Konstanz Pflegenotstand in Konstanz: Während die Stadt wächst, stagnieren Pflegeangebote

Es fehlen Pflegeplätze in Konstanz, aber und nicht nur das. Das machte eine Diskussion im Sozialausschuss deutlich – wie die Kommunalpolitik einer Lösung hinterläuft

Diese Attraktivität hat ihren Preis: Konstanz wächst rasant, eventuell kratzt die Stadt im Jahr 2035 an der 100.000-Einwohner-Marke. Damit steigt der Bedarf an Infrastruktur. In jedem Bereich. Bei der Nahversorgung, beim öffentlichen Nahverkehr, bei der Kinderbetreuung. Könnten diese drei Beispiele noch zu den lösbaren Aufgaben zählen, gleicht die Befriedigung des stationären Pflegebedarfs einem Lauf im Hamsterrad. Wie viele Unbekannte es hierbei zu lösen gibt, ist im Sozialausschuss deutlich geworden.

Das Thema kommt regelmäßig auf den kommunalpolitischen Tisch, und regelmäßig beklagen Vertreter der Verwaltung, des Gemeinderats unisono mit Interessenvertretern vornehmlich der älteren Bürger den großen Mangel an stationären 24-Stunden-Pflegeplätzen. Der nach einer Vorausberechnung der städtischen Altenhilfeberatung im Jahr 2035 vier fehlende Plätze bedeutet; das allerdings bei optimistischer Betrachtung und unter der Annahme, dass die Bevölkerung auf knapp 96.000 Bürger anwächst.

Diese Prognose erarbeitete Statistiker Tilmann Häuser anhand mehrerer Kriterien. Bei der Zahl handelt es sich allerdings um einen Mittelwert. Im besten Fall wohnen 2035 rund 93.300 Menschen in der Stadt. Bei größt anzunehmeden Zuzug wären es fast 100.000, wodurch es nicht bei den vier fehlenden Pflegeplätzen bliebe. Mehr noch: Die Berechnung der Altenhilfeberatung endet 2035. Doch erst danach erreichen die geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1966 ein Alter, in dem sie pflegebedürftig werden könnten.

Das sind die Zukunftsprognosen

Aktuell fehlen 111 Plätze, in drei Jahren sind es laut Altenhilfeberatung 115, 2025 dann 56 und im Jahr 2030 gibt es eine Unterdeckung von 22 Plätzen – ab diesem Zeitpunkt sinkt der Bedarf vorübergehend. Die Situation verschärft sich in den nächsten Jahren zusätzlich durch eine Änderung in der Landesheimbeauverordnung, wonach es nach dem Jahr 2019 nur noch Einzelzimmer in den Häusern geben darf. 35 Plätze fallen hierdurch in den zehn Konstanzer Einrichtung weg – mindestens, denn bei manchen Angeboten lässt sich die genaue Zahl noch nicht berechnen.

Ambulante Pflegeangebote in der Stadt helfen bei diesem Thema nicht weiter, die Schaffung von weiteren Pflege-WGs bringt nur Linderung. "Sie sind kein Ersatz", ist Ewald Weisschedel (FW) der Auffassung. Schon vor 15 Jahren habe Konstanz darüber diskutiert – über den Mangel an stationären Pflegeplätzen. Trotz allen Bemühens, Konstanz hinkt hinterher.

Ohne den geplanten Bau der Pflegeheime im Weiherhof durch die Spitalstiftung und in der Jungerhalde mit der Arbeiterwohlfahrt als Betreiberin sähe die Lage im kommenden Jahrzehnt noch schlechter aus. Weitere Heime müssen her, dessen ist sich der Sozialausschuss bewusst und wiederholte damit in seiner Sitzung eine stetige Forderung. "Wenn wir dieses Tempo weitergehen, fahren wir das Thema Pflege an die Wand", sagte Normen Küttner (FGL). Neue Pflegeheime schön und gut, und auch gerne in den Neubaugebieten Gerstäcker und Nördlich Hafner, wie von der Altenhilfeberatung dringend empfohlen. Das große Aber schob Küttner hinterher: Am Hafner passiere bis 2030 nicht viel, so bald auch im Gerstäcker nicht.

Störfeuer gegen Projekte

Somit waren zwei Problemfelder auf dem Tisch: Mangel an Plätzen, Mangel an Standorten. Ist einmal ein Standort gefunden, besteht die Gefahr von Störfeuer. "Es kann nicht sein, dass einzelne Bürger Projekte befeuern, und sich Ratskollegen dem auch noch anschließen", beklagte Marcus Nabholz (CDU). Er sprach damit das Projekt der Caritas an, das Zoffingen zu einem Pflegeheim umzubauen. Dagegen gibt es massive Proteste einer Interessengruppe, unterstützt von FGL-Stadtrat Peter Müller-Neff. Daran anknüpfend sagte Jan Welsch (SPD): "Ich habe den Eindruck, dass es in Konstanz leichter ist, ein Hotel zu errichten." Eine Verzögerung wie bei der Jungerhalde dürfe es beim Zoffingen nicht geben.

Welsch stieß ins gleiche Horn wie Küttner, die Umsetzung neuer Baugebiete mit Platz für weitere Pflegeheime sei zu unkonkret. Greifbare andere Ansätze kamen im Sozialausschuss nicht zur Sprache. Der SPD-Rat machte das dritte Problemfeld auf: "Wir brauchen aber auch einen Betreiber." So wird bei der Kommunalpolitik beim Thema Pflege noch mehrfach Alarmstimmung herrschen. Vor allem bei der von Normen Küttner vermutlich wichtigsten gestellten Frage: "Wer soll denn pflegen?" Noch ein Problemfeld.

Das ist geplant

Im zweiten oder dritten Quartal des kommenden Jahres will die Spitalstiftung mit dem Bau des Pflegeheims im Weiherhof nahe dem Businesspark beginnen, sofern das Baurecht erteilt werde. Fertigstellung soll im Jahr 2021 sein, erklärt Stiftungsdirektor Andreas Voß im Sozialausschuss. Auch in der Jungerhalde soll es 2018 losgehen. Nach einer Bauzeit von etwa eineinhalb Jahren könnte das von der Wobak errichtete und von der Arbeiterwohlfahrt betriebene stehen. Rund 60 stationäre Pflegeplätze soll es künftig beherbergen, im Weiherhof sollen es 75 werden. In Konstanz gibt es derzeit zehn Pflegheime oder Einrichtungen, die stationäre Pflegeplätze anbieten.

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