Konstanz Sechs gute Gründe, die jüdischen Kulturwochen in Konstanz zu besuchen

Vorträge, Lesungen, Konzerte: Bis Juni läuft in Konstanz umfassendes Programm, fast alle Veranstaltungen kosten keinen Eintritt. Zum Auftakt liest ein Schweizer Krimi-Autor aus seinem Buch voll schrägem Humor.

Auch das ist eine Möglichkeit, sich mit dem Judentum auseinandersetzen und ein Zeichen gegen Antisemitismus und Ausgrenzung zu setzen. Doch statt auf Provokationen und holzschnittartige Zuschreibungen setzen die jüdischen Kulturwochen in ihrer zweiten Auflage auf eine Begegnung mit der facettenreichen jüdischen Kultur: Die Veranstaltungsreihe, die zahlreiche Angebote nach Konstanz, aber auch nach Radolfzell, Meersburg und Überlingen bringt, setzt auf einen streckenweise unterhaltsamen, oft aber auch tiefgründigen Zugang zu früheren und heutigen Beiträgen der Juden zu Kultur und Gesellschaft. So erklärt es Michael Dörr, der Organisationschef der Kulturwochen. Veranstalter sind die Konstanzer Synagogengemeinde und der Kulturverein Meersburg.

Rabbi Klein ermittelt in einem Todefall

Die erste Konstanzer Veranstaltung im Programm findet am Dienstag, 17. April, statt. Alfred Bodenheimer, im Hauptberuf Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universität Basel, stellt sich als Krimi-Autor vor. Er liest um 19.30 Uhr im Bürgersaal aus seinem jüngsten Buch, "Ihr soll die Fremden lieben", in dem Rabbi Klein erneut zum Detektiv wird und in einem durchaus kuriosen Umfeld einen merkwürdigen Todesfall aufklären soll.

Wie ein Klimt-Gemälde geraubt und zurückerkämpft wurde

Weiter geht es gleich am Donnerstag, 19. April, um 19.30 Uhr, ebenfalls im Bürgersaal. Dann liest Elisabeth Sandmann aus ihrem Buch "Der gestohlene Klimt". Im Mittelpunkt steht das berühmte Bild "Die goldene Adele", das der Künstler 1907 schuf und für das die aus einer jüdischen Wiener Familie stammende Adele Bloch-Bauer Modell saß. 1938 rauben die Nazis den Familienbesitz; Bloch-Bauers Nichte Maria Altmann nimmt später den Kampf um die Rückgabe des Bildes auf. Dabei kommt ein weiterer großer Name ins Spiel: Randol Schoenberg, Anwalt und Enkel des berühmten Wiener Komponisten.

Für Kunstsinnige: Donnerstag, 19. April, 19.30 Uhr, Bürgersaal: Elisabeth Sandmann hat die Geschichte eines weltberühmten Kunstwerks recherchiert. Gustav Klimts "Die goldene Adele" wurde einer jüdischen Familie in Wien geraubt – die Rückforderung gestaltete sich schwierig. (Eintritt frei)
Für Kunstsinnige: Donnerstag, 19. April, 19.30 Uhr, Bürgersaal: Elisabeth Sandmann hat die Geschichte eines weltberühmten Kunstwerks recherchiert. Gustav Klimts "Die goldene Adele" wurde einer jüdischen Familie in Wien geraubt – die Rückforderung gestaltete sich schwierig. (Eintritt frei) | Bild: SK

Top-Star bei den Lesungen ist ARD-Mann Jörg Armbruster

Auch im weiteren Programm der Kulturwochen haben Lesungen einen besonderen Stellenwert. So liest am Montag, 23. April, Wolfgang Proske aus seiner umfangreichen Literatur über NS-Täter und schafft laut Ankündigung auch einen Bezug zum Bodenseeraum. Dietrich Schulze-Marmeling stellt sein viel gelobtes Buch "Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis" vor (Mittwoch, 25. April), der langjährige ARD-Journalist Jörg Armbruster ist als Autor von "Willkommen im Gelobten Land? Deutschstämmige Juden in Israel" zu Gast (Mittwoch, 2. Mai) und Michel Bergmann zeigt mit "Alles was war", wie Humor für den jüdischen Neubeginn zu einem Überlebenselixier wurde (Mittwoch, 16. Mai).

