Richter müssen so ziemlich alles sein: Sozialarbeiter, Mediziner, Biologen, Chemiker, Physiker, Psychologen, Soziologen, Techniker, Betriebswirte, Volkswirte, Ordnungshüter – und selbstredend gute Juristen. Sie müssen über eine schnelle Auffassungsgabe verfügen, über ein salomonisches Urteilsvermögen, sie sollten schon in jungen Jahren eine gewisse Weisheit besitzen und im Idealfall das Wissen eines Sachverständigen ihr Eigen nennen.

Doch wie sieht der Richter-Alltag wirklich aus? Ein Blick hinter die Kulissen des Konstanzer Amtsgerichts

Beim Amtsgericht Konstanz arbeiten 14 Richter, verteilt auf elf Stellen. "Mehrere Frauen sind halbtags beschäftigt", erklärt Direktor Franz Klaiber. Die Behörde hat jedoch Bedarf von zwölf Stellen. "Wir leisten also rund zehn Prozent Mehrarbeit."

Bildunterschrift
Franz Klaiber | Bild: Rau, Jörg-Peter

Franziska Schwalenberg ist Einzelstrafrichterin. Das heißt, in ihren Prozessen drohen den Tätern maximal zwei Jahre Haft. An eineinhalb Tagen pro Woche leitet sie Verhandlungen.

Acht Fälle in zehn Stunden – die Arbeitstage können lang und anstrengend sein

Es kann schon mal vorkommen, dass sie von 8 bis 18 Uhr acht Fälle hintereinander zu bearbeiten hat. "Es ist immer sehr einzelfallspezifisch", antwortet sie auf die Frage, wie schwer das geistige Umschalten von einem Fall zum anderen ist.

Besonders tragische Fälle nehmen sie auch mit mehreren Jahren Erfahrung noch mit. "Sexueller Missbrauch von Kindern oder schlimme Familienschicksale sind schon belastend", sagt sie. "Aber ich denke, dass das irgendwann zur Normalität wird. Das ist bei Ärzten ja auch nicht anders."

Der SÜDKURIER hat die 33-Jährige Richterin an einem Tag begleitet

Der öffentliche Aushang vor Sitzungssaal 107 verrät, um was es heute in den einzelnen Verhandlungen geht:

  • 8.30 Uhr: unerlaubtes Entfernen vom Unfallort
  • 10 Uhr: Besitz von Betäubungsmittel
  • 12 Uhr: Diebstahl
  • 12.45 Uhr: Bedrohung in zwei Fällen
  • 13.30 Uhr: gefährliche Körperverletzung in zwei tateinheitlichen Fällen
  • 14.45 Uhr: nichtöffentlicher Termin im vereinfachten Jugendverfahren
  • 15.30 Uhr: unerlaubter Erwerb von Betäubungsmitteln
  • 16.15 Uhr: nichtöffentliche Hauptverhandlung im vereinfachten Jugendverfahren

"Nach so einem Tag bin ich schon sehr erschöpft", gibt Franziska Schwalenberg offen zu. "Die einzelnen Fälle sind schon sehr komplex und erfordern höchste Konzentration." Sie sieht sich durch ihr Jurastudium aber bestens vorbereitet auf solche harten und langen Arbeitstage.

Die Richterin versucht, trotz des Zeitdrucks den Menschen hinter dem Fall zu sehen

Es ist beeindruckend, wie schnell und scheinbar mühelos Franziska Schwalenberg einen neuen Sachverhalt auffasst, analysiert und einordnet im dichten Dschungel der deutschen Gesetze. "Ich muss ja eigentlich nur wissen, wo ich was finde", erzählt sie.

Auffallend ist ihre einfühlsame und doch direkte Ansprache an die an diesem Tag zumeist recht jungen Angeklagten. Sie schaut den Menschen in die Augen, wenn sie mit ihnen spricht. Sie interessiert sich für den sozialen Hintergrund, für deren bisherigen Lebensweg.

„Manchmal geht es mir dann durch den Kopf: Es ist ja kein Wunder, dass er oder sie auf die schiefe Bahn geraten ist bei all dem, was er oder sie erlebt hat. Ich darf mich natürlich nicht komplett leiten lassen von so etwas. Aber ich habe als Richterin auch ein wenig Spielraum und kann einen Leidensweg in meine Entscheidung ein Stück weit einfließen lassen.“
Franziska Schwalenberg

Nach der ersten Verhandlung bekommt Franziska Schwalenberg eine Nachricht von einer Mitarbeiterin. "Der wegen gefährlicher Köperverletzung Angeklagte hat verschlafen und nimmt jetzt in Wiesbaden einen Zug nach Konstanz." Der Prozess sollte eigentlich um 13.30 Uhr beginnen.

"Das kommt im Strafgericht leider öfter vor", sagt die Richterin. "So manche nehmen ihre Vorladungen nicht so ernst." Der Angeklagte wird gar nicht erscheinen, er meldet sich krank. Die Richterin quittiert das mit einem Lächeln. "Was bleibt mir anderes übrig?"

Sie hakt den Fall für heute ab, bevor er überhaupt begonnen hat. Die nächste Verhandlung ist immer die wichtigste.

Die Richterin fragt den Angeklagten: "Wie bekommen wir Sie auf den richtigen Weg?"

Ein 18-Jähriger wird beschuldigt, Marihuana-Pflanzen in seinem Zimmer anzupflanzen. Der junge Mann ist so ein Fall mit bewegender Vorgeschichte, wie von Franziska Schwalenberg beschrieben.

Die Jugendgerichtshilfe zählt auf, ein Leben im Schnelldurchlauf: Als drittes Kind der Familie in Osteuropa geboren, Umsiedlung, schwierige Familienverhältnisse, Psychose, Psychiatrie, Schizophrenie, von der Mutter rausgeschmissen, kein Einkommen, Alkohol, Drogen – aber er liest auch viel, geht aufs Gymnasium, wird aber wegen Fehlverhaltens verwiesen, ohne konkrete Perspektive, hat kein Geld, handelt impulsiv, ohne an Folgen zu denken, wird obdachlos. Die Polizei findet diverse Waffen, leere Patronenhülsen, Messer und eine Cannabis-Pflanze in seinem Zimmer.

Die Richterin brummt ihm, zusätzlich zu den 30 Sozialstunden von einer vorangegangenen Verurteilung, weitere 30 auf – auch wenn sie Spielraum für eine Haftstrafe gehabt hätte. "Wie bekommen wir Sie auf den richtigen Weg?", fragt sie den jungen Mann. "Sie benötigen eine Wohnung, eine Krankenversicherung, Perspektiven für ihr Leben."

"Sie sind ja wirklich nicht auf den Kopf gefallen", sagt sie. "Ich möchte nicht, dass Sie komplett auf die schiefe Bahn geraten."

Gnade vor Recht nennt man das wohl.

Der Alltag ist ein Spagat zwischen Einfühlungsvermögen und professioneller Distanz

Mit Franz Klaiber hat sie einen Kollegen, der diese Richtung vorgibt. "Jugendliche liegen mir am Herzen", sagt der Direktor des Amtsgerichtes und Richter am Jugendschöffengericht, das heißt, dass er mit zwei Schöffen Freiheitsstrafen von mehr als zwei Jahren aussprechen darf.

Hier landen die härteren Fälle. "Es existieren klare Regeln, jeder wird ernst genommen und mit Respekt behandelt", sagt er. "Entscheidend ist, dass die Jugendlichen zu ihren Fehlern stehen und Verantwortung übernehmen. Jeder bekommt seine zweite Chance."

Auch Klaiber versucht sich empathisch zu geben, "aber die professionelle Distanz dürfen wir nie verlieren". Wenn er merkt, dass der Angeklagte Reue und Willen zur Besserung zeigt, ist auch mal ein flapsiger Spruch drin.

"Wir sind ja alles Menschen", erzählt er. "Und wir haben Emotionen."