Nina Utzelmann kommt mit ihrem Rad um die Ecke gerauscht. Sie trägt an diesem Frühlingstag eine Jeans, einen hellblauen Kapuzenpulli, darüber eine rot-orangene Weste. Sie nähert sich schwungvoll, grinst breit und schwingt sich vor der Fachhochschule in Konstanz von ihrem Sattel. Ihre ganze Art signalisiert sofort: Sie weiß, was sie will. Das muss sie auch. Denn sie, diese 23-Jährige, ist etwas Besonderes. Sie ist die einzige Studentin ihres Jahrganges, die an der HTWG Informatik studiert.

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, dafür macht die 23-Jährige vor allem ihre Mutter verantwortlich. „Sie ist Mathematikerin“ und sei dazu noch sehr durchsetzungsstark und selbstbewusst. Ein Vorbild. Schon als Nina Utzelmann jünger war, spielte sie mit dem Gedanken, ebenfalls Mathematik zu studieren. Naturwissenschaften und Rechnen machten ihr Spaß. Für ein technisches Gymnasium entschied sie sich später dennoch nicht. Stattdessen machte sie ihr Abitur in Psychologie und Pädagogik. „So richtig frauenmäßig“, sagt sie und lacht. Wieder ihr breites Grinsen.

Gerundet: Auf drei Männer in der Tech-Branche kommt eine Frau.
Gerundet: Auf drei Männer in der Tech-Branche kommt eine Frau. | Bild: Pixel_Dreams (Fotolia)

So richtig Spaß machten ihr diese Frauen-Fächer, wie sie sie nennt, jedoch nicht. Mehr Freude bereitete ihr der Informatikunterricht. Hier konnte sie ihren Leidenschaften nachgehen: Knobeln, Kombinieren, Probieren – so lange, bis das Programm lief. Wenn es dann soweit war, sei das immer wieder ein Erfolgserlebnis gewesen. „Einfach toll. Es machte Spaß.“ Sie fragte ihren Lehrer, was dieser dazu meinte, dass die Informatikerin werden wolle. Er sagte: „Gute Idee“, erinnert sie sich. Schließlich stand der Entschluss fest. Utzelmann würde den Plan, an der HTWG zu studieren, in die Tat umsetzen.

Mit diesem Entschluss steht Nina Utzelmann jedoch ziemlich alleine da. „Ich bin in meinem Jahrgang die einzige Frau“, sagt sie und lacht dabei nicht mehr. Woran das wohl liegt? Sie glaubt: „Viele junge Frauen trauen es sich einfach nicht zu.“ Sie denken, Programmieren sei nichts für sie, viel zu schwierig. „Das ist jedoch gar nicht der Fall“, betont Utzelmann jetzt mit Nachdruck. „Ich konnte ja vorher auch nicht viel.“ Und jetzt? Jetzt ginge bei ihr doch alles ganz gut.

Nina Utzelmann arbeitet für ihre Bachelorarbeit nicht nur vor dem Computer.
Nina Utzelmann arbeitet für ihre Bachelorarbeit nicht nur vor dem Computer. | Bild: Susanne Ebner

Woher kommt es also, dass sich Frauen nicht trauen?


Jürgen Neuschwander unterrichtet an der HTWG Informatik und hat eine Idee, woran es liegen könnte: „Eine mögliche Ursache ist sicherlich die Prägung während der Schulzeit“, sagt er. Insbesondere in gemischten Klassen würden oft klassische Rollenbilder gepflegt. Wie sich das äußert? Der Professor meint: „Gerade in der Mittelstufe sagt der Lehrer dann auch mal zu den Mädchen so etwas wie: ‚Das ist ziemlich mathematisch, das versteht ihr doch nicht’.“ Die Folge: Mädchen lassen dann eher die Finger von sogenannten Mint-Fächern.

 

Schon gewusst?

Studieren Frauen aus anderen Gründen Informatik-Studiengänge als Männer? Vera Maier-Tragmann, Koordinatorin Gleichstellung und Diversity an der HTWG, sieht diese These bestätigt. Sie sagt: Für Frauen spiele der Anwendungskontext eines Studienfachs eine große Rolle. „Frauen sehen das Fach gerne als Hilfsmittel zur Lösung von Problemen in anderen Bereichen“ – zum Beispiel in der Medizin. Deshalb studieren sie dann Gesundheitsinformatik. Das gemeinschaftliche Ziel scheint für Frauen bei der Wahl ihres Studienfaches demnach bedeutsamer zu sein als für Männer. Dieses Phänomen könne man auch bei anderen Studienfächern wie „Umwelt- und Ressourcenmanagement“ oder „Umwelt- und Verfahrenstechnik“ beobachten, erklärt sie.

