„Es wird nur noch propagiert, was der Pharmaindustrie nutzt“, sagt Ruediger Dahlke und benennt damit seine große These des Abends. Etwa 350 Menschen sind am Mittwochabend ins Konzil gekommen, um dem Arzt und Esoteriker zuzuhören. Vor dem Eingang verteilen fünf junge Leute, teils Studenten und teils Mitglieder der Linksjugend, Flugblätter und fordern „Dahlke raus aus dem Konzil„. Die Universität hatte Dahlke zuvor aus den eigenen Räumen ausgeladen, wo sein Vortrag zunächst stattfinden sollte.

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Auf der Bühne im Konzil erklärt sich Ruediger Dahlke die Kritik der Universität so: „Da muss Angst dahinter sein, wenn man so einen Aufstand macht.“ Es folgt ein lockerer Einstieg, in dem der Referent mehrfach versichert, nichts gegen die Schulmedizin per se zu haben: „Ich habe sie selbst studiert und möchte sie nicht abschaffen.“ Es gehe um ihre Ergänzung, um die Betrachtung der Psyche und erst dann des Körpers. Er spricht über „pflanzlich-vollwertige Ernährung“, die er als Vorbeugung von Krankheiten versteht.

Krankheiten seien Symptome psychischer Leiden

Neben solchen harmlosen und sicher sinnvollen Tipps verbreitet Dahlke aber auch absurde Theorien ohne wissenschaftliche Grundlage. Krankheiten seien ein Symbol für psychische oder anderweitige Leiden. US-Schauspielerin Angelina Jolie, die sich aufgrund eines erhöhten Krebsrisikos vorsorglich die Brüste und Eierstöcke hat entfernen lassen, hätte stattdessen nur richtig vorbeugen, sprich: gesund essen müssen.

Für Dahlke sind Krankheiten Symptome psychischer Leiden und Unzufriedenheit.
Für Dahlke sind Krankheiten Symptome psychischer Leiden und Unzufriedenheit. | Bild: Jonas Schönfelder

Dahlke sagt außerdem, Menschen müssten ihren Gegenpart annehmen. Frauen den Animus und Männer die Anima. Falls nicht, drohten äußerliche Veränderungen: Frauen bekämen herbe Gesichtszüge und ihnen wachse ein Bart. „Männer, die das nicht machen, bekommen Brüste.“ Er fordert ein Verbot für Männer, „so an den Strand zu gehen“, weil es nicht schön aussehe. Viele im Publikum lachen. In einem seiner Bücher schreibt er über „Lichtnahrung“, die das Essen ersetzen könne. Eine Schweizerin soll vor einigen Jahren an dieser radikalen Fastenkur gestorben sein.

Schweinegrippe sei Inszenierung der Pharmaindustrie

Mehrfach deutet Dahlke auch eine Verschwörung der Pharmahersteller an, erklärt sich die Uni-Absage mit Lobbyismus. „Die Schweinegrippe ist eine Inszenierung der Pharmaindustrie„, behauptet er. Dem Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, legt er die Aussage in den Mund, man könne „nicht ohne die Pharmaindustrie forschen und sie diktiere die Ergebnisse“. Auf SÜDKURIER-Nachfrage bestreitet Ludwig jedoch, diese Aussage getroffen zu haben.

Es bleibt eine Mischung aus Kritik am Gesundheitssystem, praktischen Tipps, Esoterik und Verschwörungstheorien. Das Publikum applaudiert begeistert.

Wie stehen Besucher zur Veranstaltung?

Die Studenten Lena Link und Felix Steidle wollten „unvoreingenommen in den Vortrag gehen“.
Die Studenten Lena Link und Felix Steidle wollten „unvoreingenommen in den Vortrag gehen“. | Bild: Jonas Schönfelder

Felix Steidle und Lena Link besuchen beide zum ersten Mal einem Dahlke-Vortrag. Steidle kann die Kritik am Redner nicht nachvollziehen: „Es ist nur ergänzend, man muss es nicht übernehmen“, sagt er und plädiert dafür, sich selbst eine Meinung zu bilden. Begleiterin Link berichtet, ihre Eltern hätten sich schon viel mit Dahlkes Theorien befasst. Sie sagt: „Für viele ist die Schulmedizin in Stein gemeißelt. Ich glaube, dass Angst dabei eine große Rolle spielt.“

Die Geschwister Fabian und Lisa Munz fanden den Vortrag „gut und anregend“.
Die Geschwister Fabian und Lisa Munz fanden den Vortrag „gut und anregend“. | Bild: Jonas Schönfelder

Lisa Munz berichtet, mit elf Jahren selbst an Knochenmarkkrebs erkrankt zu sein. Aufgrund ihrer geringen Überlebenschance hätten ihre Eltern damals auch Kontakt mit Ruediger Dahlke gesucht. Er habe damals von der Idee einer Reise zu einem indischen Heiler abgeraten. „Jetzt, 20 Jahre danach, habe ich Brustkrebs“, sagt Munz, und führt ihn auf die damalige Bestrahlungstherapie zurück.

Ihr Bruder Fabian findet den Vortrag anregend, sagt aber auch, dass er skeptisch sei. „Dahlke ist heute sehr gegen Chemotherapie. Vor ein paar Jahren war er noch nicht so radikal.“ Theorien wie die Ernährung durch Licht sehen die beiden kritisch.