Selbst bei starkem Regen drängen die Menschen mit den blauen Luftballons an den Gondelehafen vor dem Konzil: Rund 200 Bürger sind es dieses Mal, die für den europäischen Zusammenhalt auf die Straße gehen. Bei schönem Wetter kamen auch schon 500 und 700 Demonstranten. "Ich bin positiv überrascht vom großen Anklang", sagt Felix Pfäfflin vom Organisationsteam vor dem sechsten Pulse of Europe-Treffen in Konstanz. Termin ist immer sonntags um 14 Uhr am Gondelehafen. Die Menschen kommen zusammen, um ihre Sympathien für Europa zu zeigen und ihre Abneigung gegenüber dem abschottenden Nationalismus. "Die Idee ist so einfach", sagt Pfäfflin.

Und sie kommt in Konstanz offenbar an. Mindestens bis zur Stichwahl bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich am 7. Mai wollen die Organisatoren weiter zu den Demonstrationen aufrufen, wie es danach weitergeht, ist nach Angaben von Pfäfflin noch offen. Es gehe bei den Treffen darum, Europa emotional erlebbar zu machen und das Positive abseits der zermürbenden Streitigkeiten um Einzelfragen herauszustreichen. Die Demonstrationen laufen immer nach derselben Choreographie ab: Die Teilnehmer zeigen ihre Zuneigung zu Europa mit Ballons und Fähnchen, auf denen das Blau und der gelbe Sternenkranz für die Europäische Gemeinschaft zu sehen sind, sie hören Stücke regionaler Musiker, eine kurze Rede und von einem Gast eine ganz persönliche Liebeserklärung an Europa. Zum Abschluss singen die Versammelten auf Europa umgedichtete Lieder. So wird aus "Für mich soll' s rote Rosen regnen" ein "Für mich soll's offene Grenzen geben, ich will in Europa Menschen begegnen. Die Welt, sie will sich umgestalten, doch wir wollen Frieden und Freiheit erhalten."

Bei der sechsten Pulse of Europe-Demonstration in Konstanz fragte Felix Pfäfflin als einer der Redner, ob es einzelne Streitfragen wirklich wert seien, den europäischen Zusammenhalt und die geniale Idee aufs Spiel zu setzen, alles, was einen gemeinsam betrifft, auch gemeinsam zu regeln.

Stimmen von Teilnehmern:

Ulrike Blatter, Ärztin und Autorin aus Gottmadingen, die auch mit einer Liebeserklärung an Europa vors Publikum getreten ist:

"Ich habe lange im Ausland gelebt. Meine Tochter ist in der Schweiz, mein Sohn in Slowenien geboren. In den 90er-Jahren arbeitete ich ehrenamtlich auf dem Balkan. 1999 in Bosnien. Bosnien ist für mich ein warnendes Beispiel. In Bosnien habe ich gelernt, wie wenig es braucht, um ein Gemeinwesen zu zerstören. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal vor Menschen stehen und mich so offensiv für Europa einsetzen muss. Ein gemeinsames Europa und funktionierende demokratische Strukturen, das waren für mich immer absolute Selbstverständlichkeiten, der Boden, auf dem ich meine Zukunft und die meiner Familie plane. Ich will diesen Boden unter meinen Füßen nicht verlieren."

Ruth Gottmann, in Zürich lebende Deutsche:

"Ich bin jetzt das fünfte Mal mit meinem Mann und meinen beiden Kindern für die europäische Sache und gegen den Rechtsruck auf die Straße gegangen. Europa ist doch nicht wie so eine Schrebergarten-Kolonie zu managen. Ich dachte aus diesen Kinderschuhen sind wir schon längst herausgewachsen. Wir können die großen Ziele nicht erreichen, wenn das jedes Land nur für sich in Angriff nehmen will, ich denke zum Beispiel an Umweltfragen und soziale Ziele. Wir brauchen offene Grenzen und die gemeinsame Währung." Der kurze Kommentar von Sohn Moritz, 11 Jahre, zu den Demonstrationen: "Cool."

Sebastian Sahla, 29 Jahre, in England lebender Deutscher:

"Ich habe Angst, dass der Nationalismus der Anfang vom Ende Europas ist und damit auch des Friedens hier. Ich bin direkt davon betroffen, dass England aus der Europäischen Gemeinschaft austreten will. Ich lebe mit deutschem Pass in England, meine Freundin Sophie Guibert kommt aus Frankreich, meine Eltern leben in der Region von Konstanz."

Volker Lepper aus Konstanz:

"Ich will nie wieder Krieg. Die sollen die großen und kleinen Probleme am Verhandlungstisch lösen und nicht auf dem Schlachtfeld. Ich bin froh, dass es Pulse of Europe gibt. Es sind die Falschen auf die Straße gegangen – die Nationalisten. Hier kann man zeigen: Es gibt Menschen, die für die Europäische Gemeinschaft sind."

Jeden Sonntag

Pulse of Europe ist eine 2016 in Frankfurt am Main gegründete, überparteiliche und unabhängige Bürgerinitiative mit dem Ziel, „den europäischen Gedanken wieder sichtbar und hörbar zu machen“. Angesichts des Brexits und des vermehrten Auftretens rechtspopulistischer und nationalistischer Parteien ist es ihr Anliegen, dieser Entwicklung mit einer öffentlichen, pro-europäischen Bewegung entgegenzutreten. In über 90 europäischen Städten gibt es die Pulse of Europe-Kundgebungen, auch in Konstanz. Am 23. April findet die siebte Kundgebung an der Konzil-Plattform am Gondelehafen statt, wie jeden Sonntag bis zum 7. Mai von 14 bis 14.30 Uhr – wie immer mit dem Erkennungslied „Für uns soll's off'ne Grenzen geben“. (sap)