Konstanz Psychiatrie: „Mehr Ambulant vor stationär“

Auf einen Kaffee mit Sonja Krug. Sie leitet in Konstanz das Gemeindepsychiatrische Zentrum mit Institutsambulanz und spricht über eine Tagung aller Institutsambulanzen im Land.

Frau Dr. Krug, Sie haben das Treffen der gemeindepsychiatrischen Institutsambulanzen ausgerichtet. Mit welchem Ergebnis?

Diese Treffen finden jedes Jahr statt. Wir waren diesmal die Organisatoren. Das hat den Vorteil, dass man Themenschwerpunkte setzen kann, die einen selbst interessieren. Dieses Jahr feiern wir auch noch zehnjähriges Bestehen unseres Gemeindepsychiatrischen Zentrums inklusive Institutsambulanz und haben deshalb den Titel gewählt: Fakten und Visionen. Es ging sehr viel um den aktuellen Stand und wie die Zukunft aussehen wird.

Und wie sieht die Zukunft aus?

Sie wird immer ambulanter werden, ambulant vor stationär.

Warum? Was ist der Vorteil?

Eine stationäre Behandlung in einer psychiatrischen Klinik ist leider immer noch etwas Stigmatisierendes, was Menschen nicht so gerne wollen, was sie aus dem Kontext, aus dem familiären und beruflichen Umfeld reißt. Je weniger das notwendig ist, desto besser kann das für den Genesungsprozess sein.

Ist das immer so machbar? Wo ist die Grenze, dass ein Patient doch stationär aufgenommen werden muss?

Da muss man sehr genau hinschauen, bei welchen Menschen ein ganz enges ambulantes Angebot einen stationären Aufenthalt verhindern oder sogar ersetzen würde. Da können wir in der Institutsambulanz ganz engmaschig Termine anbieten bis hin zu täglich und zu Hausbesuchen. Wie bei der Tagung angesprochen, könnte für manche Patienten eine stationsäquivalente Behandlung die Zukunft sein, wobei Patienten dann zu Hause anstatt in einer Klinik behandelt werden können. Der Kranke wird nicht rausgerissen und die Angehörigen sind gleich mit einbezogen.

Welche Visionen gibt es noch?

Ein Thema war auch die bessere Vernetzung und Gestaltung psychiatrischer Angebote aller Anbieter im Verbund.

Wer kommt zu Ihnen ins GPZ?

Zu uns darf jeder kommen. Wir entscheiden dann, wen wir hier aufnehmen und wen wir weiterempfehlen.

Wohin empfehlen Sie?

Ganz unterschiedlich. Zum GPZ gehört auch der sozialpsychiatrische Dienst. Das sind Sozialarbeiter, die kostenlos und unverbindlich beraten und aufzeigen, welche Optionen der Unterstützung und Behandlung es gibt. Unsere psychiatrische Institutsambulanz besteht aus einem multiprofessionellen Team mit Krankenschwestern, Psychologen, Ärzten und auch Sozialarbeitern. Wir beraten und behandeln. Das heißt: Nach einer Diagnose empfehlen wir dann, ob jemand unser multiprofessionelles Team braucht oder eine ambulante Weiterbehandlung beim niedergelassenen Nervenarzt oder Psychotherapeuten. Wir helfen, sich im Dschungel der Angebote zurechtzufinden.

Welche Krankheitsbilder haben die Menschen, die Sie im GPZ aufnehmen?

Das ist klar im Paragrafen 118 des Sozialgesetzbuchs V geregelt: Art, Schwere und Dauer geben vor, wer in Institutsambulanzen behandelt werden kann – Menschen, die andere Versorgungsangebote nicht hinlänglich erreichen. Sei es, dass sie zu abgeschieden wohnen oder jemand uneinsichtig bezüglich seiner Krankheit ist. Wir wollen keine Konkurrenz zu niedergelassenen Ärzten sein, sondern eine Lücke füllen zwischen diesen und der stationären Fachklinik.

Ihr Zentrum ist in Konstanz weit weg von Winterspüren oder Welschingen.

Der Sozialpsychiatrische Dienst hat zwischenzeitlich auch Räume in Stockach und Radolfzell. Das ist für jene von Vorteil, die vom Land kommen. Das soll es den Menschen erleichtern, unkompliziert zu einer Beratung zu kommen.

Hat das GPZ Ihrer Ansicht nach das Ansehen von Menschen mit psychischen oder seelischen Erkrankungen verändert?

Davon bin ich überzeugt. Ein Burn-out zum Beispiel ist gesellschaftlich anerkannt, und es gibt viele prominente Beispiele. Wir würden der Gesellschaft einen großen Gefallen tun, wenn wir über psychische Probleme offen sprechen und sich jeder bedenkenlos Unterstützung holen dürfte. Depressive Störungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen. Zirka 20 Prozent der Allgemeinbevölkerung erleiden in ihrem Leben eine depressive Episode.

Fragen: Philipp Zieger

Zur Person

Sonja Krug (46) leitet seit zehn Jahren, seit Eröffnung, das Gemeindepsychiatrische Zentrum (GPZ) mit Institutsambulanz. Zuvor war sie an der Uni-Klinik in Essen Oberärztin und hat Menschen mit Depressionen und Persönlichkeitsstörungen behandelt. Ihr Medizinstudium hatte sie in Freiburg, nahe ihrer Heimat, absolviert. Das GPZ ist im Haus der Spitalstiftung an der Luisenstraße 9, nahe dem Klinikum, untergebracht. Träger sind das Zentrum für Psychiatrie Reichenau, die Diakonie und der Landkreis. In Baden-Württemberg gibt es zirka 40 Institutsambulanzen. Kontakt zum GPZ Konstanz mit Sozialpsychiatrischem Dienst: (0 75 31) 81 99 40. Das GPZ stellt zum zehnjährigen Bestehen ein gemeinsames Theaterstück mit Patienten auf die Beine, das sich im November auch mit psychischen Erkrankungen beschäftigt.

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