Lehrer haben morgens recht und nachmittags frei, und das dank Beamtenstatus ein Berufsleben lang. Dieses Klischee ist bekannt. Engagierte Lehrer entkräften es regelmäßig, denn: Zu den 25 bis 28 Unterrichtsstunden – je nach Schultyp – kommen für sie etliche Stunden Vorbereitung und Korrekturen. Auch für Anna Schmidt, die an einer Schule im Raum Konstanz unterrichtet. Anna Schmidt heißt eigentlich anders, soll aber – aus Sorge um ihre berufliche Zukunft – hier so heißen. Der Unterschied zu ihren verbeamteten Kollegen: Zwischen Juli und September wird sie arbeitslos sein.

Wenn die Blumen blühen, blühen auch die Zukunftsängste

"Ab Frühling gehe ich mit dem Gedanken in die Schule, ob ich im nächsten Schuljahr noch dort arbeiten kann", sagt sie. Zum vierten Mal erlebt sie das gerade. "Erfahren werde ich das wie immer erst etwa eine Woche vor Schuljahresbeginn." Schmidt ist eine sogenannte Nicht-Erfüllerin. Die ständige Arbeitslosigkeit empfindet sie als Demütigung: "Wertschätzung erhalte ich von Kollegen, Schülern, der Schulleitung – sicher nicht von meinem Arbeitgeber im Regierungspräsidium."

Nicht-Erfüller sind Angestellte im Schuldienst mit oder ohne Hochschulabschluss, die nicht alle Voraussetzungen für eine Verbeamtung erfüllen – zum Beispiel, weil ihnen das Referendariat fehlt. Den Begriff hält Anna Schmidt für respektlos, Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) bezeichnete ihn in Konstanz kürzlich als "unglücklich gewählt". In der Sache lautet ihre Einschätzung aber: ohne vollständige fachliche und pädagogische Ausbildung keine vollständige Anerkennung für Lehrer wie Anna Schmidt.

Bewerbung in der Schweiz ist verlockend

Die kann diese Haltung nicht nachvollziehen: "Ich denke, die Erfahrung in der Praxis ist für den Lehrerberuf deutlich wertvoller als eineinhalb Jahre im Referendariat." Warum das Land riskiere, motivierte Fachkräfte zu verlieren, ist ihr unerklärlich. "Gerade hier in der Region wandern viele Kollegen in die Schweiz ab, bevor sie weiter als Nicht-Erfüller arbeiten," gibt Schmidt zu bedenken. Mehr Planungssicherheit und ein deutlich höherer Verdienst seien verlockend.

Manfred Hensler stößt ins selbe Horn. Der Konstanzer Lehrer war bis zu seiner Pensionierung 2017 geschäftsführender Schulleiter der beruflichen Schulen im Landkreis und sagt: "Ob sich jemand für den Lehrerberuf eignet, stellt sich erst in den ersten Praxisjahren heraus, der volle Einsatz bedeutet viel mehr als das Referendariat." Laut Hensler komme es auf persönliche und soziale Kompetenzen also: Humor, Gerechtigkeit, Geduld und Freundlichkeit nennt er als Tugenden für gute Lehrer.

Nicht alle Lehrer unterrichten gleich gerne in Klassen mit Flüchtlingen

Anna Schmidt sagt über sich, sie erfülle diese Voraussetzungen. Besonders beim Unterricht in VAB-Klassen, bei der Arbeit mit jugendlichen Flüchtlingen also. "Mir meiner Ausbildung als Ethnologin, Germanistin und der Zusatzausbildung für das Unterrichten von Deutsch als Fremdsprache eigne ich mich dafür ideal", sagt Schmidt und deutet an: "Sicherlich mehr als die meisten meiner Erfüller-Kollegen." Die meisten ihrer Schüler seien ohne jegliche Begleiter nach Deutschland gekommen. Sie benötigten laut Schmidt eine ganz besondere Atmosphäre, ein Zuhause innerhalb der Schule.

Sie ist sicher, dass das nicht jeder leisten könne. Auch nicht jeder leisten wolle. "Mein Eindruck ist, dass etliche Kollegen meist lieber in ihrem Kernfach das unterrichten würden, was sie an der Universität gelernt haben, und sich nicht mit dem niederschwelligen Niveau in den VAB-Klassen auseinandersetzen möchten – verständlicherweise", sagt Schmidt.

Manfred Hensler: "Darstellung als schlechtere Lehrer schlichtweg arrogant"

Manfred Hensler habe erlebt, dass Eltern Nicht-Erfüllern reserviert entgegnen – und kann das auch verstehen: "Sie werden von der Politik als schlechtere Lehrer dargestellt, das ist schlichtweg arrogant." Sein Vorschlag: Nicht-Erfüller, die sich nachweislich bewährten, sollte der Seiteinstieg in den Beruf schmackhaft gemacht werden. Schon allein, um dem Lehrermangel besser zu begegnen.

Anna Schmidt findet die Idee gut. "Würde man Nicht-Erfüller wie mich und andere Kollegen mit akademischem Abschluss unbefristet einstellen, könnte ich aufgrund meines Studiums in den Fächern Deutsch und Geschichte sowie Gemeinschaftskunde regulär unterrichten, wäre also nicht festgelegt auf VAB-Klassen." Mittelfristig gilt für sie allerdings: Alljährliches Melden bei der Bundesagentur für Arbeit, dort kenne man sie bereits.

36 sogenannte Nicht-Erfüller in Konstanz

Laut Markus Adler, Sprecher des zuständigen Regierungspräsidiums Freiburg, arbeiten in Konstanzer Schulen insgesamt 36 Nicht-Erfüller. Nicht-Erfüller ohne Referendariat und Erfüller befinden sich in derselben Tarif-Entgeltgruppe für den Öffentlichen Dienst. Allerdings müssen Nicht-Erfüller länger auf eine mit einem Mehrverdienst verbundenen höheren Stufe innerhalb dieser Gruppe warten, auch Beförderungswartezeiten sind länger.