Icon Menü
Icon Schließen schliessen
Startseite
Icon Pfeil nach unten
Kreis Konstanz
Icon Pfeil nach unten

Schonungsloser Kurzfilm: HTWG-Projekt klärt über Vergewaltigung auf

Konstanz

Schonungsloser Kurzfilm: HTWG-Projekt klärt über Vergewaltigung auf

    • |
    • |
    • |
    Diese Studenten der HTWG Konstanz haben unter Leitung ihres Professors Andreas Bechthold (rechts) die Idee der Frauenbeauftragten Christa Albrecht (vorne links) und Veronika Wäscher-Göggerle (hinten links) umgesetzt. Bild: Annika Frömel
    Diese Studenten der HTWG Konstanz haben unter Leitung ihres Professors Andreas Bechthold (rechts) die Idee der Frauenbeauftragten Christa Albrecht (vorne links) und Veronika Wäscher-Göggerle (hinten links) umgesetzt. Bild: Annika Frömel

    Der Regisseur Samuel Fuller sagte einmal, der einzige Weg, den Zuschauern die Erfahrung von Krieg und Gewalt näherzubringen, sei, mit einem Maschinengewehr aus der Leinwand über deren Köpfe zu schießen. Unter diesem Motto haben die Studenten den kurzen Film mit dem Titel „Stop Rape“ (Vergewaltigung stoppen) produziert: Eine junge Frau lädt den netten Nachbarn auf eine Tasse Kaffee ein. Er kommt ihr zu nahe, drückt sie nach unten auf den Tisch, vergewaltigt sie. Währenddessen blickt man direkt in das Gesicht der Frau, das auf dem Tisch liegt. Ihr läuft still eine Träne über die Wange. Der Aufklärungsfilm dauert nur 40 Sekunden, dann ist die Leinwand schwarz. Einen Augenblick lang ist es völlig still im Kinosaal des Cinestar, erst dann klatschen die Zuschauer.

    Die Studenten erklären anschließend, dass es ein wichtiges Kriterium gewesen sei, keine Klischee-Vergewaltigung zu zeigen. Deshalb hätten sie lange an den Persönlichkeiten der Figuren gefeilt und die beiden Schauspieler Alltagspersonen darstellen lassen. Die Tat passiert außerdem nicht nachts in einem dunklen Park, sondern tagsüber in der eigenen Küche, denn sie sei ein Ort, den jeder kennt und an dem sich jeder wohlfühlt. Gerade deshalb gelingt es den Studenten, die Zuschauer emotional zu treffen. Besonders junge Zuschauer sollen durch das Video zu der Einsicht kommen, dass man das einem anderen Menschen nicht antun will. „Ich habe nur gedacht: Hoffentlich passiert das doch nicht, obwohl man ja weiß, um was es geht. Aber die Zwei wirken so sympathisch“, so die Reaktion einer Frau im Publikum, als der Kinospot nochmals gezeigt wird.

    Die Idee zu der Aufklärungskampagne kam Veronika Wäscher-Göggerle, Familien- und Frauenbeauftragte des Bodenseekreises. In ihrer Begrüßungsrede spricht sie von unglaublich hohen Dunkelziffern: Im Durchschnitt werde alle drei Minuten eine Frau in Deutschland vergewaltigt, aber nur fünf Prozent der Opfer stellten danach auch eine Anzeige. Im Landkreis Konstanz wurden im vergangenen Jahr 26 Anzeigen wegen Vergewaltigung erstattet, zehn davon in Konstanz, teilte das Polizeipräsidium Konstanz auf Anfrage des SÜDKURIER mit.

    Wäscher-Göggerle hat dann zusammen mit Christa Albrecht, Leiterin der Chancengleichheitsstelle der Stadt Konstanz, die Umsetzung des Projekts an die HTWG weitergegeben. Im Sommersemester dieses Jahres meldeten sich 13 Studenten für das Projekt „Kino gegen Gewalt“ unter Leitung ihres Professors Andreas Bechthold. „Ich habe mich dafür interessiert, weil es ein Realprojekt war. Wir waren von Anfang an beim kompletten Prozess dabei“, erzählt Nicolai Hillius, dessen Aufgabe später im Projekt der Schnitt war. „Wir hatten die Aufgabe, einen Kinospot zu drehen, und haben alles selbst gemacht, vom Drehbuch bis zum Schnitt.“ Nach ersten Recherchen war den Studenten schnell klar, dass sie keine verharmlosenden Szenen drehen wollen, sagt Hillius. „Wir haben gemerkt, dass andere Kampagnen dem Kern der Erfahrung ausweichen“, erklärt Bechthold.

    Doch wie war es für das Team, diese emotionalen Szenen zu drehen? „Wir hatten zwei Drehtage. Während der Gewaltszene am zweiten Tag war es sehr ruhig. Die Schauspielerin hat sich in einem anderen Raum vorbereitet, da konnte sie die Emotionen manchmal nicht mehr halten. Wir waren alle gefesselt von diesem Erlebnis“, berichtet Hillius. Bechthold erinnert sich vor allem an die Stille: „Alle waren sehr konzentriert und haben irgendwann nur noch geflüstert, obwohl beim Dreh sonst sehr viel und laut geredet wird. Hinterher mussten wir erst mal eine Pause machen. Aber auch wenn es komisch klingt: Es war ein gutes Gefühl, dass es uns so emotional beeindruckt hat. Denn das war eine erste Rückmeldung für uns, dass auch beim Publikum Emotionen ankommen werden.“

    Die Kinos in Baden-Württemberg zeigen den Aufklärungsspot ab sofort, ohne dafür Geld zu verlangen. Über die Alterfreigabe ab 16 Jahren werde nochmals diskutiert, so Christa Albrecht. „Möglich wäre es, den Kinospot auch in Filmen mit einer Freigabe ab 12 Jahren zu zeigen, aber erst nach 20 Uhr. Um diese Uhrzeit darf man nur noch mit 14 Jahren ins Kino. Dann erreichen wir auch die Jüngeren.“

    Die Kampagne

    Mit der Premiere des Kinospots läuft die Kampagne gegen sexuelle Nötigung und Gewalt der Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten jetzt an. Die Kampagne findet vor allem in dem sozialen Netzwerk Facebook statt, um jüngere Menschen zu erreichen. Auf der Facebook-Seite kann man die Kampagne weiterverfolgen und zusätzliche Informationen finden, zum Beispiel Interviews mit den Studenten.

    Diskutieren Sie mit
    0 Kommentare
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden