Konstanz Sind unsere Straßen künftig ein einziges Sonnenkraftwerk?

Wenn das funktioniert, gäbe es bald massenhaft Strom: Konstanzer Firmen wollen Asphalt durch Solarzellen ersetzen. Warum ausgerechnet eine Tanzfläche als Versuchsfeld für die Technik dienen könnte. Und wie Straßen künftig ihren Nutzern direkt Energie zurückgeben könnten.

Im Tangoschritt zur Energierevolution: So stellen sich der Unternehmer Gerhard Bernot, der Tanzprofi Michl Bluemm, der Ingenieur Heinrich Bercher und eine paar weitere Mitstreiter ein Projekt vor, das von Konstanz aus in die weite Region hinaus ausstrahlen soll. Dreh- und Angelpunkt sind flach verlegte Solarzellen, die sich nicht wie sonst so oft auf Dächern der Sonne entgegenneigen, sondern anstelle eines anderen Materials als Bodenbelag dienen. Horizontale Photovoltaik nennen sie das. Gerhard Bernot, Inhaber einer Softwarefirma, und Heinrich Bercher, Geschäftsführer eines mittelständischen Systemtechnik-Betriebs, wollen dafür ein Modellprojekt in Konstanz möglich machen – wenn auch die Stadt mitspielt, sonst könnten auch Radolfzell oder Kreuzlingen den Zuschlag erhalten, wie Bernot sagt.

Die Grundlage im Wortsinn sind dabei flache Platten, die findige Ingenieure als einen möglichen Straßenbelag der Zukunft entwickelt haben. Die Glas-Kacheln mit einer gerippten Oberfläche sind gut handtellergroß und durch ein flexibles Gewebe verbunden. Eingegossen sind Solarzellen, die Sonnenlicht in Strom verwandeln. Auch kleine Leuchtdioden lassen sich einbauen – zum Beispiel, um Fahrspuren zu markieren oder um das Umfeld zu beleuchten. Was nach Zukunftsmusik klingt, wird in wenigen Jahren Realität sein, sagt Donald Müller-Judex. Sein Unternehmen Solmove aus Potsdam gehört zu einer Handvoll Firmen weltweit, die an neuartigen Solarstraßen forschen. In China, sagt Müller-Judex, ist sein Unternehmen an einem Pilotprojekt beteiligt, das zu den Olympischen Winterspielen 2022 fertig sein soll.

Er glaubt, dass ein Bodenbelag aus Glas-Photovoltaik-Elementen auch einen guten Untergrund zum Tanzen abgibt und hofft auf ein Vorzeigeprojekt in der Region: Michl Bluemm.
Er glaubt, dass ein Bodenbelag aus Glas-Photovoltaik-Elementen auch einen guten Untergrund zum Tanzen abgibt und hofft auf ein Vorzeigeprojekt in der Region: Michl Bluemm. | Bild: Jörg-Peter Rau

Noch vor 2022 könnte allerdings ein kleines Sonnenkraftwerk neuer Art am Bodensee die Möglichkeiten von Stromgewinnung am Boden aufzeigen. Bernot, selbst begeisterter Tänzer, will eine öffentliche Tanzfläche zur Referenz-Anwendung machen. 16 mal 16 Meter groß solle sie werden, sagt er: 256 Quadratmeter, auf denen dank Sonnenschein Strom gewonnen wird. Zugleich solle die Tanzfläche eine effektvolle Beleuchtung für Wettbewerbe und Aufführungen erhalten, so Bernots Plan. Und er verspricht, er werde sich um die Kalkulation kümmern, um öffentliche und vielleicht auch private Zuschüsse, um Sponsoren und um die Technik. Als er das hört, schaut Müller-Judex begeistert. Denn er sagt: Wer mit Vorzeigeprojekten in die Photovoltaik einsteigt, hat auch später die Nase vorn.

Dieser Ehrgeiz treibt auch Heinrich Bercher an. Die Firma Mesa Systemtechnik in Stromeyersdorf, die er leitet, beschäftigt sich schon lange mit der berührungslosen Übertragung von Daten und Energie. In Solarstraßen sieht er ganz neue Möglichkeiten für die Elektromobilität. So könnten Autos oder Fahrräder während der Fahrt ständig nachgeladen werden. Einen Fahrradständer für E-Räder hat er schon entwickelt, an den man das Rad zum Aufladen nur noch anlehnen muss. Ladegerät und Kabel sind nicht mehr nötig, das Verfahren bezeichnet er als serienreif; Gespräche mit großen Herstellern würden bereits geführt.

Die Straße als Energiefeld und Ladestation zum Beispiel für E-Fahräder: Was sich nach Zukunftsmusik anhört, können sich Finanzexperte Peter Stutz, die Ingenieure Wolfgang Herbst, Gerhard Benot, Till Nadolny, Donald Müller-Judex, Tänzer Michl Bluemm und Unternehmer Heinrich Bercher (von links) schon recht genau vorstellen.
Die Straße als Energiefeld und Ladestation zum Beispiel für E-Fahräder: Was sich nach Zukunftsmusik anhört, können sich Finanzexperte Peter Stutz, die Ingenieure Wolfgang Herbst, Gerhard Benot, Till Nadolny, Donald Müller-Judex, Tänzer Michl Bluemm und Unternehmer Heinrich Bercher (von links) schon recht genau vorstellen. | Bild: Jörg-Peter Rau

Für Gerhard Bernot hat aber zunächst die kleine Versuchsfläche Vorrang. Mit der Stadt Konstanz sei er wegen eines Geländes auf Klein Venedig oder bei der Konzertmuschel bereits im Gespräch. Doch auch in Kreuzlingen und Radolfzell gibt es Interesse. Bernot, der fest an die Wirkmacht des Wettbewerbs glaubt, glaubt an den Anreiz, ein weitum beachtetes Projekt an den Standort zu bekommen. Voraussetzung sei eine Überlassung der Fläche für 25 Jahre, damit der Stromertrag die Kosten wieder einspielen kann. Wenn Konstanz, einst so voll von Solar-Hoffnungen, auf das Angebot einsteige, freue ihn das. Aber: "Ich suche mir die Stadt, die das mitmacht und wo ich das hochziehe."
 

Stromgewinnung am Boden

  • Photovoltaik: Die Strahlungsenergie der Sonne wird inzwischen häufig in elektrischen Strom umgewandelt. Je genauer die Solarzellen zur Sonne ausgerichtet sind (Himmelsrichtung und Neigung), desto höher ist der Wirkungsgrad. Allerdings sei dieser Effekt bisher überschätzt worden, sagt der Ingenieur Till Nadolny von der Firma Solmove in Potsdam. Auch flach, also horizontal, verlegte Zellen rentierten sich innerhalb weniger Jahre.
  • Solarstraßen: Solmove will statt der obersten zwei Zentimeter Asphalt eine 18 Millimeter dicke Schicht aus Glasplatten mit eingeschmolzenen Solarzellen verlegen. Das kostet derzeit noch rund 2500 Quro pro Quadratmeter (Asphalt: ab 25 Euro). Während meist durch Autos verschattete Parkplätze sich nicht eigneten, seien Wohnstraßen zwischen niedrigen Häusern oder Plätze in Fußgängerzonen ideal. Die Glasplatten seien nicht rutschiger als Asphalt, genauso tragfähig, aber billiger im Unterhalt und günstiger in der Lärmentwicklung. Den Kosten steht der Stromertrag gegenüber: Rund 100 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter.

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