Zwei Jungen stehen mit verschränkten Armen in der Aula der Gemeinschaftsschule Gebhard. Ein weiterer Schüler versucht, an ihnen vorbeizukommen. „Halt! Hier geht es nicht weiter. Heimat ist dort!“, sagen die Grenzwärter und stoßen den Schüler zurück. Warum darf der Junge nicht weiterlaufen? Wo sucht er seine Heimat und was bedeutet der Begriff eigentlich?

Eine beliebte Schule mit einer tollen Schulgemeinschaft: In einem Projekt zum Thema Heimat haben sich Jungen und Mädchen der Konstanzer Gebhardschule im vergangenen Jahr mit ihren Wurzeln auseinandergesetzt. Auch solche Engagments tragen dazu bei, dass die Plätze an der Schule so begehrt sind.
Eine beliebte Schule mit einer tollen Schulgemeinschaft: In einem Projekt zum Thema Heimat haben sich Jungen und Mädchen der Konstanzer Gebhardschule im vergangenen Jahr mit ihren Wurzeln auseinandergesetzt. Auch solche Engagments tragen dazu bei, dass die Plätze an der Schule so begehrt sind. | Bild: Kirsten Schlüter

Diesen und noch viel mehr Fragen gingen rund 150 Sechstklässler der Gebhardschule bei einem Projekt auf den Grund. In Zusammenarbeit mit Michael Müller, dem Konstanzer Kulturagenten für Schulen, gestaltete die Fachschaft Deutsch einen außergewöhnlichen Tag. Die Sechser suchten sich aus, ob sie sich mit Tanz, einer Art Schauspiel oder durch Graffiti-Malen mit dem Heimatthema auseinandersetzen wollten. Für jeden Workshop stand ihnen ein Künstler zur Seite. „Die Schüler bekamen einen ganz anderen Zugang zu Kultur, es ging um ästhetische Reflexion“, sagt Michael Müller. Ihre Ergebnisse führten sie auf der großen Treppe in der Aula vor. Dies war der Auftakt zu „GebhART – Kunst am Campus“ des neuen Schulgebäudes. Schüler arbeiteten mit Künstlern und erstellten eine Werkschau.

Bild: Schlüter, Kirsten

So trugen die Schüler ihre eigenen Reime vor, setzten sich mit Schule als Heimat auseinander, tanzten, rollten Graffiti aus. Einer der drei Texte, die Arbeitsgrundlage waren, ist das Lied „Nador“ der Sängerin Namika. Was sie über die marokkanische Stadt singt, die für sie zugleich Zuhause und Fremde bedeutet, trifft auch auf viele Gebhardschüler mit Wurzeln in anderen Ländern zu: „Zwischen meinen Welten liegen 2000 Meilen / Fühl mich oft zerrissen, würd sie gerne verein’ / Ich würd so gerne wissen, wo ich hingehör’ / In meinen Träumen fließt der Main in das Mittelmeer.“ Sina Kustos (12) kommt zu dem Schluss: „Man kann auch an Orten Heimat spüren, an denen man nicht geboren ist.

Hauptsache, Freunde und Familie sind da.“ Der elfjährige Philipp Reiner stellte fest, dass das Zuhause auch hässlich sein kann und trotzdem Geborgenheit gibt. Denn: „Heimat ist nicht nur ein Ort / Heimat, die ist innerlich“, las er im Gedicht von Robert Kroiß. Philipp gefiel der Projekttag auch wegen der Aufführung: „Ich habe noch nie vor so vielen Leuten etwas vorgetragen“, sagt er stolz. Die Sechstklässler Javin Wagner und Thorben Ehrlich schlossen sich der Graffiti-Gruppe an, wo sie zunächst ihre Vorstellung von Heimat auf Papier bannten. Der Künstler Emin Hasirci fasste die Ideen zu drei großen Bildern zusammen und ließ die Schüler die Vorlage ansprühen. Das wichtigste Motiv? „Der Bodensee!“, sind sich Javin und Thorben einig.

Michael Müller hofft, dass das Kulturagentenprogramm noch viele Jahre Bestand hat: „Wer es durchläuft, kennt die Konstanzer Kultureinrichtungen von innen und wird mindestens zweimal im Jahr bei einem Projekt selbst kreativ. So können wir junge Menschen für Kultur begeistern.“

Die Kulturagenten

Das Programm "Kulturagenten für kreative Schulen Baden-Württemberg" läuft seit 2011, gefördert werden jeweils vier Jahre. Auch die Stadt Konstanz ist finanziell beteiligt. Wie es nach dem Auslaufen der Förderung Ende 2018 weitergeht, muss politisch entschieden werden. In Konstanz ist Kulturagent Michael Müller für die Geschwister-Scholl-Schule, die Gemeinschaftsschule Gebhard, die Mädchenschule Zoffingen und die Theodor-Heuss-Realschule zuständig. Am Projekttag der Gebhardschule waren Theaterpädagoge Denis Ponomarenko, Tänzer Marvin Paulo-Muhongo und Künstler Emin Hasirci beteiligt. Der Tag kostete laut Michael Müller rund 5000 Euro. In Planung ist an der Gebhardschule ein typografisches Projekt zum Thema Bücherverbrennung. (kis)