Es ist ein Aufschrei, aber ein sehr leiser, höflicher. Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, haben sich daran gewöhnt, dass viel über das Thema gesprochen wird, sich aber wenig ändert. Auch bei einer Podiumsdiskussion, zu der die Landtagsabgeordnete Nese Erikli (Grüne) ins Restaurant Brigantinus geladen hatte, gab es viele Worte, Verständnis und Absichtserklärungen. Die Diskutanten Bärbl Mielich, Staatssekretärin im Sozialministerium des Landes, Angela Häusling, Pflegedirektorin am Zentrum für Psychiatrie Reichenau, Ines Happle-Lung, Krankenschwester am Klinikum Konstanz und Achim Gowin, Chefarzt am Zentrum für Altersmedizin in Radolfzell, bemühten sich allerdings um klare Worte.

  1. Was sind die größten Probleme in der Pflege? Überlastung, Überforderung und fehlende Anerkennung, das sind die Aspekte, die Pflegekräfte nennen, wenn es um die Beschreibung ihrer Arbeitssituation geht. "Die Arbeit hat sich stark verdichtet", sagt Ines Happle-Lung. Heute seien etwa zwei Drittel der Patienten auf der Station schwer pflegebedürftig. Der Dokumentationsaufwand sei enorm. Sie beobachte eine hohe Fluktuation bei den Pflegekräften.
    "Es ist toll, dass wir einen Klinikneubau für 100 Millionen Euro bekommen, aber was nützt es, wenn wir auf der Inneren Betten schließen müssen?" Achim Gowin berichtet, dass am Krankenhaus Radolfzell 13 bis 14 Pflegestellen unbesetzt seien, "das ist auch existenziell bedrohlich".
  2. Wie viele Patienten haben die Pflegefachkräfte zu betreuen und wie ist das in anderen Ländern? In Deutschland habe laut Pflegedirektorin Angela Häusling eine Pflegekraft im Schnitt 10,3 Patienten zu betreuen. Ines Happle-Jung spricht sogar davon, dass sie an manchen Tagen Verantwortung für bis zu 15 Patienten trage, davon auch einige frisch Operierte. In der Schweiz hingegen liege der Betreuungsschlüssel bei eins zu fünf, berichtet Achim Gowin. Noch besser ist die Lage offenbar in Schweden, dort betreue ein Pfleger im Schnitt 3,8 Patienten, sagt Angela Häusling.
  3. Wenn in die Pflege mehr Geld investiert wird – hilft das allein oder ist es nur ein Teil der Lösung? Ganz klar ja, davon ist Ines Happle-Lung überzeugt: "Es braucht Geld, um die akute Not zu lindern", sagt sie, "der Dreh- und Angelpunkt ist das Personal." Eine bessere Bezahlung könnte ein Anreiz sein. Sie spricht aber auch von der Wertschätzung, die Pflegekräften oft fehle. Angela Häusling sieht im Geld allein keine goldene Lösung. Die Hierarchien im Gesundheitssystem gelte es aufzulösen, Ärzte und Pfleger sollten auf Augenhöhe zusammenarbeiten.
  4. Was kann die Politik tun und was sagt sie zu? Für Bärbl Mielich ist die Einführung der Fallpauschale im Jahr 2004 der Sündenfall, der den Pflegenotstand mitverursache. Es geht dabei um die Abrechnung von stationären Leistungen. Dies habe dazu geführt, dass man versuche, Personal effizienter einzusetzen und an der Pflegeleistung zu sparen. Mielich plädiert dafür, die Personalkosten als separate Säule bei den Betriebskosten abzubilden. Auch Tarifsteigerungen müssten refinanziert werden. Mielich sieht hier die Krankenkassen in der Pflicht. "Ohne Erhöhung der Mitgliedsbeiträge wird das nicht gehen". Konkrete Maßnahmen, die die Landespolitik ergreifen kann, nennt sie an diesem Abend nicht. Das Problem aber sei erkannt: "Wir müssen das Augenmerk aufs Personal legen."
  5. Was hat es mit der Akademisierung der Pflege auf sich? Pflege ist längst ein Studienfach. Der Wissenschaftsrat empfehle eine Akademisierung von 20 Prozent, berichtet Bärbl Mielich. Über diese könne eine Aufwertung der Pflege erreicht werden, zumal dies in anderen europäischen Ländern gängig sei. Als vorbildlich beschreibt sie einen Gesundheitscampus wie in Skandinavien üblich. Auch Angela Häusling steht zur Akademisierung, bemängelt aber, dass der Einsatz der studierten Pflege-Absolventen unkoordiniert verlaufe.
  6. Können Fachkräfte aus dem Ausland helfen? Stadtrat Normen Küttner (FGL), der sich aus dem Publikum an der Debatte beteiligte, mahnte an, dass es nötig sei, ausländische Kräfte zu rekrutieren. Angela Häusling bestätigte dies. Die spanischen Pfleger seien kompetent, sie bräuchten aber mehr Unterstützung, etwa, was die Sprache betreffe.

 

Digitalisierung

Auch im Bereich Pflege wird intensiv über die Digitalisierung nachgedacht. Der Landkreis will in diesen Bereich investieren. Auch dazu bestehen unterschiedliche Auffassungen. Ines Happle-Lung betont, dass eine digitale Krankenakte Vorteile habe, dass sie aber gepflegt werden müsse. Achim Gowin sagte: "Die Zettelwirtschaft hat auch funktioniert". Ein künftiger Einsatz von Robotern wird kritisch gesehen.