Für Geschichtsbewusste: Mittwoch, 2. Mai, 19.30 Uhr, Bürgersaal: Jörg Armbruster (Bild: Christine Kratzenberg) ist vielen Fernsehzuschauer als ARD-Nahostkorrespondent und -moderator bekannt. Er hat die letzten noch lebenden Menschen getroffen, die durch ihre Flucht nach Palästina dem Holocaust entgingen. (Eintritt frei)
Für Geschichtsbewusste: Mittwoch, 2. Mai, 19.30 Uhr, Bürgersaal: Jörg Armbruster (Bild: Christine Kratzenberg) ist vielen Fernsehzuschauer als ARD-Nahostkorrespondent und -moderator bekannt. Er hat die letzten noch lebenden Menschen getroffen, die durch ihre Flucht nach Palästina dem Holocaust entgingen. (Eintritt frei) | Bild: Christina Kratzenberg

Konzerte bringen Klezmer und Lieder der 20er- und 30-Jahre

Auch die Musik spielt eine wesentliche Rolle. Der größte Name im Programm ist Robert Kreis, der mit einer "musikalischen Hommage an das Jüdische Berlin der 1920 und 1930er Jahre" angekündigt ist (Mittwoch, 6. Juni, als eines der wenigen Angebote kostet das Konzert Eintritt). Zuvor findet am Montag, 14. Mai ein Benefizkonzert zugunsten der jüdischen Hilfsorganisation Keren Hayesod, die Holocaust-Überlebende unterstützt, die in Israel laut Programmheft oft "immer noch im gesellschaftlichen Abseits" stehen. Ein Klezmerkonzert bringt noch eine Woche zuvor Jossif Gofenberg und KlezBanda nach Konstanz (Montag, 7. Mai).

Für Klezmer-Begeisterte: Montag, 7. Mai, 19.30 Uhr, Wolkensteinsaal: Jossif Gofenberg und seine Band KlezBanda versprechen mit der Musik osteuropäischer Juden starke Emotionen mit Gesang, Akkordeon, Geige und E-Bass – mal überschäumend lustig, aber auch mal traurig. (Karten 10 Euro, bei Buch-Kultur-Opitz, Stephansplatz 45)
Für Klezmer-Begeisterte: Montag, 7. Mai, 19.30 Uhr, Wolkensteinsaal: Jossif Gofenberg und seine Band KlezBanda versprechen mit der Musik osteuropäischer Juden starke Emotionen mit Gesang, Akkordeon, Geige und E-Bass – mal überschäumend lustig, aber auch mal traurig. (Karten 10 Euro, bei Buch-Kultur-Opitz, Stephansplatz 45) | Bild: Faltinanna

Weit über Konstanz hinaus: An sechs Orten gibt es 37 Termine

Das bis weit in den Juni hineinreichende Programm soll vor allem eine Einladung sein, die jüdische Kultur aus vielen Blickwinkeln kennenzulernen, sagt Michael Dörr. Und Klaus Peter Murawski, Staatsminister im Stuttgarter Staatsministerium, verweist auch auf die politische Bedeutung der Veranstaltungsreihe mit 37 Terminen an sechs Orten: "Jüdisches Leben ist ein selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft, und ist vielfältiger, als Stereotype es suggerieren. Ich kann daher den Mitbürgerinnen und Mitbürgern, Besucherinnen und Besuchern der jüdischen Kulturwochen nur ans Herz legen: Nutzen Sie diese Chance, suchen Sie die Begegnung, kommen Sie ins Gespräch miteinander!"

Für Nostalgiker: Mittwoch, 6. Juni, 19.30 Uhr, Wolkensteinsaal: Die Berliner Musikszene der 1920er und 1930er-Jahre war auch geprägt von jüdischen Künstlern. Der bekannte niederländische Sänger, Pianist und Entertainer Robert Kreis erinnert an sie und entreißt ihre Werke dem Vergessen. (Karten 20 Euro, Buch-Kultur Opitz)
Für Nostalgiker: Mittwoch, 6. Juni, 19.30 Uhr, Wolkensteinsaal: Die Berliner Musikszene der 1920er und 1930er-Jahre war auch geprägt von jüdischen Künstlern. Der bekannte niederländische Sänger, Pianist und Entertainer Robert Kreis erinnert an sie und entreißt ihre Werke dem Vergessen. (Karten 20 Euro, Buch-Kultur Opitz) | Bild: SK

Der Höhepunkt der Reihe: Götz Aly spricht in Meersburg

Den Höhepunkt der Reihe hat Michael Dörr unterdessen für den 10. Juni nach Meersburg geholt. Götz Aly, der bekannte Politikwissenschaftler und Historiker stellt sein neues Werk „Europa gegen die Juden 1880-1945“ vor. „Ich freue mich, dass uns einer der führenden Intellektuellen zugesagt hat“, betont Dörr. Mit Sorge beobachtet Dörr, der bei der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden auch als Vorstandsreferent tätig ist, auch die aktuellen antisemitischen Strömungen in Deutschland und weltweit: "Unsere Veranstaltungsreihe ist da schon auch ein bewusst gesetztes Zeichen."

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