Die Texte der Chorgesänge sind von emotionaler Macht. „O Tod, wie bitter bist du“, „Die Finsternis brach herein“, „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“, am Ende tröstlicher, keineswegs angstfrei „Die Nacht ist kommen“. Mit Klängen und Gesängen drangen die Worte tiefer, ließen keinen Rest in genüsslicher Oberfläche stecken bei diesem Konzert des Konstanzer Kammerchors und des Stuttgarter Organisten Sebastian Bartmann. Michel Auer hatte unter dem Pilatus-Wort „Ecce homo“ ein Passionsprogramm gewählt, das keinen Augenblick Weghören oder gar Flucht ins ästhetisch Unverbindliche erlaubte. Zumal er den Ausdruck aller Werke unmittelbar lebendig werden ließ, ohne je in Masche oder Manier überbietender Ausdruckseffekte zu geraten. Dazu kam das Attackierende der Orgelkunst Sebastian Bartmanns, der die Extremwerte des Pfeifenorchesters vom dreifachen Pianissimo bis zum vierfachen Fortissimo in stark registrierten Werken zu hohen Klangspannungen führte und zugleich Max Regers 100. Todestages (11. Mai) gedachte.

Neunzig Minuten Klangzeit, vok al-instrumentaler Wechsel. Orgelkünste. Bachs Vorspiel „Nun komm, der Heiden Heiland“ begann mit der Hoffnung auf die Erlöserankunft: Schritte nahen, Verwandlung des Chorals in still-festliches Melos. Später eine freie Improvisation, Klangbilder der unerlösten Welt – trostlos, kalt, fahle Klangflächen, Stimmenvibrato, schrille Hoch- gegen drohende Tieftöne, Flucht am Ende ins kaum Hörbare. Gegen solche Kunst-Verzagtheit agierte der manual- und pedalfeste Organist mit Regers „BACH-Fantasie und Fuge“. Das klang in den Toccaten-Sequenzen (dreifaches Forte am Anfang in wildem Nebeneinander der Tonarten und Kolossalakkorde) nicht nach zynischem Optimismus, sondern nach Energie, nach Wagnis der Humanität.,

Und dann waren da die Chorkünste. Vier- bis achtstimmig, alle Proportionen waren deutlich, alle Linien präzis, die Einsätze kamen auf Punkt und Kontrapunkt. Die Soprane leuchteten in der Höhe, hatten weiten chor-melodischen Atem. Die Altistinnen besaßen ein zart samtenes Timbre, die Tenöre Sicherheit im Deklamatorischen wie im Thematischen, die Bässe setzten Volumen ohne Helden-Tönung ein, profund mit sicherer Klangverbundenheit. Die harmonische Herbheit in Siegfried Redas „Ecce-Homo“-Motette brachte eindringliche, nie aufdringliche Dynamik: Forte-Rufe, Mitleids-Piano für die „Elenden“, verhaltener Lobgesang am Ende. Härter und näher tönten die Gegensätze in Poulencs Kreuzigungsmotette „Finsternis brach ein…“ Dur-Schrei am Kreuz, ergreifendes Pianissimo des Todesaugenblicks! Dagegen wirkte MacMillans Verheißung des „ewigen Lichts“ fast historisch in Harmonien und poetischer Sprachrhythmik.

Hauptgesänge: Regers achtstimmige Mottette „O Tod, wie bitter bist du“ und Bachs „Komm, Jesu komm“. Stille Klage, Fortissimo-Anklage über die Todesbitternis, dann derselbe Text als Unisono von höchster, einfachster Expression. Wunderbar die Choral-Aria des Schlusses, die sich mit derselben Form und ähnlichem Ausdruck mit Bachs Schluss-Andante verband. Bachs Fuge bot Bravour der Stimmen, die „Komm“-Rufe waren Akkord-Dialoge, der „saure Weg“ formulierte Klage, ehe die Befreiung im doppelchörigen Concerto der Stimmen gelang: „Die Wahrheit und das Leben“. Aus vollem Mittelschiff kam langer Dank. Zum Abschied gab es das herrliche „Nachtlied“ Regers.


Konstanzer Kammerchor

Als Vokalensemble besteht der Kostanzer Kammerchor bereits seit über 50 Jahren. Im Kulturleben der Stadt hat er durch seine anspruchsvollen Konzerte, die auch nur selten aufgeführte oder moderne Werke umfassen, einen festen Stellenwert. Besonders pflegt der Chor das Singen a cappella, also ohne Instrumentenbegleitung. Wer mitmachen will, muss vorsingen. (rau)