 

Mint steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Und die HTWG versucht einiges, um diese Fächer für junge Frauen attraktiver zu machen. Was genau, zählt Anja Wischer, Pressesprecherin an der HTWG, auf. Es gebe Angebote speziell für Schülerinnen – angefangen vom sogenannten „Girl’s Day“, einem Tag für Mädchen also, bis zu einem Projekt namens „SwitchOn“. Dies seien Projekttage der Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik, zu denen nur Schülerinnen eingeladen sind. Außerdem berichteten Studienbotschafterinnen in Schulen von ihrem Studium.

Eine dieser Studienbotschafterinnen ist, wen wundert es, Nina Utzelmann. Sie war schon in einigen Klassen in der Region zu Besuch. Die Reaktionen? „Immer ähnlich“, meint sie. Auf das zur Schau getragene Erstaunen und Kopfschütteln der Schülerinnen über ihre Studienwahl folgt stets ihr locker in die pubertierende Gruppe dahergesagter Satz: „Ja, so reagieren die meisten.“ Dann erzählt sie den jungen Frauen, warum sie dennoch Informatikerin wird. Ob ihre Bemühungen schon mal gefruchtet haben? Das wisse sie nicht. „Ich hoffe es aber.“

Ganz unbegründet ist diese Hoffnung nicht. Schließlich studieren immer mehr Frauen Mint-Fächer und damit Informatik – auch an der HTWG. Anja Wischer kennt die Zahlen. „Ja, es gibt mehr Frauen“, bestätigt sie. Und: Der Trend gehe kontinuierlich nach oben.
 

Frauen sollen speziell angesprochen und gefördert werden – doch das hat auch Nachteile


Die Fakultät Informatik habe den Anteil von Studentinnen deutlich erhöhen können – von 15,45 Prozent (104 Studentinnen) im Wintersemester 2011/12 auf 20,4 Prozent (164 Studentinnen) im Wintersemester 2015/16. Auch andere Hochschulen in der Region bemühen sich. An der Hochschule in Furtwangen gibt es einen Bachelor-Studiengang speziell für Frauen. Er nennt sich Wirtschaftsnetze und biete Frauen – so die Homepage – „ein attraktives Studium mit dem Schwerpunkt eBusiness“ an.

Doch offenbar hat es auch Nachteile, wenn Frauen speziell angesprochen und gefördert werden. Dies kann auch Nina Utzelmann aus eigener Erfahrung bestätigen. Denn immer dann, wenn ihr etwas gelingt, kommentierten dies manche ihrer männlichen Mitstudenten abfällig mit: „Tittenbonus.“ Sie selbst habe am Anfang noch darüber gelacht. Heute dreht sie sich um und geht. Das Schlimmste daran sei jedoch, dass ein schales Gefühl bleibt. Denn wer wisse schon, ob ihr Geschlecht nicht tatsächlich eine Rolle gespielt hat – zum Beispiel bei der Vergabe von Stellen. Vielleicht sei sie ja so eine von denen – so „ne Frau zum Auflockern“.

Bei der Mondlandung 1969 gab es viele Helden: Die Software des Bordcomputers wurde von der Mathematikerin Margaret Hamilton programmiert.
Bei der Mondlandung 1969 gab es viele Helden: Die Software des Bordcomputers wurde von der Mathematikerin Margaret Hamilton programmiert. | Bild: dpa

Erfolge bleiben so relativ – zumindest gefühlt. Vielleicht auch ein Grund, warum die Tech-Branche so wenige weibliche Vorbilder zu bieten hat. Auch Nina Utzelmann grübelt. Vorbilder? Nein, sie kenne niemanden. Dann fällt ihr doch noch jemand ein: Margaret Hamilton, die in den 70er-Jahren die Flugsoftware für das Apollo-Raumfahrtprogramm entwickelte. Sie hätte sie erst kürzlich auf einem Bild gesehen. Jung, sympathisch mit runder Brille neben einem hohen Stapel aus Aktenordnern. „Ein tolles Foto.“

Es gibt sie schon, die Vorzeigefreuen. Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg zum Beispiel, YouTube-CEO Susan Wojcicki oder auch die Chefin von Microsoft Deutschland, Sabine Bendiek. Wenn man sie auf das Nachwuchsproblem anspricht, würden die meisten sicherlich das Gleiche sagen wie Bendiek kürzlich bei einer Konferenz. „Wir können es uns nicht leisten, auf das Potenzial weiblicher Talente zu verzichten.“ Denn: Gerade bei jungen Frauen liege ein großes Potenzial, um dem akuten Mangel an digitalen Fachkräften entgegenzuwirken.
 

Wenige Frauen in der Tech-Branche – nicht nur in Deutschland ein Problem


Denn nicht nur in Deutschland gibt es zu wenig weiblichen IT-Nachwuchs, auch in den USA ist dies ein Problem. Manche der großen US-Konzerne lassen sich deshalb inzwischen einiges einfallen, um Mitarbeiterinnen anzulocken oder ihnen die Karriere zu erleichtern. Facebook und Apple bezahlen das Einfrieren von Eizellen. IBM übernimmt den Transport abgepumpter Muttermilch zum Baby, wenn die Mutter dienstlich unterwegs ist.

