Frau Hartmann, im März haben wir uns zur ersten Konstanzer Pulse of Europe-Kundgebung getroffen. Damals sagten Sie: Wir sind keine EU-Romantiker, wollen aber klar machen, welche Bereicherung in der Freiheit steckt. Hat das funktioniert?

Heinke Hartmann: Ja, ich erinnere mich an viele „Liebeserklärungen“ unserer Besucher, die das sehr deutlich gemacht haben. Zu Zeitpunkten, an denen es wirklich eng war – wie bei der Wahl in Frankreich. Da gab es zum Beispiel eine Rednerin aus Mali, die eine Liebeserklärung an Europa als Brief formuliert hatte. Das war sehr bewegend. Nicht nur für mich. Auch im Publikum habe ich Tränen in den Augen gesehen.

Hat es in der Nachschau gereicht, auf Emotionen zu setzen – oder fehlte doch die inhaltliche Positionierung, beispielsweise mit konkreten EU-Reformvorschlägen?

Felix Pfäfflin: Es war wichtig, Europa überhaupt einmal mit Emotionen zu verbinden. Es gab Musik, persönliche Liebeserklärung und das gemeinsame Singen. Das gemeinsame Erleben von Europa ist selten für die meisten Leute. Das ist das eine. Ob und wie wir inhaltlich Positionen beziehen sollten, ist immer noch ein Streitpunkt innerhalb der gesamten Pulse of Europe-Bewegung. Die einen sagen: Ja, wir müssen Positionen beziehen, um auch klar zu machen, was der Bewegung eigentlich folgt. Die anderen sagen: Das ist nicht unsere Aufgabe, dafür gibt es politische Akteure.

Heinke Hartmann hat in Österreich studiert, ihr Mann ist Italiener, seine Söhne Schweizer. Mit ihrer Familie hat sie lange in Zürich gelebt und arbeitet als Theatermacherin in Konstanz immer wieder mit Künstlern und Menschen aus ganz Europa und der Welt zusammen. „Wir wollten den neuen Nationalisten und Anti-Demokraten nicht die Straße überlassen“, sagt Felix Pfäfflin über Pulse of Europe
Heinke Hartmann hat in Österreich studiert, ihr Mann ist Italiener, seine Söhne Schweizer. Mit ihrer Familie hat sie lange in Zürich gelebt und arbeitet als Theatermacherin in Konstanz immer wieder mit Künstlern und Menschen aus ganz Europa und der Welt zusammen. „Wir wollten den neuen Nationalisten und Anti-Demokraten nicht die Straße überlassen“, sagt Felix Pfäfflin über Pulse of Europe

Und was ist Ihre Position?

Felix Pfäfflin: Uns ging es darum, die Leute zu aktivieren, dass wieder konstruktiv über Europa diskutiert wird. Aber nicht vorzugeben, wie unser Europa konkret sein sollte. Wir hatten ja auch Reden, die inhaltliche Positionen bezogen haben. Pulse of Europe Konstanz ist nicht meinungsfrei, aber es gibt keine offizielle Position. Und so sollte es auch bleiben, finde ich. Wenn wir uns inhaltliche Positionen auf die Fahnen schreiben würde, wäre das das Ende dieser Bewegung. Sie würde sich in etwas verwandeln, was in Richtung politische Organisation geht. Aber gerade die Neutralität und Überparteilichkeit hat dazu beigetragen, dass sich so viele Leute dahinter stellen und einfach mal hingehen konnten. Überzeugt zu sein von Europa, das hat gereicht.

Heinke Hartmann: Für mich kann das nur noch mit punktuellen Aktionen weiter funktionieren. Ich fände es gut, wenn wir vernetzt blieben und zu einer gezielten Aktion zusammen kommen, wenn es akute Situationen in Europa gibt, wenn es brennt. Wir haben inzwischen einen großen Pool von Leuten, die uns vertrauen.

Was die Teilnehmer betrifft hätte ich zwei Thesen: Es waren fast immer dieselben da und die meisten waren über 60 Jahre alt.

Heinke Hartmann: Das stimmt. Wir haben natürlich gesehen, dass wenig Junge da sind und haben vor allem auch die Studenten vermisst.

Warum kamen eher die Leute aus der Nachkriegsgeneration und weniger die, deren Zukunft es doch eigentlich betrifft?

Felix Pfäfflin: Wir hatten genau dazu bei unserem letzten Pulse eine Rednerin. Nathalie ist 16 Jahre alt und hat das gut auf den Punkt gebracht. Sie sagte, dass sie und ihre Generation nicht als politisch interessiert wahrgenommen werden, dass das aber nicht stimme. Für sie ist es selbstverständlich, dass es diese offene Gesellschaft und offene Grenzen gibt. Sie kennen noch nicht mal mehr die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich. Deshalb haben sie nicht diesen Impuls, sich für Europa, für etwas Bestehendes, einsetzen zu müssen. Auf der anderen Seite ist es ja auch etwas Schönes, dass viele Teilnehmer wiederkommen. Die meisten davon, das ist richtig, gehören einer Generation an, die in der Nachkriegszeit aufgewachsen ist. Sie wissen, für was es zu kämpfen gilt.

Im Vergleich mit anderen Städten, in denen es auch Pulse-of Europe Kundgebung gab, kamen in Konstanz relativ viele Teilnehmer. Woran lag das?

Heinke Hartmann: Der schöne Platz. (lacht)

Felix Pfäfflin: Doch, das Format „kompakte halbe Stunde an einem schönen Platz“ hat gut funktioniert. Wir haben von Anfang an gesagt: Wir wollen keine Endlosveranstaltung, wir wollen es den Leuten leicht machen, zu kommen. Die konnten das mit ihrem Sonntagsspaziergang verbinden, danach noch Kaffee und Kuchen essen gehen und Freunde treffen. Dann ist es natürlich so, dass Konstanz eine vergleichsweise kleine Stadt ist, die sonst nicht so viel Demos und Kundgebungen erlebt wie andere Städte. Außerdem waren wir mit unserem Organisationsteam von zehn bis zwölf Leuten gut in der Stadt vernetzt und konnten entsprechend Werbung machen.

Wie schwer oder einfach ist es, neben Job und Familie so etwas auf die Beine zu stellen?

Heinke Hartmann: Leichter als gedacht. Am Anfang gab es die Mail von Felix und Harald Kühl an einen kleinen Bekanntenkreis. Ich bin zum zweiten Planungstreffen mit meinem Mann, da war schon viel organisiert. Alle haben ganz schnell gewusst, was sie gut können. Und das ohne Zögern. Dann gab es immer dienstags zwei, drei Stunden Planung und am Sonntag darauf die Veranstaltung.

Felix Pfäfflin: Das hatte so eine positive Dynamik und hat richtig Spaß gemacht. Bei uns sind ja auch die Kinder mit, haben bei den Buttons geholfen, Luftballons aufgeblasen und Fähnchen geschwungen. Bis zu der Frankreichstichwahl im Mai hat sich das alles so ergeben. Dann war aber schon auch klar: Wir können nicht in diesem Rhythmus weitermachen. Wir wollten weder uns noch den Besuchern zumuten, so einen Takt aufrechtzuerhalten.

Danach schlug der Puls nur noch monatlich.

Heinke Hartmann: Ja, der Puls war verlangsamt. Das hatte einen Einfluss auf die Energie. es wurde etwas mühsamer. Für die Leute rückte das Thema weiter weg.

Felix Pfäfflin: In jeder Stadt ist die Situation natürlich besonders, aber alle stehen vor derselben Frage, wie es weitergeht.

Wenn man sich die Europa-Karte aller Pulse of Europe-Städte ansieht, stellt man fest: Die meisten befinden sich in Deutschland, weniger in Spanien, Italien oder Griechenland. Ist das eine deutsche Europa-Bewegung?

Felix Pfäfflin: Es sind ganz viele Punkte, die da eine Rolle spielen. Es ging in Frankfurt los und eine Initiative breitet sich immer erst mal in der Nähe aus. Wenn die Bewegung in Rom oder Paris erfunden worden wäre, gebe es heute wohl die meisten Kundgebungen in Italien oder Frankreich. Das zweite ist: Deutschland ist vergleichsweise Europa-freundlich. Und das dritte, was eine Rolle spielen könnte, sind die Vorbehalte anderer europäischer Länder gegenüber deutschen Ideen. Man kennt das ja aus der ganzen EU-Thematik, dass so viel aus Deutschland kommt. Zuerst das Spardiktat von Schäuble und jetzt etwas, das zwar in eine ganz andere Richtung geht, aber trotzdem aus Deutschland kommt. Allerdings können wir das nicht wirklich beurteilen. Die Initiativen, die sich in anderen europäischen Ländern gegründet haben, sind uns gegenüber jedenfalls total offen und aktiv. Gerade haben wir Kontakt mit Gruppen in Polen und Tschechien. Die sind viel weniger und haben es viel schwieriger in ihren Ländern.

In der Schweiz gab es gar keine Pulse of Europe-Bewegung. Die Schweiz ist nicht in der EU, aber sie könnte doch für die europäische Idee kämpfen?

Heinke Hartmann: Es waren einige Schweizer bei unseren Kundgebungen. Einer hat sogar unser Fähnchen an sein Fahrrad gemacht, bevor er zu einer großen Tour durch die Schweiz aufgebrochen ist. Er sagte damals, er sei schon gespannt auf die Reaktionen, die es sicherlich geben würde. Ich habe selbst viele Schweizer Freunde, mit denen wir oft heftig diskutieren. Sie sind schon sehr ablehnend, was die EU betrifft. Es ist für sie, die alles per Volksabstimmung entscheiden, eine Horrorvorstellung, dass es in Brüssel eine Bürokratie gibt, die über so viele Länder Verordnungen verhängt.

Mit der europäischen Bürokratie sind auch hierzulande viele ganz und gar nicht einverstanden.

Heinke Hartmann: Richtig, und Pulse of Europe ist auch eine Plattform, um so etwas zu diskutieren. Bei unserer nächsten Veranstaltung im Vorfeld der Bundestagswahl geht es um „Eurovisionen“ und die Frage, wie es mit Europa weitergeht. Es gibt ja beispielsweise auch welche, die sagen: Europa muss eine Republik werden. Wir wollen dazu auch die Meinung der Bundestagskandidaten hören. Denn bislang hört man kaum etwas von Politikern drüber, weil die oft sagen: ja gut, wir haben jetzt unsere EU und können nur noch reformieren.

Habt ihr die Liebesbekundungen vorher angeschaut?

Heinke Hartmann: Für jede Liebeserklärung gibt es eine Art Pate aus unserem Team und wir haben uns vorher immer mit den Rednern unterhalten. Aber die Texte kontrollieren wir nicht vorab.

Es hat sich also kein Anti-Europäer eingeschlichen?

Felix Pfäfflin: Nein, aber es gab zwei oder drei Kundgebungen am Stück, bei denen ein paar Leute, wir vermuten von der Identitären Bewegung, zu der Veranstaltung kamen. Ganz geklärt haben wir das noch nicht, aber die haben sich erst am Rand aufgehalten und sich auch unsere Buttons dran gemacht. Während der Kundgebung haben sie sich unter die Leute gemischt und eigene Flyer verteilt. Darauf haben sie die zehn Punkte von Pulse of Europe verfälscht und so gewissermaßen unsere Veranstaltung unterwandert. Wir haben das jedes Mal während der Veranstaltung mitbekommen, weil irgendjemand uns gesagt hat: Das ist aber ein komischer Flyer. So konnten wir noch während der Kundgebung sagen: Leute passt auf, da sind welche unterwegs, die euch irgendwas in die Hand drücken, was nicht zu uns gehört und wir auch nicht unterstützen.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie zur Bundestagswahl?

Heinke Hartmann: Von Pulse of Europe gibt es einen Euro-mat, der wie der Wahl-o-mat funktioniert, aber eben die europäischen Themen im Blick hat. Bei mir kam eine Partei raus, mit der ich ohnehin liebäugele, ich bin trotzdem aber noch offen, diskutiere und infomiere mich gerne.

Felix Pfäfflin: Ich habe mich eigentlich festgelegt, das hat aber nicht viel mit den Europa-Themen zu tun. Von den sechs Parteien, die eine realistische Chance haben, in den Bundestag einzuziehen, sind fünf im Grunde ohnehin pro-europäisch. Im Sinne von Pulse of Europe ist das also eine nicht so dramatische Wahl wie sie es vielleicht in Frankreich war. Was aber auch deutlich wird: Die Aussagen zu Europa sind alle austauschbar. Es gab einen offiziellen Fragenkatalog von Pulse of Europe an die Bundestagsfraktionen und teilweise auch an die lokalen Bundestagskandidaten. Wenn man sich ansieht, was da zurückkommt, ist das Wahlprogramm-Gefasel, mit dem man eigentlich nicht viel anfangen kann. Wir kennen von den etablierten Parteien zwar unterschiedliche Positionen in Bezug auf Diesel, aber nicht in Bezug auf Europa. Ein bisschen mehr Kante und Abgrenzung fehlt und da traut sich auch keiner so richtig aus dem Häuschen. Deshalb wollen wir da bei der Eurovision nochmal nachbohren.

  • Heinke Hartmann lebt in Konstanz, ist frei schaffende Kulturpädagogin, Schauspielerin, Regisseurin und Sprecherin von Hörbüchern. Hartmann hat in Österreich studiert, ihr Mann ist Italiener, seine Söhne Schweizer und nach italienischem Recht Doppelbürger. Mit ihrer Familie hat sie lange in Zürich gelebt und arbeitet als Theatermacherin immer wieder mit Künstlern und Menschen aus ganz Europa und der Welt zusammen. „Für mich ist ein Rückschritt nicht vorstellbar – bei all den Schwierigkeiten, die auf dem Weg zur europäischen Gemeinschaft lagen und liegen“, sagt sie.
  • Felix Pfäfflin lebt mit seiner Familie in Konstanz. Er ist Geschäftsführer der Marketingagentur „Die Regionauten“. In Konstanz studierte er Politik- und Verwaltungswissenschaften und arbeitete anschließend in Berlin, bevor er wieder an den Bodensee zurückkehrte. „Wir wollten den neuen Nationalisten und Anti-Demokraten nicht die Straße überlassen“, sagt er über sein Engagement bei Pulse of Europe.
  • Kundgebungen und Kandidatencheck: Die nächste Pulse of Europe-Kundgebung findet am Sonntag, 10. September um 14 Uhr am Gondelehafen statt. Am Mittwoch, 13. September, gibt es eine öffentliche Sonderveranstaltung um 19.30 Uhr im unteren Konzilssaal: “Eurovision – Der Pulse of Europe Kandidaten-Check zur Bundestagswahl”. Die Direktkandidaten aller sechs Parteien werden dem Publikum ihre Einstellungen zu Europa offenbaren. Nach der Kundgebung am Sonntag, 17. September um 14 Uhr findet am Sonntag der Bundestagswahl, 24. September um 14 Uhr die vorerst letzte Pulse of Europe Kundgebung in Konstanz statt.


Eine besondere Liebeserklärung von einer der Pulse of Europe-Kundgebungen:
 
Hi Konstanz
 
We are quite honoured to share our story with you.
 
My name is Spoon Carrey,
 
I was born in Malawi, grow up in Swaziland, South Africa and now I call Konstanz home. So I am not European, My husband is half French and Half German and our two children are born German and so half African too.
Which leaves us supporting the community we pay our taxes, buy our home and raise the future generation in.
 
My husband and I met whilst he was doing his practical  semester in South Africa about 12 years ago. We were young, optimistic and daring.
Being a young black women shaping my adult life in post Apartheid South Africa, you can imagine Germany was the last place I could imagine ending up in. Due to all the information the then history books taught us. It was not an easy choice for me to settle here, but when you look at the economical strength, social system, freedom of speech and just simple freedom as a human being you will begin to see that you live in one of very few working societies. The simple fact that children run around the park without being kidnapped or raped, walk to school unescorted by an adult is a privilege. Europe has worked so hard and so long to keep the peace between its enemies and it has succeeded.
Europeans tend to forget about that and dwell about the sectors that do not work…Change needs time. There is no role model for this path, THE EUROPEAN UNION IS THE ROLE MODEL. Citizens outside Europe admire it. Some risk their own lives, give up their careers and leave their families hoping for a chance in this in this UNION . You have achieved so  and what is it still to be achieved depends on you.