Es ist ein Pionierbau für pflegebedürftige Menschen. Im Erich-Bloch-Weg bringen der Spar- und Bauverein und die Spitalstiftung, unterstützt von der Altenhilfeberatung der Stadt Konstanz, die erste ambulant betreute Pflege-Wohngemeinschaft mit acht Plätzen nach den Vorgaben des neuen Wohn-, Teilhabe und Pflegegesetzes auf dem Weg. Weitere Wohngemeinschaften in allen Stadtvierteln sollen folgen. Schon vor der neuen Gesetzgebung hatten in Konstanz die Malteser im Seniorenzentrum am Fürstenberg und Hilliger von Thile in der Hardtstraße Pflege-Wohngemeinschaften eingerichtet.

Das neue Angebot fülle die Lücke zwischen häuslicher Pflege und Pflegeheim, sagt Petra Böhrer von der Altenhilfeberatung der Stadt Konstanz. Die WG eröffne Menschen mit Betreuungs- und Unterstützungsbedarf die Möglichkeit, selbstbestimmt im vertrauten Wohnumfeld in ihrem Quartier zu bleiben. Neben Genossenschaften wie den Spar- und Bauverein soll das neue Modell auch Privatleute ansprechen: "Wir wollen den Leuten Mut machen, eigene Wohngemeinschaften zu gründen, etwa in einem großen Haus. Wir begleiten sie dann beim Aufbau", sagt Petra Böhrer. Zusätzlich begleitet Demenz Support Stuttgart, eine Einrichtung der Erich und Liselotte Gradmann-Stiftung, die Aufbaubemühungen.

Auf einer Etage des dreigeschossigen Mehrfamilienhauses im Erich-Bloch-Weg entstehen derzeit acht WG-Plätze. Anders als in einem Heim bestimmen die Bewohner selbst, wie sie ihr Zusammenleben gestalten wollen. Sie handeln dies untereinander aus, angefangen von der Frage, ob sie kochen oder einen Lieferdienst beanspruchen wollen. Das Leben in der WG bietet den Bewohnern die Chance, vieles selbst zu entscheiden, allerdings müssen sie dann eben dieses auch miteinander ausdiskutieren und organisieren. Unterstützung bekommen sie über 24 Stunden von einem Alltagsbegleiter der Spitalstiftung. Dieser hilft hauswirtschaftlich und sozial, übernimmt aber keine Pflege. Diese liegt in der Hand eines ambulanten Dienstes, den jeder Bewohner für sich selbst bestellt. "Das ist anders als das Rundum-Sorglos-Paket eines Heims", sagt Petra Böhrer. In der Talgartenstraße plant die Spitalstiftung eine weitere Pflege-WG mit acht Plätzen.

Der Neubau im Erich-Bloch-Weg entsteht unter der Regie des Spar- und Bauvereins (SBK). Er vermietet die Etage für die Wohngemeinschaft an die Spitalstiftung, dem Träger der neuen Einrichtung. Freie Zimmer in der WG werden Mitgliedern des SBK zuerst angeboten, sagt Vorstandsvorsitzender Ralph Buser. Er geht davon aus, dass seine Genossenschaft der Pionier-WG weitere folgen lässt. Ziel sei es Menschen, die seit Jahrzehnten in einem Stadtviertel wohnen, eine Möglichkeit zum Bleiben zu geben, auch wenn das Wohnen in den bisherigen eigenen vier Wänden aus Altersgründen mühsam wird. Buser hofft, dass das neue Angebot unter anderem Senioren anspricht, die wegen Alterseinschränkungen nur mehr Teile einer großen Familien-Wohnung nutzen können, für die aber auch der Umzug in ein Heim nicht in Frage kommt.

Wie viel ein Platz in der Pflege-WG kosten wird, kann die Spitalstiftung noch nicht beziffern. Ziel sei es aber, Mieten und weitere Kosten so zu gestalten, dass Bezieher von Sozialhilfe nicht ausgeschlossen sind. Teile der Kosten fallen in Erstattungsleistungen von Kranken- oder Pflegeversicherung. Aus den ersten Interessenten will die Spitalstiftung die drei bis vier Erstbezieher der WG zusammenbringen. Danach gibt sich die Gruppe die WG-Statuten, in der sie unter anderem das Prozedere für die Aufnahme weiterer Mitbewohner regelt. "Wir als Spitalstiftung begleiten und moderieren den Prozess", sagt Annette Bortfeldt vom Pflegemanagment der Stiftung. Diese betreibt unter anderem mehrere Pflegeheime in Konstanz. Auf die Frage, ob die Wohngemeinschaften diesen Einrichtungen nicht Konkurrenz machen, sagt Stiftungsdirektor Andreas Voss: "Für uns ist das eine sinnvolle Erweiterung des bisherigen Angebots. Wir stellen es auf eine breitere Basis." Dies sei auch notwendig. Denn der Bedarf an Plätzen für pflegebedürftige Menschen werde steigen. Und wer eignet sich nun für so eine WG? Petra Böhrer von der Altenhilfeberatung sagt, Interessenten sollten ein gewisses Maß an Toleranz, Konflikt- und Kompromissfähigkeit mitbringen und Freude haben am gemeinschaftlichen Wohnen.

So geht es weiter

In etwa einem Jahr soll die neue Pflege-WG im Erich-Bloch-Weg fertig gebaut sein. Es handelt sich um den Zusammenschluss von zwei Vier-Zimmer-Wohnungen, die sich auch wieder konventionell nutzen lassen, sollte die WG je keine Zukunft mehr haben. Den Bewohnern stehen neben dem Privatzimmer zwei Aufenthaltsräume und ein großer Ess-Wohnbereich zur Verfügung. Die Wohnungen sind barrierefrei gestaltet, zu ihnen gehört eine Tiefgarage. Wer Interesse an WG-Gründungen oder allgemeine Fragen zur Pflege-WG hat, kann sich an Petra Böhrer von den Altenhilfeberatung der Stadt Konstanz wenden. Weitere Informationen: www.altenhilfeberatung-konstanz.de

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