidet"

Im Publikum der Pressekonferenz sitzt auch Arthur Bondarev, der stellvertretende Vorsitzende der Synagogengemeinde Konstanz, um sich die Erklärung des Theaters anzuhören. Doch auch nach mehr als einer Stunde blieben für ihn noch viele Fragen offen. Die Visitenkarte von Dramaturg Daniel Grünauer und das Angebot zum Austausch nimmt er an – doch das komme eigentlich zu spät, sagt er noch.

Seine Meinung über die Inszenierung hat er nicht geändert. "Die Opfer der Shoah benötigen keine Solidarität von jemanden, der sich zwischen zwei Karten entscheidet", so Bondarev. Christoph Nix zeigte sich wenige Minuten zuvor in der Pressekonferenz emotional: "Wenn wir Verletzungen bewirkt haben, tut mir das leid."

Angebot, für eine Freikarte ein Hakenkreuz zu tragen, bleibt

An der Eintrittsstruktur wird sich dennoch nichts ändern. In einem offenen Brief schreibt die Synagogengemeinde: "An Abartigkeit nicht zu übertreffen ist das Festhalten des Theaters an dem Angebot, Freikarten an Personen auszugeben, die während der Aufführung ein Hakenkreuz tragen sollen."

Während der Aufführung werde einmal das Licht ausgeschaltet und mit Schwarzlicht erhellt, das die Hakenkreuze zum Leuchten bringt. Dadurch sollen die Zuschauer sichtbar werden, "die sich aus Geiz bereit erklärt haben, ein faschistisches Symbol zu tragen", so das Theater. Weitere Einbindungen des Zuschauers werde es nicht geben, erklärte Regisseur Serdar Somuncu.

Rund 50 Anfragen für Freikarten 

Bis Dienstag seien viele Anfragen für Freikarten eingegangen. Rund 50 Interessierte hätten sich bereits gemeldet, so Nix. Ein Treffpunkt für Nazis soll das Theater Konstanz aber nicht werden. Man werde darauf achten, dass es bei den insgesamt 14 Vorstellungen jeweils nur eine Handvoll Menschen mit Freikarte sei. Es habe eine Gruppenanfrage aus der Schweiz gegeben, die man genau beobachte, so Nix. Und am Eingang werde es strengere Kontrollen geben. "Wir sind in enger Abstimmung mit der Polizei", sagte Nix.

Regisseur Serdar Somuncu, der schon in den 90er Jahren aus Hitlers "Mein Kampf" vorgetragen hat, reagierte auf die Kritik mit Gegenkritik. "Seitdem ich mich mit dieser Thematik auseinandersetze, ist es für mich zum Alltag geworden, dass Menschen, egal woher sie kommen, was sie wählen oder welche Ideologie sie in sich tragen, immer wieder den Satz sagen: So etwas darf man nicht. Hätte ich damals wie heute auf diesen Satz reagiert, hätte ich diese Arbeit niemals gemacht."

Bürgermeister distanziert sich 

Die von vielen Seiten kommende Kritik sei ein Versuch der Einschüchterung gewesen und eine "Reaktion auf Marginalien, auf Oberflächlichkeiten". Das wahrlich Erschreckende an der Idee sei, "dass sich tatsächlich Leute darauf eingelassen haben, für eine Gratiskarte ein Hakenkreuz zu tragen. Das spricht Bände über unsere Gesellschaft", so Somuncu.

Auch er verweist darauf, dass Antisemitismus in Deutschland zunehmend hoffähig sei – dem müsse man mit radikalen Mitteln entgegenwirken. Es gehe darum, die demokratische Verfassung in Schutz zu nehmen, sagte er. „Aber nicht dadurch, dass wir uns zum Opfer machen oder uns zurückziehen in Räume und kleine abgezirkelte Bereiche, in denen wir mit Gleichgesinnten Gleichgesinntes austauschen – sondern offensiv raus auf die Straße und zwar direkt ins Gesicht unserer politischen Gegner.“ Aufgabe des Theaters sei es, praktische Anleitungen für Diskussionen zu geben – „und genau das ist die Idee meiner Inszenierung“.

Gerüchte, wonach das Theater die Premiere verlegt, sind damit erst einmal vom Tisch. Bürgermeister Andreas Osner erklärt auf Anfrage, dass er sich auch weiterhin klar von dieser Inszenierung distanziere. Als Hausherr werde die Stadt die Inszenierung nicht untersagen, da eine externe Kanzlei zu der Auffassung kam, dass die Kunstfreiheit die Inszenierung in vollem Umfang deckt - in Auftrag gegeben hatte dieses Gutachten: das Theater Konstanz.

 

Theater lässt Gutachten erstellen

Dass Zuschauer für eine Freikarte ein Hakenkreuz tragen sollen, berührt auch eine rechtliche Frage. Gemäß Paragraf 86 a des Strafgesetzbuchs ist es verboten, Kennzeichen verfassungswidriger Organe zu verwenden oder öffentlich zu verbreiten, herzustellen oder vorrätig zu halten.

  • Anzeigen: Vor der umstrittenen Aufführung von George Taboris „Mein Kampf“ am Theater Konstanz sind deshalb Anzeigen von zwei Antragsstellern bei der Staatsanwaltschaft Konstanz eingegangen. Diese würden nun geprüft, sagte ein Sprecher der Behörde am Dienstag gegenüber dem SÜDKURIER. Die Entscheidung werde am heutigen Mittwoch mitgeteilt. Das Tragen von Hakenkreuzen in der Öffentlichkeit sei grundsätzlich eine Straftat. Im Fall des Theaterstückes müsse man aber prüfen, ob das Thema Kunstfreiheit eine Rolle spiele.

  • Theater lässt Gutachten erstellen: Das Schauspielhaus wiederum verweist darauf, dass die Verwendung aus seiner Sicht erkennbar eine künstlerisch-vermittelnde Funktion habe. Deshalb drohe keine Gefährdung der demokratischen Rechtsordnung oder des politischen Friedens. In der gestrigen Pressekonferenz ließ Intendant Christoph Nix ein Gutachten der Berliner Kanzlei Raue LLP verteilen, mit dem Hinweis: "Die rechtliche Frage finde ich gar nicht so relevant, es geht um ethische Fragen." Die Kanzlei kommt zu dem Ergebnis, dass die Idee nicht gegen geltendes Recht verstößt.

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