NTI Audio aus Liechtenstein: Messtechnik vor Ort, Ergebnisse in der Cloud

Eigentlich, könnte man nach den ersten Sätzen von Philipp Schwizer denken, ist NTI aus Liechtenstein ein ganz normales Unternehmen aus der Messtechnik. Es produziert Geräte, die Wellen aufnehmen, und errechnet daraus Werte. Schall, Vibrationen, Verkehrslärm, all das erfassen die Produkte von NTI. Doch das, sagt Schwizer, reicht im Wettbewerb nicht mehr. Weil diejenigen, die die Geräte nutzen, heute andere Anforderungen haben. So verlangen Behörden, dass der Schalldruck eines Rock-Konzerts in Echtzeit festgestellt wird, damit im Zweifelsfall die Lautstärke auf das erlaubte Maß sofort heruntergeregelt werden kann.

Die Frage der Digitalisierung stelle sich für seine Firma eigentlich gar nicht, so Schwizer. Sie ist längst entschieden. Die Daten, die die NTI-Geräte aufgrund ihrer Messungen errechnen, werden direkt in die große Datenwolke im Internet gespielt. Die Nutzer können sie dann in ihre eigenen Systeme und Programme einbinden. Zum Beispiel auch, um nicht in einer nasskalten Winternacht Informationen aus einem Schallmessgerät direkt an der Autobahn auslesen zu müssen. Es geht aber nicht nur um Komfort, sondern vor allem um die Möglichkeit, die Daten rasch weiterverwenden zu können.

Wichtige Fragen dabei sind: Wem gehören die Daten, dem Hersteller des Messgeräts oder seinem Benutzer (im Fall von NTI: den Kunden)? Wie sind sie vor Diebstahl und Manipulation geschützt (im Fall von NTI: durch die Nutzung zertifizierter Cloud-Dienste)? Wer hat die Entscheidungsmacht, aus den Daten bestimmte Handlungen abzuleiten (im Fall von NTI: allein der Anwender, den das Liechtensteiner Unternehmen in der alleinigen Verantwortung für die Folgen aus dem erworbenen Wissen sieht)? All diese Fragen zu klären, sei für ein von Ingenieuren aufgebautes Unternehmen mit gut 30 Mitarbeitern am Haupt-Standort Schaan nicht trival, so Schwizer.

NTI, das vom kleinen Liechtenstein aus auf dem weltweiten Markt mitspielt und in mehreren Kontinenten mit Niederlassungen vertreten ist, ist auch ein Beweis dafür, dass Globalisierung und Digitalisierung herkömmliche Grenzen auflösen. Nicht nur, aber auch die zwischen herkömmlicher Messtechnik und Big Data. Philipp Schwizer sagt über die Digtalisierung: „Alle reden darüber, und alle wollen mitreden. Aber jeder versteht etwas anderes darunter. Da sollten wir mehr Klarheit schaffen. Digitalisierung ist ein Prozess und kein Hype.“

Siemens in Konstanz: Sachen sortieren ist erst der Anfang

Es begann mit Briefsortieranlagen und einer Schlüsseltechnologie, die erst durch die Vernetzung und die dramatisch verbesserten Möglichkeiten der Datenverarbeitung ihre volle Kraft entfaltet. Maschinen begannen zu lernen, Anschriften auf Briefen zu lesen und diese so zu sortieren, dass sie im richtigen Transportbehälter landen. Das war im vergangenen Jahrtausend, und damit war Siemens in Konstanz ein erfolgreiches Unternehmen.

Einige Jahrzehnte später werden viel weniger Briefe geschrieben, dafür aber dank Online-Handel mehr Pakete verschickt als je zuvor. Und die billigen Flüge haben den Betrieb an den Flughäfen weltweit stark ansteigen lassen. Siemens merkte, dass das Wissen aus der Briefsortierung gut auf Pakete und Fluggepäck übertragen werden kann. Und jetzt macht das Unternehmen, inzwischen unter dem Siemens-Konzerndach eine eigenständige Firma mittelständischer Prägung, den nächsten Schritt und steigt in großem Stil in die Arbeit mit den Daten ein, die bei diesen Prozessen entstehen. 

Michael Reichle, Geschäftsführer von SPPAL (Siemens Postal, Parcel and Airport Logistics), sieht für sein Unternehmen große Chancen in der Digitalisierung. Kunden können mit Siemens-Hilfe alle Lieferprozesse in Echtzeit verfolgen. Und sie können mit lernenden Programmen auch strategisch arbeiten und ihre Lieferketten anhand ausgefeilter Prognosen vorab optimieren. 

