„Soll ich dir auf die Gosch‘ haue?“

Ich traue meinen Ohren nicht. Hat er das wirklich gerade gesagt? Der Autofahrer, der mir als Radfahrer Sekunden zuvor die Vorfahrt genommen hat? Der mir dabei hämisch zugewunken hat? Den ich daraufhin zur Rede gestellt habe?

Er hat es gesagt. Meine Ohren haben richtig gehört. Der Herr mit dem Gesicht eines Menschen, der selbst der nervtötendsten Stubenfliege nichts zuleide tun könnte, hat mir soeben Prügel angedroht. Der endgültige Beleg: Die Straße, eigentlich Sinnbild für Zivilisation und Regeltum, katapultiert den Menschen in seinem Verhalten zurück in die Steinzeit. Auch mich.

Jeder gegen jeden: Beleidigungen, Bedrohungen, Gewalt

Denn gefühlt liegen die Nerven hier immer häufiger blank. Und das gilt für alle Beteiligten. Jeder gegen jeden, heißt es hier, auch untereinander. Autofahrer beleidigen Fußgänger und Radfahrer; Radfahrer verfluchen Autofahrer und Fußgänger; Fußgänger beschimpfen Autofahrer und Radfahrer.

Unhöflichkeiten wie „Du Schnarchsack, jetzt fahr!“ oder „Pass doch auf, du Idiot!“ sind da bei Weitem das Harmloseste. Die nächste Stufe der Eskalation: Bedrohungen wie „Ich hau dir auf die Fresse!“ oder „Willst du, dass ich dich erschieße?“ Und dass Worte mitunter nicht nur Worte bleiben, sondern in handfesten Auseinandersetzungen enden, zeigt sich auf der Straße auch immer wieder.

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Konflikt in der Innenstadt: Deeskalation scheint keine Option

Ein Stoß von hinten, ein Tritt gegen das Hinterrad – vor wenigen Tagen meldete ein Konstanzer Bürger sich mit dieser Geschichte in der Redaktion. In einem verkehrsberuhigten Bereich, keiner Fußgängerzone, hatte er, auf dem Rad sitzend, versehentlich eine Fußgängerin gestreift. Ein Wortgefecht war die Folge, das seinen Erzählungen zufolge in einem handfesten Streit mit anderen Passanten endete.

Was diese Geschichte verdeutlicht: Deeskalation in Form einer Entschuldigung scheint in solchen Situationen keine Option, und zwar für niemanden. Stattdessen wird, wie offenbar in diesem Fall geschehen, zum Abschied noch der Stinkefinger ausgepackt: vom 58-jährigen Herrn wohlgemerkt, wie der im Gespräch unverblümt zugibt.

Aber warum ist das eigentlich so?

Warum bricht es vor allem im Straßenverkehr aus uns heraus? Mögliche Erklärungen hierzu gibt es viele. Die Situation auf den Straßen ist inzwischen höchst stressig: Immer mehr Verkehr sorgt für immer mehr Stau. Autofahrer fühlen sich von Radfahrern sprichwörtlich an den Rand gedrängt. Radfahrer fühlen sich von Autofahrern wortwörtlich an den Rand gedrängt. Das beste Beispiel dafür sind die Konstanzer Fahrradstraßen. Ein hoch emotionales Thema.

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Insofern ist das alles sicherlich irgendwie eine Erklärung dafür, dass mir der Autofahrer, der mich Sekunden zuvor zur Vollbremsung nötigte, nun „auf die Gosch‘“ hauen will. Ganz ohne Wut im Bauch, ohne Wortgefecht und ohne ihm den Vogel gezeigt zu haben ziehe auch ich nicht davon.

Irgendwie aber sollten wir alle die Steinzeit überwunden haben, uns auf der Straße künftig zivilisierter benehmen, herunterkommen und Fehler eingestehen. Das gilt für Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger.