Das Schleifpapier fliegt über den gehärteten Stahl. Mit ruhiger Hand führt Paula Lisi die kreischende Maschine.

Auf Deck der MS Karlsruhe, wo im Sommer Passagiere plaudern und die Aussicht auf den Bodensee genießen, bringt die 35-Jährige das Herzstück des Schiffsmotors auf Vordermann. Was wie eine unscheinbare Metallstange aussieht, ist die sogenannte Nockenwelle. Die muss Paula Lisi komplett auseinandernehmen.

Das Schleifen ist nur Vorbereitung, weiter geht es mit Hammer und Gewalt.

Bild: Lukas Ondreka

Den Kupferhammer fliegt krachend auf die Nockenwelle nieder. Kawumm, einmal. Paula Lisi holt erneut aus. Kawumm, ein zweites Mal. Damit der Stahl bei den kräftigen Schlägen nicht beschädigt wird, ist der Hammer aus weichem Kupfer gefertigt.

Und noch ein paar Mal.

Video: Lukas Ondreka

Das Teil hat sich gelöst. „Jetzt bekomme ich Muskelkater“, sagt Paula Lisi.

Etwa zwei Dutzend Männer und die zierliche Frau arbeiten im Winter in der Werft der Bodensee Schiffsbetriebe (BSB) in Konstanz. Der Motor der MS Karlsruhe wird planmäßig gewartet, 54 Jahre hat die Maschine auf dem Buckel. Für eine Verschnaufpause unterbricht Paula Lisi sie die schweißtreibende Arbeit und stützt sich lässig auf zwei Kolben ab.

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„Die Nockenwelle ist das Herz des Motors, und ich bin Krankenschwester“, sagt Paula Lisi und lacht.

Vor fünf Jahren ist die gebürtige Italienerin samt Familie an den Bodensee gezogen, wegen der beruflichen Perspektiven und der Lebensqualität. Seit 2016 arbeitet sie auf der Weißen Flotte, im Sommer an Deck. Im Winter sind die Werkstätten der Konstanzer Werft ihr Arbeitsplatz – die „Männerspielwiese“, wie ihre Kollegen scherzhaft sagen.

Genug geplaudert, Einzelteile der Nockenwelle müssen auf kleinste Macken untersucht werden.

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Egal wie klobig und schwer, alles hier muss mit Samthandschuhen angefasst werden. Die MS Karlsruhe ist Baujahr 1937, das Schiff ist eines der ältesten der BSB-Flotte.

Vieles wird in den Wintermonaten ausgebessert, in Anspruch nimmt das Team aber vor allem der Motor. Der 16-Zylinder wird in Tausende Einzelteile zerlegt. „Alte Motoren sind nicht so grob, wie sie aussehen“, sagt Mathias Ficek. Der 45-Jährige ist der Werkstättenleiter der Konstanzer Werft und hockt im Maschinenraum direkt unter dem Eingangsbereich des Schiffs.

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Seit 14 Jahren macht der gelernte Kfz-Mechaniker die Schiffe der Weißen Flotte fit, zu jeder Jahreszeit. Bei der MS Karlsruhe überprüft Mathias Ficek eine Kurbelwelle auf Schäden. Über einen Hebel dreht er die Welle.

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Tücher sollen die Technik vor Verunreinigungen schützen. Bereits ein Staubkorn könne Kratzer verursachen, worunter am Ende Leistung und Effizienz des Motors leiden würden, sagt Mathias Ficek. „Wir hüten die Bauteile wie unsere Augäpfel.“

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Insgesamt bis zu 200.000 Euro wird das Unterfangen kosten.

„Die Motorüberholung kommt den Fahrgästen zu Gute“, sagt Mathias Ficek. „Je runder der Motor läuft, desto weniger ruckelig ist die Fahrt.“ In der vergangenen Saison sei das Schiff durch Vibrationen aufgefallen. Neben mehr Komfort verspricht sich der Chef der Werft auch einen effizienteren und damit sparsameren Betrieb.

Mathias Ficek verlässt das Schiff und besucht seinen Schützling Jakob Imhäuser in der Werkstatt.

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Der 24-Jährige ist ebenfalls Mechaniker mit Leib und Seele. Seit vier Jahren ist er bei den Schiffsbetrieben. Das Technische liege ihm sehr. „Ich bin einer der wenigen Kollegen, die die Arbeit im Winter besser finden als die im Sommer“, sagt Jakob Imhäuser und grinst.

Er arbeitet gerade an den sogenannten Rollenstößeln. Die Stößel steuern Ventile, die das Kraftstoff-Luftgemisch aus dem Motor ein- und auslassen.

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Winzige Kratzer im Stahl verhindern, dass der Motor rund läuft. Mit einer sogenannten Reibahle bearbeitet Jakob Imhäuser die Innenseite des wichtigen Teils, Umdrehung für Umdrehung.

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Das Gerät trägt eine hauchdünne Stahlschicht ab, so dass die Oberflächen wieder glatt und sauber sind. „Mal muss man mit Kraft rangehen, und dann wieder mit Vorsicht“, sagt der junge Binnenschiffer. Ein paar weitere Teile warten noch auf ihn.

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Bis Mitte April werden Jakob Imhäuser, Mathias Ficek und Paula Lisi noch an der MS Karlsruhe werkeln. Wenn alles glatt läuft, kann das Schiff dann wieder ablegen. Bis sie in fünf Jahren wieder in der Werft angeleint werden wird – zur nächsten Revision.

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