In Konstanz entwickelt, in Sydney, Melbourne, Brisbane und Perth installiert: Briefsortieranlage von Siemens. Sechs der fortschrittlichsten Sortiersysteme vom Typ Open Mail Handling System (OMS) wurden in Australien installiert. | Bild: Siemens Postal, Parcel & Airport Logistics

Wirtschaftsstandort Bodensee strahlt noch nicht hell genug

Doch neben den Chancen, sagt Michael Reichle, hat die Digitalisierung auch ihre Tücken. So ist auch der Wettbewerb um die besten Talente global geworden, und der Wirtschaftsstandort Bodensee strahlt nach seiner Wahrnehmung noch nicht so hell, wie er könnte. Zugleich sieht er Industrie und Gesellschaft gleichermaßen gefordert, endlich eine zukunftstaugliche Infrastruktur aufzubauen. Während Südkorea flächendeckend beste Handy-Netze biete, sei ein Videotelefonat über Skype schon auf der Fahrt von Konstanz nach München wegen der vielen Funklöcher sehr, sehr schwierig.

Digitalisierung, so Reichles Fazit, ist eine Wirklichkeit, die zusammen mit der Elektromobilität und der dezentralen Energieversorgung die Wirtschaft grundlegend ändere. Sein Gesamtbild sieht so aus: „Auch die These, dass Digitalisierung Arbeitsplätze vernichtet, ist ein Thema, dem wir uns stellen müssen. Es ist ein Teil einer großen gesellschaftlichen Veränderung, die uns vor die Frage stellt, wie wir das große Umlernen organisieren. Die Gesellschaft sollte sich stärker dem Thema Digitalisierung öffnen, um die Wettbewerbsfähigkeit international zu sichern. Wir dürfen nicht immer nur auf die Risiken schauen. Wir sollten das optimistisch und vor allem schnell angehen.“

Limbic Life in Zürich: Wenn der Stuhl zum Teil des Körpers wird

De Technisierung, sagt Partrik Künzler, hat es mich sich gebracht, „dass wir nicht mehr mit dem ganzen Körper arbeiten, sondern eigentlich nur noch mit dem Kopf, den Augen und den Händen“. Und das, sagt der studierte Arzt und Mitgründer eines Start-Ups im Zürich, ist eigentlich schade. Also hat er in seinem Unternehmen mit drei Leuten und einer Schar von Studenten einen ungewöhnlichen Stuhl entwickelt. Auf ihm kann der Benutzer gewissermaßen schweben und seine Beine bewegen wie in der Schwerelosigkeit des luftleeren Raums.

Patrik Künzler (rechts) vom Züricher Start-up Limbic Life führt seinen mit Sensoren ausgestatten Stuhl im Bodenseeforum vor.
Patrik Künzler (rechts) vom Züricher Start-up Limbic Life führt seinen mit Sensoren ausgestatten Stuhl im Bodenseeforum vor. | Bild: Rau

Und dann lag der nächste Schritt eigentlich schon auf der Hand. Ausgeklügelte Sensoren messen die Bewegung all der Elemente, die mit Beinen und Rumpf in der Position verändert werden können. Ein bisschen strampeln führt den Benutzer auch durch komplexe Excel-Tabellen. Mit den Knien kann ein Radiologe ins das Bild aus dem Magnetresonanztomographen hineinzoomen und zugleich die strapazierte Maus-Hand entlasten. Das Sitzmöbel als Verlängerung des Körpers, das hört sich ungewöhnlich an, gibt Künzler auf dem Wirtschaftskonzil offen zu. Aber das Muster, das im Foyer des Konstanzer Bodenseeforums ausgestellt ist, wird dicht umlagert.

Möglich ist das alles durch Digitalisierung. Unendlich viele Daten werden verfügbar und können aufbereitet werden. Freilich kommt es auch darauf an, was man aus den gewonnen Informationen macht, sagt Jung-Unternehmer Künzler. So gebe es schon Anfragen großer Arbeitgeber, die anhand der Messwerte ermitteln wollen, wie aktiv ihre Mitarbeiter sind, und wann sie müde werden. Auch solche Entwicklungen tragen nach seiner Einschätzung dazu bei, dass sich die Schweiz nicht immer leicht tue mit Innovationen. 

Patrik Künzler (rechts) vom Züricher Start-up Limbic Life führt seinen mit Sensoren ausgestatten Stuhl im Bodenseeforum vor.
Patrik Künzler (rechts) vom Züricher Start-up Limbic Life führt seinen mit Sensoren ausgestatten Stuhl im Bodenseeforum vor. | Bild: Rau

Und dann gibt es noch das Ringen um Fachkräfte. In Zürich, sagt Künzler, muss die kleine Firma Limbic Life mit Weltfirmen wie Google konkurrieren und kann bei der Entlohnung und weiteren Leistungen nicht mithalten. Sein Fazit zum Thema Digitalisierung: „Digitalisierung vernetzt und schafft neue Möglichkeiten. Sie wird das  Leben sehr viel besser machen für sehr viele Menschen, das Gesamtniveau wird steigen.“