Frau Wolff, Sie wollen mehr Lust auf Weiblichkeit machen. Heißt das, die meisten Frauen haben sich selbst verloren?

Ich bin der Meinung: Ja. Ich glaube, dass viele Frauen sehr männlich unterwegs sind, weil der Alltag das fordert und wir Frauen unseren Mann stehen müssen. Männliche Eigenschaften sind generell erstmal gut – viele Frauen leben heute jedoch mehr männliche Anteile als weibliche. Das ist schade, weil diese Unausgewogenheit uns Frauen auf Dauer nicht gut tut.

Was sind typisch männliche Anteile?

Klarheit, Strukturiertheit, das Zielgerichtete, Leistung, Machen, Tun, Druck, Durchhalten.

Imitieren nicht momentan eher die Männer die Frauen, weil wir in Wirklichkeit das starke Geschlecht sind?

Das ist eine gute Frage. Ich nehme es auch so wahr, dass viele Männer heute weibliche Eigenschaften haben. Es ist wie eine verkehrte Welt und auf Dauer problematisch, denn die meisten Frauen wollen eher einen männlichen Mann. Einen, der sich nicht selbst übergeht, um immer alles recht zu machen, sondern der auch mal die Konfrontation sucht, um für sich einzustehen. Männer haben es heutzutage aber auch nicht leicht: Sie sollen weder Macho noch Weichei sein. Es ist an der Zeit, Weiblichkeit und Männlichkeit neu zu definieren.

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Bei Ihrer Arbeit lautet das Motto für die Frauen „Entdecke die Venus in dir!“ Wie geht das?

Viele Menschen haben kaum Kontakt zu ihrem eigenen Körper und wissen nur, dass man ihn pflegen muss. Oder sie jagen einem Schönheitsideal nach und denken, dass sie einen „perfekten“ Körper haben müssen. Sorry, den hat nicht jeder, und es nutzt meiner Meinung nach auch nichts, diesem Ideal nachzueifern. Frauen könnten stattdessen mehr Weichheit leben, raus aus diesem Machen und Tun kommen und in die Entspannung gelangen. Zum Beispiel bei der Yoni-Massage.

Was ist das genau?

Yoni bedeutet heiliger Raum und beinhaltet den gesamten weiblichen Schoßraum mit Gebärmutter, Eierstöcken, Vulva, Vagina und so weiter. Die Yoni ist außerdem das spirituelle Zentrum der Frau, ihr weibliches Kraftzentrum. Die Yoni-Massage ist eine Ganzkörpermassage, die den Intimbereich mit einbezieht. Es geht dabei nicht um Stimulation, sondern um absichtslose Berührungen, die der Frau helfen herauszufinden, was sie gerne mag und was nicht. Auch, wenn Frauen beim Sex nichts spüren oder ihn unangenehm finden, kann die Yoni-Massage helfen.

Haben die Leute Berührungsängste oder reagieren komisch, wenn Sie von Ihrem Beruf erzählen?

Entweder sind die Leute sehr interessiert oder wechseln ganz schnell das Thema. Sexualität betrifft zwar jeden Menschen, ist aber noch viel mit Scham verbunden. Ich möchte Menschen dabei unterstützen, Sexualität als natürlich und schön zu erleben. Von vielen Frauen höre ich die Frage, ob sie normal seien, wenn sie nicht viel Spaß beim Sex haben. Ich kann diese Frauen verstehen und ihnen helfen, denn mir ging es früher auch so, deshalb bin ich überhaupt auf diesen Weg gekommen. Meine Botschaft ist: Du bist nicht allein mit diesem Thema, es geht ganz vielen so, aber die meisten reden nicht darüber.

Woher kommt diese Scham? Hat Sexualität nicht eine neue Offenheit erfahren?

Das ist eine aufgesetzte Offenheit. Mit wenigen Klicks kann man heute die härtesten Pornos anschauen, alles ist leicht zugänglich. Aber wenn es an den eigenen Körper geht, ist das etwas anderes. Da gibt es auch viel Unwissenheit und Unsicherheit. Die wenigsten Menschen wissen, dass es verschiedene Vagina- und Penisformen gibt. In meiner Praxis habe ich deshalb verschiedene künstliche Modelle und bringe Paaren in Workshops bei, wie man seinen Partner schön berühren kann. Aber meine Angebote setzen nicht alle Nacktheit voraus. Ich biete auch Schoßraum-Prozessbegleitung an, da bleibt die Kleidung an.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Die Frauen kommen mit ihrem Schoßraum, also ihren Brüsten und dem Intimbereich, in Kontakt. Dabei können sie wunderbar ihrem Körper und sich selbst näherkommen. Ich biete einen geschützten Raum, wo die Frauen sie selbst sein können und auch mal Emotionen da sein dürfen. Das ist wichtig, denn oftmals drücken wir diese im Alltag weg. Ich zumindest habe das früher oft gemacht und das hat mir nicht gut getan.

Dabei lernen die Frauen auch, sich selbst zu mögen?

Absolut. Zu mir kommen oft schöne Frauen, aber trotzdem sind sie mit manchen Körperstellen unglücklich. Frauen fokussieren sich oft auf ihre Problemstellen, anstatt ihr Ganzes zu betrachten. Das wird meines Erachtens von der Abnehm- und Kosmetik-Industrie gefördert. Eines ist aber wichtig: Für tollen Sex braucht man keinen perfekten Körper. Hauptsache, man fühlt sich wohl in ihm!

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Was ist die Hauptmotivation von Frauen, zu Ihnen zu kommen?

Wenig Spaß am Sex. Sich neu kennenlernen, Wünsche und Bedürfnisse herausfinden, was ihnen und ihrem Körper in der Sexualität gut tut und was nicht. Fast immer ist das nicht der „Standard-Sex“. Wobei man den Männern keinen Vorwurf machen darf, denn meist sie sind bemüht, die Frau glücklich zu machen. Aber oft fehlt anatomisches Wissen. Woher sollen sie das auch haben? In der Schule wird sowas nicht gelehrt. Darum ist es schön, wenn Paare gemeinsam auf Forschungsreise gehen, wobei ich sie gerne unterstütze.

Was ist die Motivation der Männer, zu Ihnen zu kommen?

Der Wunsch nach weniger Leistungsdruck. Ich erzähle dann von Sexualität ohne Performen oder aus Medien abgeschaute Schemata, dafür mit Entspannung und Fühlen. Das ist nicht langweilig! Viele Männer haben erstmal Angst, dass sie dann keinen Spaß mehr haben, aber mit der Zeit ist das eine tolle Variante. Am wichtigsten ist ohnehin, dass die Partner ihre Wünsche gegenseitig kommunizieren.

Sind die Klientinnen andere Frauen, wenn sie bei Ihnen waren?

Nicht nach einem Termin, aber nach gewisser Zeit ja.

Nehmen Sie auch das Kamasutra-Buch zur Hand?

Da habe ich schon mal reingeschaut, aber diese ganzen akrobatischen Verrenkungen wären mir zu anstrengend (lacht).

Welchen Appell haben Sie an das weibliche Geschlecht?

Frauen, hört öfter auf euer Bauchgefühl, das können wir gut! Auch wenn der Verstand manches erstmal anzweifeln will. Und traut euch, Schwäche zu zeigen. Ich wollte früher auch immer stark sein, aber wir dürfen uns eingestehen, wenn wir etwas nicht schaffen. Wir dürfen uns helfen lassen und weicher werden. Viele Männer wissen gar nicht mehr, ob sie uns die Tür aufhalten oder in den Mantel hineinhelfen sollen. Denn einige Frauen sagen: ‚Das kann ich selbst.’ Also ich stehe auf Galanterie.

Haben Sie es jemals bereut, die gesicherte Beamtenlaufbahn verlassen zu haben?

Nein. Ich kann mir so die Zeit viel freier einteilen und habe auch gemerkt, dass der Lehrerberuf nicht mehr meine Herzensberufung war. Gerade an einer Werkrealschule war das eine herausfordernde Arbeit. In meiner Praxis merke ich nun, dass ich meine Tätigkeit gar nicht als Arbeit wahrnehme. Bis auf die Buchhaltung macht wirklich alles Spaß (lacht). Und in unserer Gesellschaft, in der das Thema Sexualität immer noch sehr zwiegespalten besetzt ist, passen Lehrerin und Yoni-Massage nicht gut zusammen. Deshalb habe ich mich für meine Herzensberufung entschieden.