Konstanz Schrankengeschichten

Die Sperre unten, der Zug nicht zu sehen. In Konstanz immer wieder zu erleben. Szenen aus der Mitwartegemeinschaft.

Hilft ja nichts. Es gibt Momente im Leben, da muss man sich einfach gedulden. Bei Kunden-Hotlines zum Beispiel, samstags an der Supermarktkasse oder ganzjährig bei Geburten. Die Fähigkeit der Geduld, sagt der Verhaltensökonom Matthias Sutter, ist einer der entscheidenden Faktoren, warum manche Menschen erfolgreicher sind als andere. Sie warten lieber ab, können dem Impuls widerstehen, sich sofort etwas Gutes zu tun und kaufen etwa den neuen Fernseher nicht auf Raten, sondern wenn sie das Geld dazu haben. Es wäre durchaus interessant gewesen, wenn Matthias Sutter den Montagabend an der Bahnschranke am Konzil wissenschaftlich begleitet hätte. Vielleicht mag´s postwendend noch jemand machen, die Notizen wären jedenfalls folgende: Konstanz, 19.15 Uhr. Die Bahnschranke ist unten. Auf jeder Seite stehen schon ein paar Menschen und warten. Wer weiß, wie lange schon. 19.17 Uhr. Die ersten schauen auf die Uhr. Ein junges Touristenpaar schaukelt mit dem Baby im Wickeltuch hin und her und bespricht, ob sie heute Abend den Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei oder den mit Mehrkorn-Kürbis warm machen. 19.19 Uhr. Eine ältere Dame auf dem Fahrrad sagt zu ihrem Mann in beigefarbener Regenjacke: "Jetzt müsste er dann aber mal kommen". Die Joggerin in kurzen Hosen neben ihr dehnt zum achten Mal die linke Wade. Zu hören ist ansonsten: nichts. Kein Schienengeräusch. In einem Film würde jetzt ein Gestrüpp-Ballen vorbeirollen. 19.21 Uhr: Der Mann antwortet seiner Frau. "Das ist halt die Deutsche Bahn." Die Joggerin dreht um und nimmt den Weg über den Stadtpark. Das junge Touristenpaar bespricht schaukelnd das Verdauungsverhalten des Kindes.

Wenn der Zug nicht bald kommt, rückt das Thema Einschulung näher. 19.22 Uhr: Das Hupen eines Zugs, aber kein Zug in Anfahrt. Verwirrte Blicke. "Die Schranke am Inselhotel funktioniert nicht", sagt einer, nennen wir ihn: den Experten. "Der Zug muss anhalten, hupen und im Schritttempo fahren." Der Mann in der Regenjacke schnauft süffisant und sagt nur noch verkürzt: "Die Deutsche Bahn." 19.23 Uhr: Im Schritttempo fährt die Deutsche Bahn vorbei. Die Schranke bleibt unten. Wieder Warten. In einem Theaterstück hieße jetzt der Dialog: "Estragon: Komm, wir gehen! Wladimir: Wir können nicht. Estragon: Warum nicht? Wladimir: Wir warten auf Godot. Estragon: Ah!" Man vergisst irgendwann, auf was man eigentlich wartet, wenn man nicht weiß, wie lange man eigentlich noch warten muss. 19.24 Uhr: Der zweite Zug fährt vorbei. Die Schranke? Bleibt unten. "Jetzt kann aber nicht mehr viel kommen. Ist ja nur ein Gleis", sagt der Experte. In 17 Minuten ist Sonnenuntergang. 19.25 Uhr: Die Schranke öffnet sich, die Menschen lachen, wechseln die Seiten und verstreuen sich. Sie kommen noch vor der Bundestagswahl nach Hause.

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