Doch das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Silicon Valley nach wie vor eine Domäne weißer Männer ist, in der es manche Frauen schwer haben. Diskriminierungen und Benachteiligungen seien alltäglich, sagt Sabeen Ali, Chefin von „AngelHack“, die seit vielen Jahren im Valley arbeitet. Umso entscheidender sei es deshalb, dass mehr Frauen bis ganz nach oben kommen. „Es ist sehr wichtig für mich, Frauen zu ermutigen und sie in Positionen zu bringen, wo sie erfolgreich sein können.“ Es sei keine leichte Aufgabe und der Weg lang. Aber „jeder Wandel beginnt mit einem Gespräch“, ist sich Ali sicher.

Auch Nina Utzelmann wird weiterhin mit Mädchen sprechen und sie bestärken. „Ich hoffe einfach, dass in Zukunft mehr Frauen diesen Schritt wagen“, sagt sie. Denn natürlich gebe es Studenten, die dumme Sprüche reißen. „Mit den meisten verstehe ich mich aber gut.“ Sie selbst möchte in der Branche auf jeden Fall Karriere machen. „Dafür studiere ich ja schließlich“, sagt sie wieder mit diesem selbstbewussten Lächeln – bevor sie sich gut gelaunt verabschiedet und sich auf ihr Fahrrad schwingt.

 

 

 

 

 

„Brauchen Frauen, die sich engagieren“

Jürgen Neuschwander, Professor an der HTWG, über Frauen in der Informatik und warum es so wenige gibt.

Jürgen Neuschwander von der HTWG Konstanz.
Jürgen Neuschwander von der HTWG Konstanz. | Bild: Oliver Hanser

Herr Neuschwander, wie viele Frauen studieren an der HTWG Informatik?

Der Frauenanteil in der Angewandten Informatik liegt bei uns bei zirka acht Prozent, in der Wirtschafts- und in der Gesundheitsinformatik bei zirka 15 Prozent. Damit nimmt der Anteil in unseren Informatik-Studiengängen in dem Maße ab wie die mathematisch-technischen Inhalte der Studiengänge zunehmen.

Woran liegt das?

Eine mögliche Ursache ist sicherlich die Prägung während der Schulzeit. Insbesondere in gemischten Klassen werden oft klassische Rollenbilder gepflegt. Gerade in der Mittelstufe sagt der Lehrer dann auch mal zu den Mädchen so etwas wie: „Das ist ziemlich mathematisch, das versteht ihr doch nicht.“

Was tut die HTWG, um diese Situation zu verbessern?

Wir bemühen uns an den Konstanzer Hochschulen seit Jahren darum, den Frauenanteil in den technischen Fächern zu erhöhen. Sowohl der Girl’s Day, das Informatik-Summercamp oder auch Schnupperkurse speziell für Mädchen zeigen jedoch leider keine bemerkenswerten Zuwachsraten bei den weiblichen Immatrikulationszahlen.

Wieso wären Frauen wünschenswert?

Wir brauchen Frauen, die sich engagieren und unsere Welt weiter sozialverträglich vorantreiben und das ohne übermäßiges Testosteron. In den Studiengängen, wie beispielsweise der Gesundheitsinformatik, in denen der Anteil der Frauen bei den Studierenden höher ausfällt, bemerken wir mehr soziales Engagement der Studierenden. So ein höherer Anteil an Frauen würde auch unseren anderen MINT-Studiengängen deshalb sehr guttun. Die Kernfrage ist, wie man das motivieren kann. Da habe ich leider keine Patentlösung.

Bräuchten MINT-Fächer vielleicht einen besseren Ruf?

Da könnte was dran sein. Denn MINT-Studiengänge haben in Teilen unserer Gesellschaft tatsächlichen einen merkwürdigen Ruf.

Inwiefern denn?

Aus meiner Sicht besteht ein Missverständnis innerhalb unseres Bildungsbürgertums. So wird es beispielsweise als unentschuldbar angesehen, wenn man bestimmte Stücke der klassischen Literatur nicht kennt, es wird aber absolut toleriert, wenn man sagt, dass man in Mathematik immer eine Null war. Dieses Bekenntnis ist in weiten Kreisen gesellschaftlich völlig akzeptiert.

Und das ist ein Problem?

Ja, denn wir müssen verstehen, dass wir die digitale Revolution nur dann aktiv und verantwortungsvoll mitgestalten können, wenn man sich mit solchen Inhalten auskennt. Und die liegen nun mal schwerpunkmäßig im MINT-Bereich – und damit eben auch im Bereich der Informatik. (sue)

 

Der Artikel wurde bereits im Mai 2017 schon einmal auf SÜDKURIER Online veröffentlicht.