Konstanz Staad: Bauprojekt steht in der Kritik

Schon wieder sorgt ein Bauprojekt im Stadtteil Staad für großen Unmut. „Wir kriegen einen Block vor die Nase gesetzt“, sagen die Anwohner. Sie wollen sich gegen den Bau eines Mehrfamilienhauses wehren.

„Schauen Sie sich um“, sagt Rentner Alfred Scheideck, „sehen Sie hier große Wohnblocks?“ Dabei zeigt er auf die umliegenden Häuser am Staader Berg, wo sich Doppel- neben Einfamilienhäusern reihen. Zwischendrin stehen kleinere Mehrfamilienhäuser. In einem von ihnen lebt der ehemalige Delikatessenhändler Scheideck mit Ehefrau Annegriet. „Wir sollen jetzt so einen Block direkt vor die Nase kriegen“, sagt er und zeigt von seinem Balkon in Richtung Süden. „19,5 Meter breit und neun Meter hoch soll der Anbau sein – das ist so dreist“, pflichtet ihm Hausbewohner Reinhard Ruhland bei. „Wir müssen das verhindern!“

Damit sich Gemeinderäte und Bürger ein Bild von der Situation machen konnten, luden die Bewohner der Staader Straße 15 kurzerhand zu einem Ortstermin auf den Scheideckschen Balkon ein. Hier offenbarte sich eine baulich schwierige Situation: Mitte der 70er Jahre wurde direkt anliegend an das Drei-Parteienhaus ein Flachdachbungalow gebaut. Wand an Wand, sogar die Versorgung funktionierte einst gemeinsam. Die Balkone des Mehrfamilienhauses ragen über das Flachdach, im Grundbuch wurde eine Baulast eingetragen. Jetzt will die Eigentümerin des Bungalows zwei Stockwerke auf ihr Haus aufsetzen – fünf Meter vor den Balkonen der Nachbarn. „Es gibt Aussparungen um unsere Balkone, aber die Abstände sind viel zu eng“, sagt Ruhland. Die Bauvoranfrage war positiv, jetzt wurde das Baugesuch gestellt. „Zur Zeit befinden wir uns noch in der komplexen inhaltlichen Prüfung des Bauvorhabens, das mehrere Aspekte des privaten und öffentlichen Baurechts tangiert“, lässt Walter Rügert, Sprecher der Stadt, wissen.

Es geht um Mindestabstände, Traufhöhen und Bauvorschriften. „Es existiert ein alter Bebauungsplan von 1963, der aber nur den Bestand sichert und künftige Vorhaben nicht tangiert“, erklärt Rechtsanwalt Urs Schaubhut, der Scheideck und Ruhland berät. „Die Qualität des Bebauungsplans ist nicht entscheidungsrelevant, da seit 1976 bereits ein Gebäude dort steht“, sagt auch Rügert. Offen ist noch, ob Paragraf 34 des Baugesetzbuches greift, der eine Anpassung an die Umgebung vorschreibt. Nun wird sich der Technische und Umweltausschuss (TUA) in seiner Sitzung am Dienstag, 7. Oktober, mit dem Thema auseinandersetzen.

„Wir haben uns bei der Planung selbstverständlich an alle baurechtlichen Vorgaben gehalten“, erklärt Johannes Hartwich, Architekt, FDP-Gemeinderat und selbst TUA-Mitglied. Das Architekturbüro Hartwich Huber Poll hat die Pläne erarbeitet. Hartwich verstehe die Anliegen der Anwohner. Die Kundin wolle das so – und man habe bereits etliche Änderungen vorgenommen, bis eine positive Bauvoranfrage erreicht wurde. Der Architekt gesteht: „Für die hinteren Nachbarn ist es eine Zumutung, so zu bauen.“

Zu dieser Meinung kamen auch die Stadträte Peter Müller-Neff (Freie Grüne Liste), Gabriele Weiner (Freie Wähler) und Anselm Venedey (CDU). „Das ist eine wirklich freche Variante von Städtebau“, sagte Müller-Neff und versprach, einen Antrag auf eine gemeinsame Ortsbesichtigung zu stellen. Für Sven Martin, Vorsitzender der sehr aktiven Bürgergemeinschaft Allmannsdorf-Staad, ist dieses Projekt ein weiteres Zeichen dafür, wie dringend dieser Stadtteil einen Bebauungsplan benötigt. Erst jüngst gab es nur einige Seitenstraßen weiter zwei Bauprojekte, die für großen Ärger sorgten. „Wir brauchen endlich ein geordnetes Verfahren, damit solche dreisten Projekte gestoppt werden.“ Nach SÜDKURIER-Informationen wurde ein Bebauungsplan bereits in einer nichtöffentlichen TUA-Sitzung angeregt und wird derzeit geprüft. Möglich ist auch ein Rahmenplan (siehe Infokasten). „Wir hoffen sehr, dass hier etwas passiert, bevor das Gebäude steht“, sagt Bewohner Alfred Scheideck.

 

Gesetzliche Mittel

Rahmenplan: Ein wichtiges Instrument, um für größere Stadtbereiche, Stadtteile und Quartiere Leitlinien der künftigen Entwicklung festzulegen. Rahmenpläne geben städtebauliche, räumliche, gestalterische Orientierungen und können kleinräumige Nutzungen vorgeben. Sie werden ohne Bürgerbeteiligung von den Städten selbst erstellt – und sind damit schneller umsetzbar.

Bebauungsplan: Hierbei wird für jedes einzelne Grundstück eine genaue Festsetzung getroffen. Ein Bebauungsplan umfasst deshalb nur ein eng begrenztes Gebiet. Die vom Plan betroffenen Bürger müssen beteiligt werden, es gibt Anhörungen und Beratungen. Das Verfahren dauert in der Regel länger. (sab)

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