Wohnen, wo andere Urlaub machen. Dolce Vita, unbeschwertes Dasein, heile Welt. Der See, die Berge, die historischen Gassen, die Weinstuben. Wohnen, wo andere Urlaub machen – Konstanzer gehen mit diesem Spruch gerne hausieren. Er ist ja auch wahr. Zumindest in der einen Welt. In der am Hörnle, auf der Marktstätte, an der Seestraße, am Rheinsteig oder im Musikerviertel. Dort, wo Kultur, Reichtum oder zumindest das gebildete Bürgertum beheimatet sind. Segelboote, Limousinen, Villen, Eigentumswohnungen, sichere Arbeitsplätze.

Die zweite Welt: Alkohol, Drogen, Gewalt

Kommen wir nun zur anderen Parallelwelt. Die liegt irgendwo in Wollmatingen. Wer hier in Sozialunterkünften wohnt, ist am Rand der Gesellschaft gestrandet. Vor dem Landgericht lief nun ein Prozess, der einen alarmierenden Einblick in diese Realität gewährte. Eine Realität, die geprägt ist von Alkoholismus, brutaler Gewalt und Drogenkonsum. Polizeibeamte berichten von den unmenschlichen Zuständen. Bewohner bezeugen, dass hier niemand sicher ist und jeder nur für sich und seine Interessen lebt; man kennt sich, wenn überhaupt, nur mit Spitznamen.

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Menschenunwürdige Unterkünfte

Unter einem Dach hausen bis zu 36 Menschen mit hohem Konflikt- und Gewaltpotenzial. Die zum Teil menschenunwürdigen Unterkünfte bilden einen abgeschlossenen, eigenen Kosmos. Früh am Morgen hochprozentiger Alkohol, Prügeleien, Angriffe auf Polizeibeamte oder sinnlose Sachbeschädigung. Wenn die Polizei hierher gerufen wird, fahren mehrere Streifen- oder Einsatzwagen los. „Hier knallt es immer“, sagt eine Beamtin. „Hier will niemand freiwillig hin.“

Reich – und doch so arm

Die Abgehängten unserer Gesellschaft. Wer den Anschluss nicht findet oder nicht halten kann, dem droht das soziale Abrutschen. Auch in einer so schönen Stadt wie Konstanz. Wir diskutieren über mondäne Hotels, beleuchtete Fahrradwege oder Bierpreise auf dem Oktoberfest – und bemerken gar nicht, dass abseits dieser Luxusprobleme eine Gesellschaft entstanden ist, die ein Leben führt am Rande des Existenzminimums. Nicht vergessen: Wir reden hier von der reichen Stadt Konstanz.

Schick essen? Dickes Bankkonto!

Im Handlungsprogramm Wohnen seien bis 2035 rund 1900 neue Wohnungen mit Sozialbindung vorgesehen, sagt Hans-Joachim Lehmann von der Städtischen Wohnbaugesellschaft – auf der Warteliste standen im Sommer rund 3300 Einträge. Luxusbauten entstehen an allen Ecken, der Mietpreis klettert, und wer in Konstanz schick essen gehen möchte, sollte über ein gut gefülltes Bankkonto verfügen. Mieten können sich die Bewohner nur in diesem heruntergekommenen Gebäude leisten. Das ist aus Sicht der anderen praktisch: Man muss nicht damit rechnen, dass diese Personen im Musikerviertel, in Allmannsdorf, Egg oder Litzelstetten als Nachbarn auftauchen. Und so werden sozial schwächere Menschen ausgeschlossen aus der feinen Konstanzer Gesellschaft.

Wir hier oben, ihr da unten

Ghettoisierung hat hier längst stattgefunden. Die Stadt weiß von den Zuständen, wirkt jedoch ratlos. OB Uli Burchardt propagiert das beste Konstanz aller Zeiten. Für viele mag das zutreffen, für andere klingt das wie Hohn und Spott. Die Qualität einer Gesellschaft erkennt man an ihrem Umgang mit den Schwächsten. Die Verwaltung sagt, dass sich jeder Bürger an den städtischen sozialen Dienst wenden und sozialpädagogische Hilfe in Anspruch nehme könne. Das stimmt wohl und ist auch löblich – doch ist angesichts der Lebensrealität der Betroffenen aber weltfremd. Viele wollen sich nicht helfen lassen. Auch das ist eine Wahrheit.

Einige der Reichen und Schönen sind längst unter sich. Von denen da unten will man nichts wissen. Dafür ist es auf den Weinfesten zu schön.

Darben, wo andere Urlaub machen.